- Anstoß Online - http://www.anstoss-gw.de -

Sport-Stammtisch (vom 22. März)

Posted By gw On 21. März 2014 @ 13:49 In gw-Beiträge Anstoß | Comments Disabled

Bayern hat den scheinbar leichtesten, der BVB den scheinbar schwersten Gegner erwischt. Aber die Betonung liegt auf »scheinbar«. Im Viertelfinale entscheidet das Sein und nicht der Schein. Der blendet, verblendet nur, siehe Achtelfinale und die Mär von der »besten Liga der Welt«: Die Nummer zwei der »besten Liga der Welt« hatte das Glück, den russischen Bären schon in seinem Winterschlaf waidwund geschossen zu haben – als er schwer verletzt aufwachte, schlotterten dem BVB dennoch Herz und Hose. Die Nummer drei feierte eine »ehrenvolle« Niederlage gegen eine B-Elf von Real Madrid, ebenso die Nummer vier in Paris. Wie gut, dass die »beste Liga der Welt« wenigstens den besten Klub vorweisen kann.
*
In Dortmund pfiffen die Fans, das hat man dort lange nicht mehr gehört. Aber vielleicht pfiffen sie nicht wegen der bescheidenen Leistung, sondern als Watsche für Watzke. Der Klubchef hatte gefordert, Fans, »die sich im Stadion danebenbenehmen«, sollten »auch mal ein paar Tage sitzen«. – So? Sondergesetze für einzelne Volksgruppen? Gibt es nicht. Nicht mehr. Nicht mehr in Deutschland. Auch nicht für randalierende Fußballzuschauer oder steuerbetrügende Fußballmanager. Kein Bonus für Hoeneß, kein Malus für Fans – alle sind vor dem Gesetz gleich. Und das Gesetz ist gleich für alle. In diesem Fall: Egal ob im Stadion oder außerhalb, wer etwas macht, das für alle verboten ist, wird strafrechtlich wie alle behandelt.
*
Ob sich jemand »danebenbenimmt«, weiß sowieso nur Freiherr von Knigge. Und auch bei dem ist es nur Geschmacksache. Aber, unliebe Krawallos, kommt nicht auf die Idee, ich würde zu euch halten: Wenn ihr so behandelt würdet wie alle, würden manche von euch tatsächlich »auch mal ein paar Tage sitzen«.
*
Wer den Klopp-BVB in den letzten Jahren in sein Fußball-Herz geschlossen hat, dem schlägt es schon seit geraumer Zeit nur noch bange. Abergläubische glauben sogar, den Zeitpunkt des Bangigkeitsbeginns ausgemacht zu haben: Der begeisternde Schwung ist dahin, seit Klopp sich die Haare transplantierend schön machen ließ und seit er versuchen muss, an der Seitenlinie Kreide zu fressen.
*
Na ja, schwacher Scherz. Aber nicht alles liegt an der Verletztenmisere (woher sie kommt, ist eine Zusatzfrage). Wer nicht abergläubisch, sondern nur pessimistisch ist, wittert sogar schon die Gefahr einer Gemeinsamkeit zwischen BVB und Nationalelf: knospende Hoffnungen, wunderbar anzusehende Blüte, durchwachsene Reifezeit und schließlich … Missernte. Die Pessimisten sagen den unverbesserlichen Optimisten sogar, sie seien nicht pessimistisch, sondern realistisch. Und ich? In mir kämpfen noch Optimismus, Pessimismus und Realismus um die Vorherrschaft. Ich drücke dem Optimismus die Daumen.
*
Noch mal zum »Danebenbenehmen«. Im Fußball benimmt sich daneben, wer ein Tor bejubelt, das er gegen seinen früheren Klub schießt. Wer gegen diesen Ehrenkodex verstößt, hat nicht verschossen, sondern bei den Fans verschissen. Darum halten die Torschützen heuchlerisch an sich, obwohl sie vor Freude platzen könnten. Vortäuschung falscher Tatsachen. Wer wirklich bedauert, gegen seinen früheren Verein Tore zu schießen, hätte bei ihm bleiben sollen. Klingt weltfremd, ich weiß. Aber lieber weltfremd sein, als heucheln müssen.
*
Anderes Ärgernis: Sobald ein Spieler am Boden liegt, verlangt es der Heuchelkodex, den Ball ins Aus zu spielen. Was als wahrhaft faire Aktion begann, gehört mittlerweile zur Strategie, mit der oft nur gegnerische Angriffe unterbunden werden sollen. Das sieht auch Rudi Völler so: »Das hat nichts mit Fair Play zu tun«, sagt er im »Kicker«, es ist »ein Dilemma für die Mannschaft, die einen Angriff fährt und moralisch gezwungen wird, die Kugel ins Aus zu schießen«. Nur der Schiedsrichter sollte das Spiel unterbrechen, »und dies auch nur, wenn eine erkennbar schwere Verletzung vorliegt – an einem Wadenkrampf ist noch keiner gestorben.« – Ja! Es gibt halt nur ein’ Rudi Völler!
*
Es gibt auch nur ein’ Uli Hoeneß, obwohl er in sich selbst zwei oder sogar drei erkannt haben will. In den Nachhutgefechten im Gefolge des Prozesses schießen sich die großen Medien nun auf das ein, was ich schon vorher auf die Frage-Formel gebracht hatte: Woher kam das viele Geld und wohin ging es? Das Gericht wollte es nicht klären, »Spiegel«, »FAZ«, »Süddeutsche« und Co. werden es nicht klären können. Was womöglich der Sinn der Sache war.
*
Mit der Haft kommen auf Hoeneß auch zwei sehr emotionale Ereignisse zu. Zum einen das Champions-League-Finale Ende Mai. Vorausgesetzt, die Bayern erreichen es (und wer will daran zweifeln?), könnte er das Spiel wahrscheinlich live vor Ort sehen. Das schriftliche Urteil ist erst in einigen Wochen zu erwarten (maximal sieben), danach muss es noch einige juristische Stationen durchlaufen, bevor die Haftstrafe beginnen kann. Zum anderen, und das kann emphatisch nur nachvollziehen, wer einen geliebten Hund hat wie Hoeneß seinen Kuno, wird er nach Lage der biologischen Dinge den 14-jährigen Labrador-Greis in seiner letzten Lebensphase im Stich lassen müssen. Wer Hoeneß kennt und mag, glaubt, dass ihn diese Strafe besonders hart trifft. Er hat sie ganz gewiss nicht verdient. Der Hund. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de [1] mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de [2])


Article printed from Anstoß Online: http://www.anstoss-gw.de

URL to article: http://www.anstoss-gw.de/index.php/2014/03/21/sport-stammtisch-vom-22-maerz/

URLs in this post:

[1] www.anstoss-gw.de: http://www.anstoss-gw.de

[2] gw@anstoss-gw.de: mailto:gw@anstoss-gw.de

Alle Rechte vorbehalten. Mittelhessische Druck- und Verlagsgesellschaft mbH