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Sport-Stammtisch (vom 29. 3.)

Minderheiten-Meinungen zur Torlinientechnik, der Nationen-Liga und zum späten Sieg von Walujew über Klitschko, dazu Abschweifungen zur Kokosnuss als Massenvernichtungswaffe, zu einem Video, das weh tut, und zu einem noch viel schmerzhafteren Rezept, um wahre Größe zu zeigen – heute will ich mannhaft gegen den Mainstream anpaddeln, da kann manches in die Hose gehen, und auch sie kommt heute dran, als gabelndes Kleidungsstück, das einen bayerischen Heilerziehungspfleger mit einem US-Postboten verbindet, aber erst, wenn dieser mit Abstand längste Satz der ganzen Kolumne endlich sein grammatisch unfallfreies Ende gefunden hat. – Hat er?
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Torlinientechnik. Dass sie abgelehnt wurde, findet die große Mehrheit der Fußballinteressierten ziemlich bescheuert. Ich nicht. Worüber wird da diskutiert? Um ein Prozent, nein, eher um ein Promille der im Fußball vorkommenden Fehlentscheidungen. Die Klubs müssten viel Geld in die Hand nehmen für ein Promille, obwohl doch dieses und die restlichen 99,9 Prozent ohne jeden Mehraufwand zu haben wären. Zuletzt sahen wir mutige Schiedsrichter, die auf Hinweis ihrer Linienrichter Fehlentscheidungen zurücknahmen. Gleiches könnten sie auf Hinweis ihrer Videobeobachter tun … aber was soll’s, meine Video-Hilfe war nie ein Thema. Für mich auch nicht mehr. Aber die Torlinientechnik erst recht nicht. Sie brächte lediglich ein Sandkorn Gerechtigkeit in eine Wüste von sportverfälschenden Fehlentscheidungen.
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Worüber sind Sie sprachlich im vorigen Absatz gestolpert? Über den wüsten Vergleich? Können Sandkörner hinken? Vergleichsweise ja. Im vorigen Absatz habe ich aber einen anderen Satz untergebracht, der nicht hinkt, sondern durch die Schreibmodelandschaft galoppiert: »Geld in die Hand nehmen« – da schüttelt’s mich immer wieder. Sie auch? Danke. »Gerne«?
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Nationen-Liga. Noch ein neuer Wettbewerb? Warum nicht? Die Großen sind dagegen, die Kleinen dafür, und da ich immer auf deren Seite stehe, verstehe ich auch ihre Argumente: Für Freundschaftsspiele finden sie keine attraktiven Gegner, in einem neuen Länder-Wettbewerb können sie dagegen ein paar Euro verdienen, zwar nur Peanuts im Vergleich zu dem, was die Großen absahnen, aber hilfreich für sie und die fußballerische Infrastruktur im Lande. Da die bisher üblichen Freundschaftsspiele wegfallen sollen und können, gibt es auch keine Mehrbelastung für die Großen. Wo ist das Problem?
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Torlinientechnik, Nationen-Liga – in der aufgeregten Diskussion wird viel warme Luft umgewälzt, das lenkt von dem heißen Eisen ab, das man lieber nicht anfasst: die Abhängigkeit des großen Fußballs vom großen Geld der Oligarchen und sonstigen Potentaten. Nehmen wir nur mal Schalke 04 und Gazprom: Was, wenn die Russen mit Gazprom Sanktions-Gegendruck ausüben? Und Putin hat die Hände beziehungsweise das Gas noch in anderen Sportprojekten im Spiel. Was, wenn die Oligarchen in London und anderswo kalte Füße bekommen und auf ihre teuren Spielzeuge verzichten wollen oder müssen? Was, wenn Katar nach all der – berechtigten – Kritik beleidigt die Alimentierung von UEFA, Paris oder Barcelona beendet? Was, wenn der Hedgefonds bei Hertha BSC nicht Wohltäter spielt, sondern nur die Rolle, die Hedgefonds zu spielen pflegen? Was, wenn der FC Bayern in Schweizer Konten-Affären … nein, die Gefahr ist ja gerichtlich gebannt.
