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Montagsthemen (vom 22. April)

Montagsthemen gibt es nach Ostern immer dienstags, das klingt zwar paradox und nach trotzigem Widerspruch, aber so sind wir sturen Hessen nun mal. Ich halte in dieser Kolumne daher auch stur am Oster-Ausstieg fest, selbst wenn er auf die Dauer als »inhaltsleer« kritisiert werden könnte.
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Das passt jedoch zum Osterfest, denn wenn schon lange vorher »überall Ostereier hängen und Osterfeste gefeiert werden, finde ich das inhaltsleer«. Wer sagt das? Es ist eine Frau, sie ruft zur Besinnlichkeit auf und gilt als Meisterin der kalenderspruchprallen Inhaltsleere. Hilfestellung: Sie ist kein Ex-Bischof und nicht aus Limburg, trotz Käse.
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Auflösung: keine, da zu leicht. Neues Rätsel: Um wen handelt es sich hier?: »Kurz darauf fiel ihm der Spruch eines ehemals erfolgreichen, inzwischen aber dem Ruhestand übergebenen Fußballtrainers ein, der sich für schlauer hielt, als er war, und einen Hang zu schiefen Aphorismen pflegte: Wenn Sie sich hinten am Arsch ein Haar ausreißen, bekommen sie vorne feuchte Augen, hatte der Mann gesagt, und er fügte hinzu: So hängt im Leben alles mit allem zusammen, meine Herren Journalisten« (aus Otto A. Böhmers Novelle »Calwer Frühling«, die im Herbst 2014 erscheint).
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Ebenfalls zu leicht für eine Auflösung. Aber auch in den dienstäglichen »Montagsthemen« hängt alles mit allem zusammen, denn damit kommen wir zum Fußball, mit einem kleinen Umweg über Griechenland. Als, na klar, Otto Rehhagel voriges Jahr im Regierungsauftrag zur Charmeoffensive dorthin geschickt wurde, verkündete der kalenderspruchpralle EM-Held von 2004: »Als ich damals hier war, hat es keine Krise gegeben, nur eine Fußball-Krise. Und die habe ich gelöst.« Da bekommt man vorne feuchte Augen, ohne sich hinten was auszureißen. Außerdem reißen sich Fußballer nicht hinten »was« raus, sondern »den« auf.
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Rehhagels EM-Kapitän Theodoros Zagorakis, jetzt Boss von PAOK Saloniki, ist von Regierungschef Samaras als Kandidat für die Europawahlen nominiert worden. Das brachte Zagorakis viel Kritik der Fans ein, aber nicht deswegen warfen sie beim Pokal-Halbfinale gegen Olympiakos Piräus ein paar Kilo vergammelte Anchovis auf die Ersatzbank. Sondern: nur so. Es stank fürchterlich, berichteten Augen- und vor allem Nasenzeugen. Es gab auch Schlägereien, Randale und Feuerwerks-Schießerei, was PAOKS Kölner Co-Trainer Joti Stamatopoulos im »Stadtanzeiger«-Interview unaufgeregt kommentiert: »Griechenland ist Griechenland. Es ist toll so etwas mitzuerleben, es war sehr schön anzusehen.«
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In der Bundesliga geht es ruhiger zu, auch rein sportlich. Es wird nach Lage der Dinge »nur« noch um Platz vier bis sieben gekämpft sowie im Drei- (Braunschweig, Nürnberg, Hamburg) oder maximal Vierkampf (Stuttgart) um den letzten Nichtabstiegsplatz, die Relegation und gegen den Direktabstieg. Braunschweig würde ehrenvoll absteigen, aber über drei Bundesliga-Dinos schwebt ein Damoklesschwert.
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Das Damoklesschwert verdanken wir Dionys, dem Tyrannen von Syrakus. Das hängte der üble Typ an einem Pferdehaar über seinen Höfling Damokles, ihm gleichzeitig köstliche Speisen servierend und damit das Sinnbild der im Genuss ständig drohenden Gefahr schaffend. Womit sich das »Damoklesschwert Abstieg« aber als schieferes Bild erweist als das im Loriot-Sketch unheilvoll zurechtgerückte, denn der Abstieg ist zwar eine ständig drohende Gefahr – aber wo bleibt der Genuss?
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Vor langer Zeit fuchtelte ich schon einmal juxend mit dem Damoklesschwert herum, woraufhin ein Leser »als optische Umsetzung« ein Cartoon schickte: Ein Mann macht die Tür zu einer öffentlichen Toilette auf, und über ihm hängt ein riesiges Schwert an der Decke. Text: »Über mir schwebte das Damoklesschwert. Ich hatte mich in der Tür geirrt.« Wo ist der Witz?,  dachte ich. Erst nach sehr, sehr langer Leitung und ratlosem Starren auf den Bilderwitz fiel mir das Brett, fielen mir alle Bretter vor dem Kopf wie (ein) Schuppen von den Augen, denn »über mir schwebte« nicht das Damoklesschwert, sondern »das Damenkloschwert«.
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Bleibt mir nur noch das Eingeständnis, erst seit heute zu wissen, dass die Anchovis kein Gemüse ist, sondern im Singular und Plural gleichnamige Fische sind, und dass Ostern für mich nicht nur zur Osterzeit gefeiert wird, sondern auch danach – denn ab sofort gibt’s all die wunderbaren Schokohasen zum halben Preis. Und nicht nur deshalb schwebt immer über mir das Damenkloschwert. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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