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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Leviten gelesen (“Nach-Lese”)

Leviten gelesen (!!!), nachgelesen, weil überlesen, ausgelesen. Allerdings kann ich in Ihrem Text zum Antisemitismus nichts finden, was in irgendeiner Form »anstößig«, falsch, politisch unkorrekt sein sollte. Vielleicht habe ich es deshalb schlicht »überlesen«. Deshalb nur einige kleine Anmerkungen. Die leitende Anmerkung: warum überhaupt? Will fragen: warum beschäftigen wir uns überhaupt mit diesem Thema? Freilich, die ständige sprachregelnde Wiederholung ist ein Disziplinierungsmittel. Bei einigen dumpfen Gestalten der Weltbevölkerung sicherlich nötig und hilfreich. Die Frage und ihre Beantwortung aber verstellen die Möglichkeiten, sich kritisch mit anderen politischen Fragen auseinanderzusetzen. Das dürfte der geschichtspolitische Sinn politisch korrekter Sprachbeherrschung sein. Verschwurbelt? Ja sicher, aber das ist schon in sich als Identität zwischen Form und Inhalt soweit verständlich. Im Übrigen gibt es politische Sprachregelungen auch auf vielen anderen Gebieten: z.B. auf dem Gebiet der »neuen sozialen Marktwirtschaft«, die sich nicht ohne Erfolg bemüht hat, die Hoheit über Begriffe zu bekommen, die dem Neo – Neo – Liberalismus und seinen politischen Implikationen gefährlich werden könnten. Also ich persönlich meine sehr dezidiert, dass eine nachhaltige Kritik z.B. an der israelischen Gesamtpolitik mit Antisemitismus nun so gar nichts zu tun hat. Dieser Vorwurf verstellt eben die offene Diskussion um eine alternative Weltpolitik, was wohl Absicht ist.

Es stellt sich weiter die Frage, in welchem Maße Antisemitismus notwendig ein Teil des Faschismus war. Er war sicherlich ein strukturprägender Teil des Nationalsozialismus, denn dieser kommt ohne seine Rassenlehre nicht aus. Da aber, nun also zu Heidegger, der sicherlich kein biologistischer Rassist war, viele führende Bürgerliche in der Zeit kurz vor und nach 1933 dieser antikommunistischen, antikapitalistischen und in Teilen auch antibürgerlichen Bewegung zugetan waren, kommt leicht diese – ich empfinde sie so – Verwechselung zwischen Antisemitismus und Faschismus vor. In diesem, und nur in diesem, Sinne war Heidegger wie viele andere ein Mensch, der faschistischen, also antikommunistischen, antimodernen und antikapitalistischen – jawohl, alles in einem – Denkweise des seiner Zeit nahe stehend. Für Heidegger besonders attraktiv, weil er wohl auch noch außerordentlich technikfeindlich war. Die Schuld, sit venia verbo, all dieser Menschen und Bevölkerungsgruppen besteht also darin, und das wiegt schwer genug, die menschenverachtenden Tendenzen des Nationalsozialismus nicht nur nicht erkannt zu haben, sondern sie für ihre eigenen politischen Ziele und Ambitionen ausnutzen zu wollen. Das hat – wie wir wissen – in einer Katastrophe ohne historisches Beispiel geendet, und zwar schlicht für alle politischen Gegner dieser »Bewegung«, für die Menschheit insgesamt. Und in besonderer Weise für die europäischen Juden.

Martin Heideggers Rektoratsrede 1933 ist ja selber genau dafür ein gutes Beispiel. Er wollte sein zivilisationsfeindliches, antikommunistisches Weltbild im Nationalsozialismus verwirklicht sehen. Eine anerkannte Figur wie der Widerstandskämpfer Graf zu Stauffenberg war in derselben Position. Martin Heideggers Philosophie selber hat mit Antisemitismus nichts zu tun, mit Politik wenig, dafür aber umso mehr mit jenen Adjektiven, die ich oben aufgeführt habe: antibürgerlich, antizivilisatorisch und antikommunistisch. Einen sehr großen Einfluss hatte er auf Sartres Existentialismus, weil für Heidegger – wenn ich es richtig beurteile – das menschliche Dasein ein »Geworfensein« in das Bestehende ist, ohne Bindung an Transzendentes, ohne Utopie und ohne verbindliche Hoffnung. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle