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Montagsthemen (vom 14. April)

Wir bleiben beim Stichwort »Freies Training« vom »Sport-Stammtisch« am Samstag und kommen zur Bestätigung in den »Montagsthemen«: In der Formel 1 wie im Bundesliga-Topspiel ist das Ergebnis nicht entscheidend, aber aufschlussreich für die nähere Zukunft.
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Noch ein Rückgriff: Im Blog »Sport, Gott & die Welt«, der »gw«-Zeitungskolumnen im Internet begleitet und ergänzt, standen am Freitag zwei Sätze die ich aus Platzgründen im Blatt weggekürzt hatte: »Schwächeln die Bayern? Mitte der Saison zeigten sie Fußball vom anderen Stern, jetzt ›nur‹ noch prima Fußball von dieser Welt.«
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Dass der FC Bayern die Champions League gewinnen wird, habe ich nicht weggekürzt. Ein Widerspruch? Vielleicht ein bisschen viel »motiviertes logisches Denken«, doch zu diesem Stichwort später. Kein Widerspruch, weil: Real ist nicht Borussia. Und auch nicht Atletico, denn diese Madrilenen sind spielmental mit Bayern-Schreck BVB vergleichbar. Zum Bayern-Glück steht Atletico aber gegen Chelseas Fußball-Stil auf verlorenem Posten.
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Nur eine Vermutung, gewiss. Ziemlich sicher aber, dass die »Intergalaktischen« von ihrem Selbstverständnis her nicht den Rollkommando-Fußball des BVB spielen können, dieses Zu-Tode-Hetzen eines scheinbar übermächtigen Gegners, denn Ronaldo und Co. halten es für unter ihrer fußballerischen Würde, im Rudel zu jagen. Doch viele Wölfe sind des eitel röhrenden Platzhirschen Tod. Zumal von diesem nach dem Bayern-Los kein Brunft-, sondern nur noch Angströhren durch den Blätterwald hallt.
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Endgültig ausgedient haben sollte nun das Ballgeschiebe- respektive Ballbesitz-Kriterium, das seit Barcelonas Tiki-Taka-Zeiten als Nonplusultra modernen Fußballs galt. Was es wirklich wert ist, sieht man, wenn Messi einen schlechten Tag erwischt oder Robben und Ribery von taktisch klug eingestellten Meutehetzern vom Strafraum weggebissen werden.
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Apropos: Erik Durm, rotapfelbäckig wie der junge Rummenigge, meldet erst Bale, dann Robben ab und könnte als Über-Schmelzer auch bei Löw landen. Der Junge wirkt zudem extrem angenehm, wenn er sich glaubhaft bescheiden noch weit hinter seinem BVB-Vorbild einordnet, dieses aber schon an Biss, Dynamik und Offensivkraft übertrifft. Und dies schreibt ein Schmelzer-Freund.
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Auch die Frage, ob Dortmund den Verlust von Lewandowski verkraften kann, nähert sich einer Antwort: Er kam erst, als es schon 3:0 stand. Die Frage bleibt, ob der Pole in München spielt wie in Dortmund – oder wie in Polen.
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Und nun zum Stichwort »motiviertes logisches Denken«. Hat der Schiedsrichter in Gelsenkirchen auf den Videowürfel geschaut, also Video-Hilfe (ha!) in Anspruch genommen? Er selbst widerspricht energisch: Er habe nicht hingesehen, denn das dürfe er gar nicht. Ein kleines sophistisches Meisterwerk.
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Vor einer Woche sah ein Schiedsrichter in England demonstrativ tatsächlich nicht hin und entschied auf Tor, obwohl Tottenhams Torhüter von einem West-Ham-Stürmer auf eindeutigste Weise schwer gefoult worden war. Die Tottenham-Spieler bedrängten den Schiedsrichter, auf den Videowürfel zu schauen, doch der guckte nicht hin, stur und trotzig wie ein kleines Kind, es fehlte nur, er hätte wie ein solches störrisch die Hände vor die Augen gepresst.
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Mir fällt dazu ein Artikel über den Klimawandel ein, gelesen vor einer Woche in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Mit Sätzen zum »logisch motivierten Denken«, die nicht nur die gegensätzlichen Meinungen zum Klimawandel erklären können. Die Theorie »stammt aus den fünfziger Jahren, als amerikanische Sozialpsychologen herausfanden, dass zum Beispiel Football-Fans diametral entgegengesetzte Urteile über identische Schiedsrichterentscheidungen fällten, je nachdem, welchem Team sie die Daumen drückten.«
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So weit, so simpel. Das wissen wir doch alle. Zur Video-Verweigerung, ob behauptet wie auf Schalke oder tatsächlich wie in England, passt dann aber idealtypisch die leicht verklausulierte FAS-Begründung: Menschen ziehen  »Wertesysteme und Ideologien heran, um die persönliche Relevanz der Fakten herauszufiltern«, wobei »allein die Solidarität mit den eigenen Leuten entscheidet«. Also: Solidarität mit der Ideologie “Tatsachenentscheidung” und mit den eigenen Leuten vom DFB.
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Motiviertes logisches Denken ist das Gegenteil von logisch motiviertem Denken. In meinen einfacheren Worten: Der Wille beherrscht den Verstand – und zwar diktatorisch, ohne Vetorecht des Gehirns. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn der Fußball und auch der sonstige Sinn des Lebens entziehen sich jeglicher Logik, so dass jeder nach seiner eigenen Façon glücklich werden kann. Oder unglücklich. Aber das ist ein ganz anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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