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Auf Schalke beunruhigt die Krim-Krise nicht nur den Klub, sondern auch dessen Boss: Clemens Tönnies hat als Fleischfabrikant in Russland Summen investiert, gegen die Gazproms jährliche 15 Millionen in der Tat nur Peanuts sind. Tönnies war mal deutscher Zerlegemeister, er beinte sechs Schweineschultern in 65 Sekunden aus. Im Profifußball liegen ganz andere Zerleger auf der Lauer, sie brauchen keine Schweine, sondern Klubs, die dann kein Schwein mehr haben.
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Dass Putin-Freund Walujew im Krisenkampf gegen Putin-Feind Klitschko haushoch nach Punkten führt … dass man sich lieber nicht vorstellen mag, wie eine Timoschenko als russische Machthaberin mit der Ukraine umginge … dass ein harter Pershing-2-Knochen wie Helmut Schmidt plötzlich als Russland-Versteher in eine westlichschädlich feige Ecke gedrängt wird … dass Europa wie ein besoffener russischer Bär in die Ukraine torkelte und nun unter schlimmem Kater leidet … dass … das lasse ich lieber, sonst bricht dieser Satz den Längenrekord des ersten um, nun ja, Längen.
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Ist sowieso alles Jacke wie Hose. Und damit zu den vermischten Meldungen. Im bayerischen Schongau steht ein Heilerziehungspfleger in der Stichwahl um den Posten als Bürgermeister. Eine seiner Hauptforderungen im Wahlkampf: »Abschaffung des gesellschaftlichen Zwangs der Hose«. Das erinnert mich an jenen US-Postboten und dessen nun nicht mehr einsamen Kampf, der den Dienst an und in der Hose verweigerte, weil ein Rock der Anatomie des Mannes besser entspräche als ein »sich gabelndes Kleidungsstück«, vulgo: Hose.
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Vom Rock zum Rock: Die verdienstvolle »Stimmt’s«-Kolumne der »Zeit« räumt mit einem Mythos der Neuzeit auf, dass mehr Menschen von herabfallenden Kokosnüssen getötet werden als von Haien. Stimmt also nicht. Aber wohl nur, weil von Kokospalmen herabfallende Menschen statistisch unter den Tisch fielen, wie Altrocker Keith Richards, der mit 62 auf den Fidschi-Inseln von der Palme fiel. Zum Glück lebt er immer noch, obwohl er nicht immer so aussieht. Bei Keith Richards fällt mir noch ein, dass er sich in den Stones-Anfangsjahren »Richard« nannte, um Assoziationen zu den damals populären Cliff Richard und Little Richard zu wecken, und dass er mal behauptete, die Asche seines Vaters geschnupft zu haben. Aber das glaube ich so wenig wie die Mär über Mick Jagger, der sich angeblich ein gewisses Körperteil von Bienen stechen lässt, damit es bzw. er unter der Hose gewaltiger wirkt. Obwohl – Keith hat doch in seinen Memoiren geschrieben, Mick habe »einen winzigen Pimmel« …
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Bevor diese Kolumne vollends abdriftet, paddele ich zurück zum Sport: Es wird nur eine Minderheit interessieren, doch ihr sei ein neues Trainings-Video des neuseeländischen Kugelstoß-Wunderknaben Jacko Gill empfohlen, allerdings nicht zur Nachahmung, denn es tut schon beim Hinschauen weh. Gill trifft heute bei den Landesmeisterschaften auf den Sensations-WM-Dritten Tom Walsh, ein Duell, das die Welt-Wurfszene elektrisiert. Sie nicht? Sie lesen lieber ein gutes Buch? Auch hier habe ich eine Empfehlung: Nachdem mich Zadie Smith nach ihrem großartigen »Zähne zeigen« mit ihrem überkandidelten neuen Buch schwer enttäuscht hat, lese ich zur Zeit Donna Tartts 1000-Seiten-Wälzer »Distelfink«, und der scheint es mit ihrem grandiosen Debüt »Die geheime Geschichte« aufzunehmen. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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