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Mein progressiver Alttag (“Senioren-Journal” vom 26. April 2014)

Alec Guinness, der große englische Schauspieler, kam sich zeitlebens wie ein Hochstapler vor, weil er in seinem Alltag einen Erwachsenen spielen musste, obwohl er sich wie ein Kind fühlte. Stets fürchtete er, dass man ihm auf die Schliche kommen könnte.
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Ich kenne das Gefühl. Von früher. Doch den Erwachsenen darzustellen, das war ein Kinderspiel im Vergleich zu meiner neuen Rolle: der alte Mann. Ich fühle mich katastrophal fehlbesetzt. Merkt denn niemand, dass ich erst 14 bin? Aber leider kann ich die Rolle nicht ablehnen. Also spiele ich sie. Unverdrossen.
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Unverdrossen, das ist auch mein Zauberwort, um der neuen Aufgabe gerecht zu werden. Denn wer verdrossen durchs Alter schlurft, verkürzt seine Spielzeit auf der Lebensbühne. Gott weiß, welche Rolle danach auf uns wartet, weiß Gott nur Gott! Also spaziere ich unverdrossen durch meinen Alltag, der ein im Wortsinn progressiver Alttag ist – fortschreitend ins immer ältere Alter.
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Von nun an will ich Sie im »Senioren-Journal« an meinem progressiven Alttag teilhaben lassen. Dass dabei auch diverse Zipperlein zur Sprache kommen, liegt in der Natur der Sache. Aber auch das soll uns nicht verdrießen, denn je mehr Zipperlein wir kriegen, desto mehr neue Wörter lernen wir, das hält die grauen Zellen frisch.
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Heute kommt das »Articulatio carpometacarpalis pollicis« dran, das »Arpometakarpalgelenk des Daumenstrahls«, ein »Sattelgelenk zwischen dem großen Vieleckbein (Os trapezium) und dem ersten Mittelhandknochen. Da das Gelenk sattelförmige Gelenkflächen besitzt, kann es in zwei Achsen bewegt werden, wobei die Kombination dieser beiden Achsen eine Beweglichkeit ähnlich einem Kugelgelenk ermöglicht« (Wikipedia).
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Ermöglicht? Ermöglichte. Denn an meinem Daumensattelgelenk hat der Zahn der Zeit den Knorpel buchstäblich bis auf die Knochen weggenagt. Eine sehr typische Altersarthrose, sagt der Arzt, den ich nach langem, mit immer größerer Ungeduld ertragenem Leiden aufsuchte. Wenn mir früher die Liebste ein Glas in die Hand drückte, dessen Schraubverschluss sie nicht öffnen konnte, reichte sie es mir, ich drehte mal kurz, es klickte, und stolz reichte ich das Glas zurück. Wenn ich heute ein Glas in die Hand nehme und hilflos am Schraubverschluss fingere, nimmt SIE mir das Glas aus der Hand, es klickt, und mitleidig reicht sie mir das Glas zurück.
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Leider wird es dabei bleiben, denn der Arzt machte mir keine Hoffnungen auf Besserung – es sei denn, ich ließe mich operieren. Dabei werde der fehlende Knorpel durch ein Stück Sehne ersetzt …. doch davor gruselt es mich Hypochonder, davon will ich nichts wissen.
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Wie damals, als ich erfuhr, dass meine beiden großen und schiefen Zehen einen gemeinsamen Namen haben: »Hallux valgus«, Großzehenschiefstand. Anscheinend erblich bedingt, denn auch meine große Schwester hatte schiefe Zehen. Sie ließ sie operieren und konnte danach ein Jahr lang nur mit einer Art Geschirr an den Füßen durch die Gegend humpeln. Ich blieb lieber mannhaft unoperiert und kämpfte mich mit meiner scheppen Zehe heldenhaft durchs Leben, statt sie mir geradeschnippeln zu lassen.
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Doch nun beginnt die Uhr zu ticken, mit der großen Zehe als Zeiger. Und der rückt vor, bedrängt den vergleichsweise gerade gewachsenen Zeh daneben (wie nennt man den? Zeigezeh?), was lästig und auch unangenehm ist, denn der Scheppe schabt am Nachbarn, schiebt sich langsam über ihn, so dass ich die Zehen mit der Hand auseinander drücken muss, bevor ich den Schuh über sie ziehe. Vor Jahren, als ich über die noch milde Form meines Hallux valgus schrieb, wusste eine Leserin Rat: »Es gibt eine wirksame Gymnastik, sie nennt sich Spiraldynamik. Es gibt Physiotherapeuten, die Kurse anbieten und in denen Sie ausschließlich auf Mitglieder Ihrer liebsten Zielgruppe treffen.«
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Verheißungsvoll. Aber zu spät für mich, der Zeiger wandert unerbittlich voran beziehungsweise nach nebenan. Doch ich weiß Rat. Endlich kann ich etwas mit dem Kistchen Zigarren anfangen, das mir ein nicht sehr guter Bekannter zu Weihnachten geschenkt hat (wären wir besser bekannt, wüsste er, dass ich Nichtraucher bin). Schnipp, schnapp, schnipp, schnapp, schon ist die Brasil geviertelt, zwei der Stückchen hebele ich zwischen die großen und die von ihr bedrängten Nachbar-Zehen, was die großen leicht zurückschiebt, die kleinen besser vor ihnen schützt – schon habe ich den optimalen Hallux-valgus-Puffer erfunden, denn die Zigarrenstückchen sind weich und stabil zugleich, drücken nicht und zerbröseln nur langsam – eine Brasil hält zwei Tage. Angenehmer Nebeneffekt: Der Fuß verbreitet einen würzigen Duft, ich mache also auch der Fuß-Deo-Branche Konkurrenz.
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Nun muss ich aber noch zugeben: Die Zigarren waren nur meine zweite Wahl als Zehen-Puffer, die erste ist noch preiswerter, in jedem zweigeschlechtlichen Haushalt stets greifbar, zerbröselt nicht, ist leichter zu handhaben und erfüllt ihren Zweck mindestens genauso gut. Doch mir wurde kategorisch verboten, die Methode zu benutzen oder gar darüber zu schreiben. Bei Zuwiderhandlung müsste ich mir eine neue Schraubverschluss-Öffnerin suchen.
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Aber stimmt das alles überhaupt? Habe ich das Alec-Guinness-Problem? Kann ich keinen Schraubverschluss mehr öffnen? Plagt mich der Hallux valgus? Bin ich Hypochonder? Laufe ich mit Zigarren zwischen den Zehen herum? Die alte Leserfrage nach dem Wahrheitsgehalt in Glossen wie meiner beantworte ich mit einer Gegenfrage: Glauben Sie etwa, Bosch kann sprechen, der alte Kühlschrank, mit dem der große Kollege Axel Hacke seine wunderbaren Dialoge führt?
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Aber ganz ehrlich: In dieser Kolumne lasen sie die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Mit einer kleinen Ausnahme: Ich kam zwar auf die Idee mit der Zigarre, habe sie aber nicht in die Tat umgesetzt. Zu groß ist meine Angst, wegen einer plötzlichen Alters-Unpässlichkeit in Ohnmacht zu fallen und im Krankenhaus zu erwachen, umringt von Ärzten, Schwestern und Pflegern, die kopfschüttelnd auf meine nackten Füße schauen, aus denen zwischen den Zehen zwei Zigarren hervorlugen – und schon den Weitertransport in die Licher Straße veranlasst haben.

Baumhausbeichte - Novelle