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Montagsthemen (vom 7. April)

Die Bayern und das Punkte-Abschenken: Wettbewerbsverzerrung? Nein. Immer mein Beispiel: Olympia-Halbfinale im 800-m-Lauf. Der Erste, der Zweite und vier Zeitschnellste kommen ins Finale. Die beiden Gold-Favoriten sparen Kraft und traben gemeinsam locker ins Ziel. Wären sie an ihre Leistungsgrenze gegangen, hätten in dem dadurch viel schnelleren Rennen vier ihrer Mitläufer ebenfalls das Finale erreicht. Fehlten den beiden dann im Endlauf (analog: Champions League) die »Körner«, liefen sie medaillenlos hinterher – wäre das fairness- oder dummheitspreisverdächtig? Eben. Wer keine solche »Wettbewerbsverzerrung« will, muss den Modus ändern. Zum Beispiel mit Playoffs. Aber in denen könnte dann die gesamte Saison wettbewerbsverzerrt werden.
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Bizarre Volte in der Diskussion: Armin Veh stimmt in die Klagen über die Bayern ein, obwohl er selbst in München die Punkte freiwillig abgegeben hatte, um Kräfte für sein »Endspiel« zu sparen, den Kampf gegen den Abstieg. Erfolgreich, wie man sieht.
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So gesehen werden die Bayern prunkvoll ins Halbfinale einziehen, der BVB aber muss krachend scheitern, da er für sein »Endspiel« (direkte CL-Qualifikation) die letzten Reserven mobilisiert und verbraucht hat. So, und nun die Binse dazu: Aber im Fußball ist alles möglich. Auch ein 3:0 mit Sieg im Elfmeterschießen.
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Ob an dem Augsburger Veh unterschwellig der Neid auf Augsburgs neue Trainer-Nummer eins kratzt? Perfide Frage, ich ziehe sie mit Bedauern zurück, denn so einer ist Veh nicht. Glaube ich, ohne ihn zu kennen. Jedenfalls sind zwei Augsburger die begehrtesten Objekte auf dem Trainermarkt, und der FCA ist der wahre deutsche Meister, wenn man Marktwert ins Verhältnis zur Leistung setzt. Und bitte nicht vergessen: Weinzierl hatte mehr unfreiwillige Ausfälle als Bayern freiwillige. Augsburg leuchtet!
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Ein bisschen schummelt Veh, wenn er Mainz unterstellt, bessere finanzielle Voraussetzungen zu haben als die Eintracht. Dazu veröffentlichte der »Kicker« zuletzt interessante Zahlen, die belegen, dass Frankfurt mehr Umsatz macht und einen höheren Lizenzspieleretat hat. Schlechter ist nur die Transferbilanz, denn Mainz erwirtschaftete ein sattes Plus, die Eintracht ein dickes Minus. Beides echt hausgemacht, weil Mainz Spieler billig bekommt (wie Schürrle aus der eigenen Jugend) und teuer verkauft, während die Eintracht umgekehrt … ach, lassen wir das, sonst käme noch Chefscout »Holz« ins Spiel, in dem Zusammenhang auch ein Blick nach Leverkusen zu »Tante Käthe«, einem weiteren hessischen Grundsympathen, und zur Frage, ob für das durchgängig leicht-, aber auch leisefüßige Auftreten von Bayer 04 die wechselnden Trainer verantwortlich sind oder der durchgängig zuständige Sportdirektor. Aber die Frage stelle ich nicht, denn das wäre antihessischer Defätismus.
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Der Wettbewerb wird auf anderen Schauplätzen verzerrt als im Stadion, und dabei spielen die Bayern dann doch die verzerrendste Rolle, indem sie Konkurrenten gezielt schwächen. Siehe Götze, Lewandowski und das Bayern-Prinzip: Wir kaufen Spieler, die wir nicht unbedingt brauchen, dennoch, weil sie unser Konkurrent unbedingt braucht. Aber nur der Klub, der an Bayern-Stelle anders handeln würde, werfe den ersten Stein. – Ich warte. Wer wirft da? Niemand.
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Robert Lewandowski: Wer hat ihn im Stadion oder live bei Sky gesehen? Was der Junge in der zweiten Halbzeit anstellte: unvergleichlich! Dass ihn jetzt auch andere (Marcel Reif und der als Co-Kommentator richtig gute Stefan Effenberg) als Besten preisen, freut mich alten Besserwisser; denn schon vor zwei Jahren, als er in Dortmund noch »Chancentod« geschimpft wurde, schrieb ich in den »Montagsthemen«, der »immer noch unterschätzte Lewandowski« sei »der mit Abstand beste Stürmer der Welt«. Doch auch der Zusatz von damals steht noch: »Aber in Polens Nationalelf nur halb so gut wie in Dortmund.« Und in München?
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Zu guter Letzt ein Wort zum inszenierten Torjubel mit den nervenden Gesten »Hand am Ohr« oder »Zeigefinger auf den Lippen«. Früher sprang Gerd Müller in die Luft und strampelte glücklich mit seinen dicken Beinchen, später wurde aus reiner Spontanfreude eine aufgesetzte Schau, beginnend mit der unsäglichen (und zum Glück aus der Mode gekommenen) »Säge«. Jetzt macht mich Manni Merz, unser früherer Freund und Kollege in der Sportredaktion, auf »einen englischen Fußballer aufmerksam, der wie manchmal Du selbstironisch mit seinem Alter umgeht«. Ich solle nur mal »bei Youtube ›Kevin Phillips Celebration‹ eingeben«.
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Ich hab’s getan. Phillips ist 40, spielt bei Crystal Palace, schießt ein Tor und feiert es, indem er pantomimisch am Rollator geht. Ich find’ das gar nicht witzig. Ich bin ein paar Jährchen älter, mein Rollator hat schon einen Elektromotor, er dient nicht nur als Geh-, sondern auch als Schreibhilfe, und jetzt ist mein Akku le … (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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