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Sport-Stammtisch (vom 26. April)

Soll ich all das wiederkäuen, was ich über den »Fetisch Ballbesitz« in dieser Kolumne schon zu oft vorgekaut habe? Dass statistische Spielereien wie »Ballbesitz« im besten Fall vage Anhaltspunkte bieten, die nur mit anderen statistischen Größen und im Abgleich mit Fußball-Erfahrungswerten sinnvolle Aussagen beinhalten? Nein. Ist ja auch nicht mehr sehr originell, sondern fast schon Mainstream. Spätestens seit der ersten Halbzeit von Madrid: 80 Prozent Ballbesitz für ein »Barca ohne Messi«, aber Spielstand 0:1, und es hätte sogar 3:0 für Real stehen können.
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Wer den Ballbesitz auf die Spitze treibt, der gewinnt nicht. Wetten?! Denn: Wie geht ein Fußballspiel aus, in dem eine der beiden Mannschaften den rechnerisch und regeltechnisch maximal möglichen Ballbesitz hat? Siehste!
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Muss ich das aufdröseln? Nein. Für Zweifler nur der Hinweis: Hundert Prozent Ballbesitz sind nicht möglich, und bei dem maximal erreichbaren Prozentsatz (neunundneunzigkommaneunnochwas) gibt es ein einziges Ergebnis. Welches?
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Von allen Abzählereien ist nur eine aussagekräftig für das Ergebnis, das aber endgültig: die Zahl der geschossenen Tore. Kurz dahinter folgt jedoch schon das Eckenverhältnis. Allerdings nur nach der alten Bolzplatz-Regel »Drei Ecken – Elfmeter«. Wäre sie in der Champions League gültig, müssten sich die Bayern nach dem 15:3 von Madrid keine Sorgen um das Rückspiel machen.
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Seltsam eigentlich: »Drei Ecken – Elfmeter« gilt nicht, aber an der ähnlich nostalgischen »Tatsachenentscheidung« wird stur festgehalten. Ach … lassen wir das.

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Mut machen könnte den Bayern eine andere Bauernfußballregel: »Wer 1:0 führt, der stets verliert.« Allerdings galt diese Regel nur bis zur Einführung der bei Gleichstand doppelt zählenden Auswärtstore. Seitdem lautet die vertrackte fußballspezielle Relativitätstheorie: Auswärts ein Tor schießen ist relativ viel, kein Tor schießen absolut wenig.
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Woran schon Borussia Dortmund gescheitert ist. Aber ausgerechnet der BVB könnte den Bayern neuen Mut machen, denn der lag sogar 0:3 zurück und hätte die angstschlotternden Madrilenen beinahe noch rausgeworfen. Wenn dies den Bayern trotz vergleichsweise deutlich ausbügelbarerem Rückstand nicht gelingen sollte, und wenn vielleicht sogar noch der DFB-Pokal … armer Guardiola. Kennen Sie den Unterschied zwischen ihm und echten Päpsten? Johannes Paul II. und Johannes XXIII. wurden nicht schon zu Lebzeiten heilig gesprochen. Guardiola droht nun sogar nach der vorzeitigen Heiligsprechung das eherne Mediengesetz, beim ersten Anschein menschlicher Fehlbarkeit exkommuniziert zu werden. Churchill hat es einst deutlicher ausgedrückt: Die Deutschen hat man entweder zu Füßen oder an der Kehle.
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Man mag es glauben oder nicht, aber während des Schreibens fällt mir ein, da war doch mal was … mit Churchill und Guardiola … ich klicke ins Archiv, gebe »Churchill«, »gw« und »Guardiola« ein, und finde dieses Textfragment vom Juni letzten Jahres: »Aber, lieber Pep, in Ihrem Fall liegt Churchill knapp daneben. Nicht ›entweder/oder‹ sondern ›erst/dann‹, diese Reihenfolge ist Ihnen sicher.« – Ich hatte es glatt vergessen. Zu dieser und anderen Alterserscheinungen lesen Sie bitte meinen Beitrag im »Senioren-Journal« (liegt heute bei) oder fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.
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Churchill? Churchill? Wer ist Churchill? Auch das, liebe jüngere Leser, falls es sie beziehungsweise Sie noch gibt, löse ich, weil zu leicht, nicht auf. Dann googelt mal schön.
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Übrigens, nachdem das Churchill-Bonmot millionenfach zitiert worden war, forschte jemand nach und fand heraus, dass nirgendwo belegt werden kann, dass Churchill diesen Satz jemals gesprochen oder geschrieben hat. Auch das fiel mir jetzt wieder ein, nach Schäubles Hitler-/Putin-Vergleich und Tönnies’ Ankündigung, mit Schalke Putin zu besuchen. Beides bewirkte ein tosendes Echo, einer nach der anderen und eine nach dem anderen mussten ihre Empörungsrituale medial abfeiern, obwohl Schäuble Putin nicht mit Hitler verglichen hatte und ein Schalke-Besuch im Kreml nicht auf dem Programm steht. So funktionieren nun mal die neuen Medien (und die alten sie nacheifernd mit ihnen): Einen langen Text kurz überfliegen, mit einem knackigen Satz falschinterpretieren, aber damit das provozieren, was der Sinn der Sache ist: Klicks, Klicks, Klicks. Die blähen die Werbe-Blase auf, und wenn die platzt … schon wieder fällt mir etwas ein, das alte Gedächtnis, es funktioniert doch noch. Aus einem »Anstoß« vor fünf Jahren: »Mittlerweile warten die Pessimisten nach dem Immobilien-Crash auf das noch angsteinflößendere Platzen der Kreditkarten-Blase, nur ich als alter Apokalyptiker bin bereits einen Schritt weiter bzw. näher am Abgrund und warte schon auf das Platzen der Werbeblase. Dann wird Heulen und Zähneklappern sein, auch dort, wo wir uns thematisch langsam wieder hinbewegen: im Sport.«
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Siehe Gazprom. Es gibt viele Gazproms, sie haben nur andere Namen, auch hoch angesehene, und alle pumpen Geld in die Pipeline des Sports. Der zahlt mit seiner Glaubwürdigkeit.
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Glaubwürdigkeit: Die war schon vor einer Woche mein Thema, als BVB-Watzke tönte, die Bayern hätten im Gegensatz zu den Dortmundern ein Glaubwürdigkeitsdefizit – eine Aussage mit deutlichem Glaubwürdigkeitsdefizit.
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Wem soll man was glauben? Dem Kreter, der sagt, dass alle Kreter lügen? Johann Peter Hebel, Autor  prägnanter »Kalendergeschichten« (u.a. »Kannitverstan«), hat dazu eine Shorteststory geschrieben: »Ein Büblein klagte seiner Mutter: ›Der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben.‹ Der Vater aber kam dazu und sagte: ›Lügst du wieder? Willst du noch eine?‹«
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Ach so, welches Ergebnis? Nullzunull.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle