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Sport-Stammtisch (vom 12. April)

Bayern gegen BVB, das große Duell, steht heute eher unter den Vorzeichen des Freien Trainings in der Formel 1: Die Konkurrenten wollen wichtige Erkenntnisse für den kommenden Wettkampf gewinnen, wobei das Ergebnis nicht uninteressant, aber zweitrangig ist. Erstrangig: Wer sein Material zu sehr strapaziert, verschleißt es und verliert.
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Selbst die tragisch-magische Nacht von Dortmund und der folgende Routine-Abend in München bewiesen wieder einmal, wo die »beste Liga der Welt« zu finden ist. In Spanien. Vier von acht Halbfinalisten kommen von dort, insgesamt von der iberischen Halbinsel sogar sechs. Dagegen kann die Bundesliga nicht anstinken. Sogar das »Wunder« haben sie uns geklaut: Valencia dreht ein 0:3 zum 5:0.
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Aber die Klasse macht’s, nicht die Masse: Aus Deutschland kommen der Champions-League-Gewinner (was noch zu beweisen sein wird) und der Meister der europäischen Herzen (steht schon fest). Schade, schade, dass es kein Happy-End gab. Es wäre sooo verdient gewesen, zumal Real nach und nach vor dem BVB mehr Angst bekam als Schalke und Leverkusen vor Real.
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Jeder Zeitungsmacher kennt sie, die Ungnade des frühen Redaktionsschlusses. Dass Jürgen Klopp bis »vor kurzem noch der Lieblingstrainer aller Deutschen war«, nun aber »an seine Grenzen zu stoßen scheint« und »menschlich als Verlierer dasteht«, liest sich in der neuen »Zeit« kurz nach dem aufwühlenden Abend von Dortmund etwas seltsam – doch wer zu früh andruckt, den bestraft nun mal das Fußball-Leben. Da helfen auch in der Zeitnot hektisch hineinredigierte Aktualitätsanpassungen von »famoser Gegenwehr« und dem »Prinzip Klopp« nicht mehr, das »bestens funktioniert«.
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Nicht mit »Zeit«-Not zu erklären, dass der  Autor zwar zutreffend feststellt, dass Klopp vieles »geil« findet, jedoch apodiktisch ätzend anhängt, »sich selbst aber am geilsten«. Das ist eine als Tatsachenbehauptung verkleidete Beleidigung, wahrscheinlich sogar eine die Tatsachen auf den Kopf stellende. Dass es Klopp völlig fremd ist, sich selbst als »geil« zu empfinden, kann ich nur vermuten und nicht behaupten, denn ich kenne ihn nicht persönlich. Ich vermute aber auch, dass der »Zeit«-Autor ihn nicht viel besser kennt als ich.
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Wer kennt Florian Homm? Homm? Da war doch mal was, beim BVB und auch hier im »Sport-Stammtisch«? Richtig. Doch zunächst: Homm ist ein früherer Basketball-Juniorennationalspieler. Sein Großonkel hieß Josef Neckermann, mit 18 Jahren gründete Homm seine erste Investmentgesellschaft, mit 23 hatte er die erste Million im Portemonnaie, jonglierte bald als Hedgefondsmanager mit Fantastillionen, tauchte zusammen mit 200 Millionen unter, tauchte nur in Interviews kurzfristig wieder auf, um sich geläutert zu geben. Dabei wirkte er, als habe er sich selbst das Gehirn gewaschen. Gestartet mit dem Wahlspruch »Die Niederlage beginnt mit dem zweiten Platz, und Leben bedeutet Krieg«, erkannte er nun, dass er »eine primitive Geldmaschine« war, dies aber »Gott sei Dank vor der totalen Seelenaufgabe noch korrigieren« konnte. »Heute glaube ich: Geben ist seliger als Nehmen.«
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Wer’s glaubt, wird selig? Homm tauchte wieder unter, ein Kopfgeld-Jäger hatte 1,5 Millionen Euro für seine Ergreifung ausgelobt. Nach  fünfjähriger Flucht wurde er vor einem Jahr verhaftet, in Florenz, mitten in den Uffizien.
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Aber was hat das mit Dortmund und unserer Kolumne zu tun? Nun, Homm war laut eigener Einschätzung »als Investor mitbeteiligt« am Aufstieg der Borussen vom Pleiteklub zum heutigen BVB. Als Großaktionär war er bei dem damals finanziell und sportlich darbenden Klub eingestiegen und hatte eine Millionen-Prämie für den Gewinn der Meisterschaft 2006 ausgesetzt. Da ließ ich mich nicht lumpen und versprach, als Großaktionär des hessischen Herzens, unserer Eintracht die ähnlich realistische Prämie von einer Fantastillion für den Gewinn der Champions League.
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Ich schrieb nur ein paar Sätze im »Sport-Stammtisch«, Homm ein ganzes Buch. Titel: »Kopf Geld Jagd … Wie ich in Venezuela niedergeschossen wurde, während ich versuchte, Borussia Dortmund zu retten«. – Welch ein Leben! Reif für einen Kinofilm. Neidisch? Heute sitzt Homm im Gefängnis in Pisa, leidet an Multipler Sklerose und soll in die USA ausgeliefert werden, wo ihm 225 Jahre Gefängnis drohen.
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Ausgleichende Gerechtigkeit? Nein, so gnadenlos bin ich nicht. Homm tut mir leid. Außerdem: Es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit. Wenn sie mal scheinbar zuschlägt, ist’s bloß seltener Zufall. Homm ist gestraft genug. Wunschtraum des Bad Homburgers: In Hessen wegen Steuerhinterziehung angeklagt und in die Heimat ausgeliefert zu werden.
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Im Vergleich zu Homm geht’s Hoeneß ja noch Gold – und uns Hessen allemal, die wir  einigermaßen gesund und munter in der Heimat leben können, sogar ohne dafür Steuern hinterziehen zu müssen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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