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Sport-Stammtisch (vom 5. April)

Warum in der Bundesliga niemand dem FC Bayern gefährlich werden kann, das versucht nun auch die links gewickelte »taz« zu ergründen. Sie wird am Beispiel BVB fündig: Dem sei die »Gier« verloren gegangen, und diese Suche nach der verlorenen Gier füllt dann eine ganze »taz«-Seite. Leicht schräg und schwer schizophren. Zwar werden auch negative Seiten der Gier (Kapitalismus!) erwähnt, aber nicht im Fußball, da ist das Wort für die »taz« ausschließlich positiv besetzt, daher »kann man Dortmund die Gier wirklich nur zurückwünschen«.
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So? Da halte ich es lieber mit Erich Fromm, für den »in der psychoanalytischen Auffassung Gier eine pathologische Erscheinung ist«. Und zwar eine ganzheitlich pathologische. Böse Gier hier, gute Gier dort? Geht nicht. Siehe Jürgen Klopp. Der warb in der Dortmunder Erfolgsrauschzeit  mit seiner Gier-Forderung konsequenterweise auch für eine Bank. Botschaft: Gier gewinnt, im Fußball wie auf dem Konto.
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Dagegen reime ich unverdrossen an: Weder dort noch hier / ist Gier eine Zier’. Wortgewaltiger drückt es Justus Georg Schottellius in seiner »Sittenkunst oder Wollebenskunst« von 1669 aus: »Der geilheit giermacht blindlings zwingt, bis sie uns verderben bringt.«
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Weder habe ich den Fromm noch den Schottellius im Kopf, sondern weiß nur, wo ich sie finden kann: Den Schottelius in Grimms Wörterbuch, Stichwort »Gier«, den Fromm in der »FAZ«, dort taucht er in Dirk Schümers Dankesrede für den Erich-Fromm-Preis auf. Ich erwähne es nur, weil ich nicht als intellektuell hochstapelnder Klugscheißer gelten möchte. Das gilt auch für meine »Wer bin ich?«-Rätselrunde. Da möchte ich das »Jauch-Syndrom« vermeiden. Ich stelle nur die Fragen, das ist einfach. Schwierig ist es, sie zu beantworten, ich könnte das nur selten. Günther Jauch dagegen gilt laut Umfragen als einer der klügsten Menschen Deutschlands, nur weil viele sein Fragestellen mit Antwortwissen gleichsetzen. Ich denke mir wenigstens die Fragen selbst aus, Herr Jauch!
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Apropos Dirk Schümer: Der FAZ-Feuilletonredakteur hat sich früher viel mit Fußball beschäftigt, sein Buch »Gott ist rund« bleibt eine ewige Perle des Genres. Kleine Kostprobe zur Ferne von Intellektuellen vom plebejischen Sport: »Unvorstellbar auch der Gedanke, Thomas Mann habe in München eine Tribünenkarte gelöst und neunzig Minuten das Gekicke und Gejohle bei einem Match von ›1860‹ ertragen, wenngleich er da gewiss manchen durchtrainierten Jüngling zu Gesicht bekommen hätte.«
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Noch einmal zu Jürgen Klopp. Fällt manchmal aus der Rolle. Beziehungsweise in die Rolle zurück, über die man sich wohlig ereifert. Das wissen seine Interviewer nur zu gut, daher sind einige versucht, ihr Profil an Klopps vorhersehbaren Ausfällen zu schärfen. Zum Beispiel, indem man ihn nach dem 0:3 in Madrid fragt: »Die Sache ist durch, oder?« Rumms! Klopp explodiert, und schon bekommt ein fragender Milchbubi als »kritischer Journalist« ein Sternchen mehr.
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Das Sternchen zuvor hatte Jürgen Breyer sich mit seiner Kritik an Rudi Völler und dessen angeblich frauenfeindlichem »Wir sind doch nicht beim Frauenfußball«-Spruch erarbeitet. Breyer wirkt wie ein beflissener Schuljunge, beinahe hätte ich ihn als Nachfolger eines gewissen  kleinen Strebers (der sich gebessert hat) in die erste Bank gesetzt, doch dann erfahre ich, dass Breyer seine Fragerei bereut (»Das war megadämlich. Entschuldigung. Ich kann Klopp verstehen«) – damit zeigt der Kleine Größe. Respekt! Und ich bitte um Entschuldigung für den »Milchbubi«. Das war megadämlich von mir.
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Entschuldigen sollen sich auch englische Revolverblätter für ihre »Schwein«-Schlagzeilen. Aber da überreagiert der FC Bayern doch ganz gewaltig, beziehungsweise er reagiert sehr deutsch, und zwar im sprachlichen Sinn: Wenn ein Engländer Wortspiele mit »Schwein« macht, ist das weniger böse als nur blöde, ungefähr so, wie wenn ein Deutscher mit dem englischen Wort für Schwein »Pig«-Spielchen treibt. Böse wirkt so etwas immer nur in der eigenen Sprache. Also: Tiefer hängen!
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Schweinsteiger … da war doch mal was? Ein besonders abgedrehter Gag? Moment, ich schaue in meinem Archiv nach. Hier, ich hab’s – ein Original-Zitat aus einer japanischen WM-Reportage von 2006: »Diesen deutschen Spieler kann kein Mensch aussprechen, ich muss mal auf meine Liste schauen: Shi-wai-nu-shi-tai-gari. Nennen wir ihn einfach ›Das Lachsgesicht mit der Bürste auf dem Kopf‹.«
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Schräg. Zu guter Letzt noch ein Veranstaltungshinweis. In diesem Jahr hat die Radfahrsaison schon früh begonnen, morgen steht eine sehr interessante Volksrad-Stadtrundfahrt auf dem Programm. Start um zehn Uhr am Rathausplatz. Platia Kotzia. In Athen. Falls Ihnen die Anfahrt zu zeitraubend vorkommt: Dafür sparen Sie Zeit auf der Strecke. Zwei Distanzen werden angeboten: für Fortgeschrittene neun, für Gelegenheitsradler drei Kilometer.
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Ich enthalte mich jeglichen Spottes, damit es mir nicht ergeht wie gerade erst jenem griechischen Sportjournalisten, der überfallen und verprügelt wurde, wobei ihn die Schläger bei jedem Hieb beschimpften: »Das ist für das, was du schreibst! Damit du es endlich lernst!« (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle