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Sport-Stammtisch (vom 19. April)

»Ich bin hier der einzige Rufer in der Wüste«, warnt Armin Veh nach der erneuten Eintracht-Niederlage. Der einzige? Und was ist mit Johannes dem Täufer? Auch bei dem geht es im biblischen Original darum, den Abstieg zu verhindern, den Abstieg in die Hölle. Wobei im Fußball »Abstieg« und »Hölle« Synonyme sind.
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Johannes der Täufer fordert als zweiteinziger Prediger in der Wüste reuige Sünder auf: »Bereitet dem Herrn den Weg«, womit die Gemeinsamkeiten aber enden, denn den Weg des Herrn Veh hat dieser selbst bereitet – weg von der Eintracht. Und diese bleibt weg von der Zweitliga-Hölle. Wetten, dass die 35 Punkte schon reichen?! Wobei es aber fatal wäre, wenn die Eintracht-Profis ähnlich selbstsicher dächten wie ich. Ich kann es mir leisten, die Wette zu verlieren. Ihr nicht!
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Auch Bayern München und Borussia Dortmund leisten sich was, zum Beispiel ein Traumfinale. Die Münchner leisten sich zudem den Luxus, ein 5:1 gegen Kaiserslautern als Menetekel einer Krise zu sehen. Die kann man auch herbeireden, wie der Menetekler Sammer. Im schlimmsten Fall kann so etwas enden wie im biblischen Original-Menetekel, als eine Schrift an der Wand des Palastes von Belsazar auftauchte und verkündete: »Mene-mene Tekel« (gezählt sind die Tage deiner Herrschaft). Aber doch nicht die der Bayern?!
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Die Bosse beider Klubs leisten sich ein Wortduell, das uns aus der Bibel in die Sophistik führt. BVB-Watzke sagt, das Bayern-Darlehen sei mit acht Prozent verzinst worden und Uli Hoeneß keine Mutter Teresa. Bayern-Höpfner kontert, der Zinssatz sei deutlich niedriger gewesen und Watzke ein schlimmerer Lügenbaron als Münchhausen. Was Watzke empört, denn er habe nicht gelogen, sondern eine falsche Zahl genannt, und er habe nie, wie jetzt Hopfner, jemanden persönlich angegriffen. Im selben Atemzug behauptet er aber, dass die Bayern-Verantwortlichen im Gegensatz zu denen im BVB ein Glaubwürdigkeitsdefizit aufweisen.
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Dröseln wir’s mal auf: Die Sache mit dem Glaubwürdigkeitsdefizit nicht als persönlichen Angriff zu interpretieren, kann selbst einem Sophisten nicht gelingen. Hoeneß als Nichtmutter Teresa dagegen ist eine schon vom Geschlecht her nicht zu widerlegende Tatsachenbehauptung. Aber wenn Watzke sagt, er habe nicht gelogen, sondern nur die Unwahrheit gesagt, frohlocken die Sophisten und holen ihren alten Kreter aus der Schublade und dessen Behauptung, dass alle Kreter lügen. Lügt der Alte – oder sagt er nur die Unwahrheit?
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Vertrackte Logik. Bei Paul »Gazza« Gascoigne, einem der alten Weisen des Weltfußballs, wird’s noch komplizierter: »Ich mache nie Prophezeiungen und werde das auch nie tun.« Oder der geläuterte Christoph Daum. Nachdem er Kokain-Konsum zunächst geleugnet hatte, anwortete er später auf die Frage, ob er noch einmal lügen würde: »Das schließe ich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln rigoros aus.« Da zu den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auch die Lüge gehörte, lässt uns diese Aussage ebenso ratlos zurück wie die des Kreters.
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In diesem sophistischen Zusammenhang noch einmal zurück zu Armin Veh und zu einem »Sport-Stammtisch« vor fünf Wochen: »Veh zu Schalke? ›Ich habe gelesen, dass ich einen unterschriftsreifen Vertrag vorliegen habe. Das stimmt nicht! Das kann ich definitiv ausschließen.‹ Was schließt er definitiv aus: Dass er zu Schalke wechselt? Oder nur, dass der vereinbarte Vertrag schon unterschriftsreif ist?«
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Apropos Veh: Der hat in Frankfurt einen prima Job gemacht, und wenn er am Saisonende geht, geht er raus mit Applaus. Das bisschen Spott von mir kann er locker verkraften. Zum Beispiel, dass auch er dem neuen Männermode-Trend der Nachhaltigkeit folgt: Den Konfirmandenanzug aufzutragen, auch wenn man nicht mehr reinpasst, scheint ja der neueste Schrei zu sein. Wie auch bei einem Kachelmann-Nachfolger, von dessen Wetter-Moderation mich immer der irritierende Gedanke ablenkt, ob er gleich aus dem Anzug platzen werde. Aber Mode ist nun wirklich ein ganz anderes Thema, von dem ein anzugloser Oberlaie wie ich die Finger lassen sollte.
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Jetzt freuen wir uns auf den Osterhasen, der kein Weihnachtsmann ist, wie Uli Hoeneß einmal metaphorisch sagte, um vor frühzeitiger Titelsicherheit zu warnen. In diesem Jahr könnte sich Hoeneß wünschen, dass Ostern schon Weihnachten ist, denn dann kommt er wahrscheinlich in den offenen Vollzug. Doch diesmal ist nur, und das ausnahmsweise, für alle Christen Ostern schon Ostern, denn in der orthodoxen Kirche gilt der alte Julianische Kalender, so dass östliches und westliches Ostern selten gleichzeitig gefeiert werden. Jetzt ist es wieder einmal so weit. »Kaló Páska!« (Gute Ostern), liebe Leser. Und heute, an diesem »Großen Samstag« (so heißt er bei den Orthodoxen), können wir uns alle zusammen das zurufen, was sich die Griechen gegenseitig wünschen: »Kalí Anástasi!« – Gute Auferstehung! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«   Mail: gw@anstoss-gw.de)

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