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„Nachdruck“: Agon und Agonie („Anstoß“ vom 10. April)

Nach der aufregenden Aktualität der Champions League – ich bin immer noch so baff wie begeistert vom großen Spiel des neuen alten BVB – gehen wir mit »Nachdruck« wieder einmal auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit Texten aus fünf Jahrzehnten, geschrieben unter dem Kürzel »gw«, hinter dem ich mich in all den Jahren verstecken konnte und das ich heute noch meinen Kolumnen anhänglich anhänge. Das aufwendigste »gw«-Projekt lief zu Beginn des Jahrhunderts vier Jahre lang jeweils im Monatsabstand, hieß »Auf der Suche nach der Seele des Sports« und war eine virtuelle und echte Reise vom alten Olympia nach Athen zu den Spielen 2004. In Folge 29 vom 5. Juni 2003 machte ich einen Abstecher auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, daher habe ich sie gekürzt, bearbeitet und für diesen »Abdruck« als kleinen Beitrag zu all den Gedenktexten zum Kriegsbeginn vor 100 Jahren ausgewählt.

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Mit Henry Miller im Gepäck nähern wir uns wandernd Mykene: »Die Stille, die heute dort herrscht, gleicht der Erschöpfung eines grausamen und intelligenten Ungeheuers, das sich verblutet hat.« Miller ist ein Hauptschuldiger an der realitätsfernen Verklärung des Landes, seiner Menschen und ihrer Gastfreundschaft. In seinem Reisebuch »Koloss von Maroussi«, Pflichtlektüre für Millionen von Griechenlandtouristen, sondert er immer wieder Schwärmereien ab, die ein emotionales Schlaraffenland vorgaukeln: »Mr. Henry, wenn Sie je nach Korfu zurückkehren, müssen Sie bei mir wohnen. Ich will kein Geld, Mr. Henry, ich möchte nur, dass Sie kommen und bei uns wohnen, so lange Sie wollen.«

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Sie wollen unser Geld nicht? Heutige Touristen würden Miller lindernde Umschläge verpassen, wir räumen ihm mildernde Umstände ein, da er das, was jetzt wie Real-Satire klingt, schon vor fast 65 Jahren geschrieben hat.

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On the road again. Next exit: Mykene.  Agamemnon, Klytämnestra, Orestes, Iphigenie, Elektra – wir sparen uns Führung und Schulstunde und empfehlen Schwabs Sagen als Begleitlektüre oder gar gleich Homer – obwohl das Folgen haben kann: »Er las immer Agamemnon statt ›angenommen‹, so sehr hatte er den Homer gelesen.« (Georg Lichtenberg)

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Robert Musil schreibt zwar in »Der Mann ohne Eigenschaften«, Sport sei »roh. Man könne sagen, der Niederschlag eines feinst verteilten, allgemeinen Hasses, der in Kampfspielen abgeleitet wird.« Aber was in Mykene los war, ist an Rohheit, feinst verteiltem Hass und auch in puncto Kampfspiele vom Sport nicht zu übertreffen. Agon, der Wettkampf, hat die selbe wörtliche Wurzel wie Agonie, der Todeskampf. Und wenn Sport von seinen Kritikern als Ersatzkrieg geschmäht wird, dann ist es immer noch angenehmer und sinnstiftender, im Sport seine Seele zu suchen als im echten Krieg, zum Beispiel im I. Weltkrieg, als Generationen von jungen Europäern, nach einem »Stimmungsumschwung von Geborgenheit zu Unbehaustsein« (Ludwig Harig), im Krieg einen Sinn für sich selbst erhofften: »Wer weiß, wenn wir einmal sterben, vielleicht gibt uns nur der Tod allein den Schlüssel, die Fortsetzung und das Ende dieses verfehlten Abenteuers«, schreibt Henry Alain-Fournier in seinem (einzigen) Roman »Der große Meaulnes«

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Sport wäre für manche aus dieser Generation das lebenswertere Abenteuer gewesen als das, was sie in ihrer diffusen Begeisterung für »starke Erlebnisse« so fatal im Krieg fanden – einen grauenhaften Tod im Schützengraben. Andererseits – hätte sich Ernst Jünger wirklich mit Weitsprung begnügt?

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Der junge Alain-Fournier bekommt nur einmal die Ahnung von der erfüllenden Freude, die der Sport bereiten kann – als er zum ersten Mal Fahrrad fährt: »Von einer Anhöhe hinuntersausen und dann ins weite ebene Land hineinjagen, wie auf Flügeln dahinfliegen und weit, weit weg die ganze Landschaft überblicken, sehen, wie die Gegend sich auftut, zurückweicht und aufblüht . . . Nur im Traum hatte ich bisher so zauberhaft beschwingte Fahrten erlebt. Sogar wenn es bergauf ging, war ich voller Schwung und Begeisterung.« Das ist Sport!

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Alain-Fournier starb schon im ersten Jahre des Krieges, es heißt, er sei füsiliert worden, weil er entgegen kriegssportlicher Regeln einen deutschen Sanitätszug überfallen hatte und dabei gefangen genommen wurde. Tragikkomische Ironie der Geschichte: Das deutsche Füsilierkommando, das den französischen Dichter erschoss, stand unter dem Befehl eines von Kleist.

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Mit dem Ende der Serie im Sommer 2004 sollten, so im Winter 2000/2001 geplant, auch die »gw«-Kolumnen enden, als natürliche Konsequenz aus meinem langjährigen Fazit: »Sport ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Wir leben im 21. Das ist das Problem.« Nun leben wir schon im fünfzehnten Jahr des 21. Jahrhunderts, der alte, resignative Plan ist längst vergessen, und der neue heißt, echt hessisch unverdrossen: Als weider! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle