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Mittwoch, 16. April, 17.40 Uhr

Gestern in der Stadt, die sich für die Landesgartenschau herausputzt. Bericht von C.: Vor einem bepflanzten Kübel stehen ein städtischer Angestellter sowie ein Mann und ein Junge, offenbar sein Sohn, offenbar Türken. Der Junge fragt den Deutschen, was das bedeutet. Der Angestellte sagt, das sei ein sich selbst versorgendes Biotop (oder so, ich hab vergessen, was C. gesagt hat, ist auch für diese Geschichte ohne Belang). Der Junge sieht den Vater fragend an, der erklärt es ihm, beide sprechen mit dem Angestellten in sehr gutem Deutsch. Dann wendet sich der Vater seinem Jungen zu, beide sprechen miteinander türkisch. Da kommt forschen Schrittes der alte N.N. vorbei, zünftig altdeutsch gekleidet,  und zischt im Vorübergehen: “Deutsch müsste man können.”

Schade, dass ich nicht dabei war. Ich hätte ihn laut und fröhlich begrüßt: “Hallo, Herr N.N., immer noch das alte Arschloch?!”

Rückblende. Frühe 70er Jahre. Ich bin junger Volontär im ersten Monat. Im Ressort von N.N., der aber in Urlaub ist. Sein Vertreter aus einem anderen Ressort, dem meine ersten kleinen Artikel gefallen haben, stellt mir eine schöne Aufgabe: Ich soll verschiedene Alten- und Pflegeheime in Gießen und Umgebung besuchen, mit Menschen dort sprechen und eine Seite darüber schreiben. Eine ganze Seite! Und eine ganze Woche Zeit dafür! Wunderbar (so etwas ist heute, wenn überhaupt, nur noch in den großen Zeitungen und Zeitschriften möglich). Ich mache mich an die Arbeit, spreche mit den Leuten. Auch mit Leitern und Pflegepersonal. In einem großen privaten Altenheim gruselt es mich: Alte Menschen, kranke, gesunde, demente, zusammengepfercht mit sehr viel Jüngeren, die offenbar psychisch stark gestört sind. Die Leiterin, eine sehr resolute Frau, die mit Personal und Bewohnern ebenso umgeht, fasst Vertrauen zu mir, vielleicht, weil ich als damaliger Kraftsportler wirkte wie ein gemütlicher, leicht doofer Teddybär. Sie klagt mir ihr Leid: Überlastung, zu wenig Personal, so dass “sogar die Putzfrauen Spritzen setzen müssen”. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen, das kommt in den Artikel. Der erscheint, und sofort ruft der Manager der KG an, zu der das Heim gehört. Scheisst mich zusammen, verlangt eine Gegendarstellung. Ich erkläre ihm: In einer Gegendarstellung muss die Wahrheit stehen, und die Wahrheit habe ich ja geschrieben. Er könnte ja mal versuchen, eine Gegendarstellung durchzusetzen, auf die Gefahr hin, dass ich die Sache mit den Putzfrauen beweise, was für sein Heim alles nur noch schlimmer mache. Ich böte ihm aber an, einen Leserbrief zu schreiben: Da kann er über mich herziehen, wie er will, schimpfen und mich der Lüge bezichtigen, ich würde alles unverändert abdrucken, das sei mein Verständnis von Fairness. Mein böser Hintergedanke: Wenn der Brief kommt, veröffentliche ich ihn zwar in der Tat unverändert, hänge aber einen redaktionellen Schwanz an, in dem ich von dem Telefonat berichte.

Was natürlich, in meiner Unwissenheit über redaktionelle Abläufe, sehr anmaßend gedacht war. Ich hörte dann nichts mehr von der Sache. N.N. kam aus dem Urlaub zurück. Und plötzlich stand der Leserbrief in der Zeitung, mit wüsten Beschimpfungen, ich sei ein Lügner und ein dummer Kerl dazu. Ohne Anmerkung, ohne dass N.N. mir etwas gesagt oder mich gar zum Sachverhalt befragt hätte.

 

“Hallo, Herr N.N., immer noch das alte Arschloch?!”

 

 

Baumhausbeichte - Novelle