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Martin, Mark und das Tabu (“Nach-Lese” vom 5. April)

»Er war, wie ein Vater sein sollte. Er hat mit uns gespielt, ist mit uns in der Lahn schwimmen gegangen, er ist mit uns Ski laufen gegangen.« Preisfrage: Wer ist dieser Vater? Hilfestellung: Vorname Martin, damaliger Wohnort Marburg.
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Immer noch nicht? Obwohl der Mann wochenlang die Diskussion in den großen Feuilletons bestimmt hat? Letzte Hilfestellung: Was Sohn Hermann in der »Zeit« über den Papa sagt, ist die große Ausnahme in all den monothematischen Auseinandersetzungen, denn immer und überall ging es nur um das Eine: War er ein Antisemit? Fast einhellige Antwort: Ja. Beleg: Seine »Schwarzen Hefte«, sie »erhellen die Selbstüberhöhung des deutschesten aller Philosophen ins Totalitäre« (»Süddeutsche Zeitung«).
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Martin Heidegger natürlich. Dessen Hauptwerk »Sein und Zeit« habe ich einst nicht einmal ansatzweise verstanden, und wenn Heidegger raunte, dass, wenn sich »das Ereignis ereignet«, wir »vom Selben her auf das Selbe zu das Selbe« sagen, fiel mir dazu nur Loriots »Ach was!?« ein. Doch war Heidegger wirklich Antisemit? Ich weiß auch das nicht. Es ist auch nicht die Frage, die mich umtreibt, sondern ich stelle mir die deutscheste aller Fragen: Wie viel Antisemitismus steckt in mir?
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Nein. Nicht das ist die deutscheste aller Fragen, sondern dazu muss sie umformuliert werden, und dann lautet sie ängstlich: Was könnte mir als Antisemitismus vorgeworfen werden und wie vermeide ich das? Ich habe zum Beispiel, um nicht in falschen Verdacht zu geraten, immer peinlich genau darauf geachtet, gewisse Tabu-Wörter zu vermeiden. So musste ich als Jugendlicher manchmal »bis zur Vergasung« trainieren oder, schlimmer noch, für die Schule lernen. Doch als mir die – scheinbare – Bedeutung aufging, wurde das Wort tabu. Die Redewendung stammt aber nicht, wie ich damals annahm, aus der Nazizeit, sondern ist aus der Physik entlehnt: Einen Stoff durch Erhitzen in seinen gasförmigen Zustand zu verwandeln, was sehr lange dauern konnte, so dass »bis zur Vergasung« schon Ende des vorletzten Jahrhunderts im Sinne von »immer wieder« gebraucht wurde. Dennoch: Es gibt Ausdrücke, die nicht nur der Political Correctness wegen tabu sein sollten, sondern auch, weil sie Unsägliches assoziieren lassen. »Bis zur Vergasung« bleibt also aus gutem Grund ein Tabu-Wort.
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Die »Nacht der langen Messer« bei der Rallye Monte Carlo lief gerade, da rief ein empörter Leser an und verbat sich diesen Begriff, weil er von den Nazis für die Judenverfolgung geprägt worden sei. In vorauseilender deutscher Befangenheit vermied ich fortan konsequent die »Nacht der langen Messer«, was jedoch zu einigen verbalen Eiertänzen führte, da wir als einzige deutsche Zeitung über die »Nacht der langen Messer« berichteten, ohne sie wörtlich zu erwähnen – obwohl der Begriff als »Night of the Long Knives« schon bald zweitausend Jahre auf dem angelsächsisch-keltischen Buckel hat.
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Auch in Günter Grass’ »Mein Jahrhundert« werden Unklarheiten zur Entstehungsgeschichte der »Nacht der langen Messer« beseitigt. Im 1934-Kapitelchen. Aber auf Grass’ Erinnerungen an die Nazi-Zeit kann man sich ja auch nicht mehr verlassen ….
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Kürzlich stieß ich in der »Frankfurter Rundschau« auf einen Artikel über latenten Antisemitismus in Deutschland. Der Autor machte seine Diagnose an einer Karikatur in der »Süddeutschen Zeitung« fest. Ich hatte sie zuvor als SZ-Leser ebenfalls gesehen. Und mir nichts dabei gedacht. Nun war ich schuldbewusst und gespannt auf die Auflösung, denn Antisemitismus muss ja wohl im Spiel gewesen sein, dachte ich, sonst würde die FR nicht solch einen Bohai aus der mir unverdächtigen Karikatur machen. Was hatte ich bloß übersehen?
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Tja, dann las ich den »Beweis«. Rundschau-Wortlaut zum SZ-Antisemitismus: »Das Blatt hat in Teilen ihrer (sic!) Auflage eine Karikatur des Zeichners Burkhard Mohr veröffentlicht, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Weil Facebook den Kurznachrichtendienst Whatsapp gekauft hat, porträtiert Mohr den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als vielarmige Krake, die auf unzähligen Laptops tippt. Kein Detail des alten Bildes vom ›internationalen Juden‹ fehlt: Mohr hat neben dem klassischen Bild der weltbeherrschenden Krake sogar an die Hakennase, die fleischigen Lippen, das lockige Haar und das lüsterne Grinsen gedacht. Anders gesagt: Wären da nicht die Computer, könnte die Zeichnung direkt dem ›Stürmer‹ entstammen.«
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Da war ich baff. Mir kam ein spontaner Gedanke, doch zunächst stellte ich mich auf den Prüfstand meiner Erinnerung: Ich bin nie bewusst einem Juden begegnet, obwohl es rein statistisch eine ganze Menge gewesen sein müssen. In der persönlichen Begegnung war es nie eines Gedankens wert, ob mein Gegenüber … oder ob nicht … und wenn ja was dann …? Die grauenhafte deutsche Schuld war mir aber schon früh klar, so dass ich mich als Teenager und Twen (leider sah ich sehr typisch deutsch aus) im Ausland lieber als Holländer ausgab. Ich war, lange bevor das Modewort »Betroffenheit« aufkam, betroffen vom gnadenlos effizienten Massenmord an Minderheiten, kam aber nie auf die Idee, das mit mir persönlich in Verbindung zu bringen und mich meines Deutschseins grundsätzlich zu schämen, auch weil ich als fast manischer Individualist nie auf die Idee gekommen wäre, wegen erfreulicher Leistungen von Deutschen, zum Beispiel im Sport, stolz auf mein Deutschsein zu sein.
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Auch in meiner oft kritischen Haltung zu manchen Maßnahmen des israelischen Staates (Siedlungspolitik u.a.) sehe ich keinen verkappten Antisemitismus, zumal meine Haltung zu dem oft verstörend irrationalen Verhalten von Palästinensern und Arabern noch kritischer ist und ich vermute, dass Israels aggressive Politik der Stärke eine Überlebens-Strategie ist, da hasserfüllte Fanatiker rund um Israel herum alles andere als Schwäche auslegen und ausnutzen würden.
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Als ich vom Prüfstand herunter ging, hatte der spontane Gedanke standgehalten: Wer so – wie in der FR und auch in der SZ, die, irgendwie bzw. von irgendwem alarmiert, für den Rest der Auflage das Gesicht in der Karikatur durch einen leeren Bildschirm ersetzte – an den lockigen Haaren herbeigezogen denkt, hat selbst ein Antisemitismus-Problem. Aus der Kritik an der Karikatur erfuhr ich, dass Mark Zuckerberg offenbar ein Jude ist, sonst machte die Karikatur ja keinen Sinn. Von seinem Jüdischsein hatte ich vorher nichts gewusst, jetzt interessiert es mich wie zuvor nicht im Geringsten. Wer aber die Karikatur spontan mit Antisemitismus in Verbindung bringt, muss vorher gewusst haben, dass Zuckerberg Jude ist, muss zwanghaft einen Juden erkennen wollen, wenn gewisse nazistische Rassenwahn-Klischees erfüllt scheinen, muss reflexhaft bei allen möglichen (die es natürlich auch gibt) und unmöglichen Anlässen Antisemitismus wittern und verurteilen. So fällt der Antisemitismus auf den Kritiker des vermeintlichen Antisemitismus zurück.
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Und dennoch stelle ich mir die deutscheste aller Fragen. Könnte mir diese Kolumne als …??? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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