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Selfie-Lust und Greisenfrust (Rück-Blog vom 19. März)

»Sport, Gott & die Welt« begleitet und ergänzt im Internet meine Zeitungs-Kolumnen. Ab und an veröffentlichen wir hier Auszüge des Blogs, zuletzt vor einem halben Jahr. Es wird also Zeit, wieder einmal rückzubloggen, wir beschränken uns aber auf die vergangenen drei Monate.
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Dienstag, 7. Januar: Ob ich auch über die Eintracht räsonieren soll? Eigentlich will ich der Redaktion nicht ins Handwerk pfuschen, zu viele Eintracht-Köche verderben den Brei bzw. die Kontinuität der Berichterstattung (schlechtes Beispiel: die FR zu Stenger-Zeiten – was macht der eigentlich? -, als dessen nüchterne Artikel sich mit mainspezifisch fußballsozialromantischen abwechselten). Außerdem will ich kein Spielverderber sein.
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Freitag, 17. Januar: Habe gerade noch einmal die Kolumne für morgen nachgelesen und einen bisher unentdeckten Fehler entdeckt, in einem zwar traurigen Zusammenhang, aber dennoch, mhmm, ja: lustig: Gegen Ende des Sport-Stammtischs stand das Wörtchen »verstoben« statt verstorben. Man könnte es aber auch als Synonym durchgehen lassen.
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Sonntag, 2. Februar: In Baden-Württemberg steht eine alte Frau in der Dunkelheit und bei Nebel mitten auf der Straße und verrichtet schon am frühesten Morgen ihre Kehrwochenpflicht. Auto, tot. Gestorben im Dienste … ach nee, kein Spott. Die arme Frau.
Eine Adoptivtochter klagt Woody Allen an, er habe sie als Siebenjährige und danach noch oft missbraucht. Mit einer anderen Adoptivtochter ist Allen verheiratet. Da war mir sein Humor schon längst vergangen.
Klitschko. Jetzt würde es brenzlig. Aber nur, wenn ich alles notieren würde, was mir zu ihm, zu seinen täglichen Exklusivkommentaren in »Bild«, was mir zur Ukraine, zu Europa, zu Deutschland, zu den USA und zu Russland einfällt. Und zu Menschenrechten, Demokratie, Recht und Gesetz. Ich Feigling lasse es bei einem sportlichen Satz: Klitschko ist Europas weiße Hoffnung im Kampf gegen das Böse und den Bösen, der es steuert. So einfach wird es medial und politisch dargestellt. Boxbluffpoker. Hoffentlich nur mit einem Punktsieg endend – natürlich für Europa, ich bin ja auch Partei – und nicht mit ein paar tausend Knockouts. Ceterum censeo: Putins Russland ist nicht Merkels Puppenheim.
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Sonntag, 16. Februar: Der Teich. Er friert nicht zu. Fünf mal fünf Meter, in der Mitte 1,50 tief, liegt er im Garten, im Norden, im Winter erreicht ihn kein Sonnenstrahl, so dass er am ersten Frosttag überfriert und dann bis in den April dick gefroren bleibt, so dass (zweimal so dass hintereinander erlaube ich mir nur im Blog) ich auf dem Eis das hoch gewachsene alte Schilf schön wegsensen kann. Geht diesmal nicht, zum ersten Mal seit mindestens Menschengedenken bleibt der Teich eisfrei. – Sie lasen meinen Beitrag zum Klimawandel.
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Sonntag, 2. März: Nachgelesen, was ich zu Beginn der Wulff-Affäre vor zwei Jahren, als sie noch ganz klein köchelte, geschrieben habe. Stichworte: Vronisihrnfreundfreund, kleinbürgerliches Emporkömmlingsdrama, Aufstieg und Fall eines kleinen Mannes, Cherchez la femme, der arme Kerl – das beschreibt auch heute noch den Kern der Affäre. Wulff hatte sich lächerlich gemacht und als Bundespräsident untragbar. Sein Rubikon war Bild-Diekmanns Anrufbeantworter. Danach hat er viel durchgemacht. Der Prozess eine Farce. Lächerlicher als die Ermittler und Ankläger hatte sich Wulff nie gemacht. Die Genugtuung ist ihm zu gönnen. Hoffentlich kommt er gut im richtigen Leben an.
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Manche Sportler haben auch nach erfüllten, sehr erfolgreichen Karrieren Schwierigkeiten, sich von diesen bunten, prächtigen Jahren mental zu lösen. Ich sehe das jeden Tag auf Facebook, wo »Freunde« von mir, alte Männer aus den USA, frühere Olympiasieger und Weltrekordler in Wurfdisziplinen, unaufhörlich alte Bilder von und Berichte über sich posten, ein halbes Jahrhundert danach. Manchmal bin ich froh, dass ich im Vergleich zu ihnen ein Niemand war. Dass sie ihr Jugendwerk posten, ist traurig, wenn ich es täte, wäre es lächerlich.
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Sonntag, 9. März: Neues Wort gelernt, das alle schon kennen: Selfie. Erst bei dem Rekord-Selfie bei der Oscar-Feier wurde mir der Sinn klar. Nicht der Sache, nur des Wortes. Da wusste ich: Habe auch schon Selfies gemacht. Lange, bevor es das Wort gab. Als Junge, mit einer Vier-Mark-Reichskamera und einem Selbstauslöser-Kabel, gefunden in alten Familienbeständen. Tests, um zu klären, ob Mädchen an mir Interesse haben könnten. Ernst und wichtig geguckt, half aber nichts, die Zweifel wurden eher verstärkt. Ich sollte die heutigen Selfies also nicht kritisieren oder mich drüber lustig machen. Wer weiß, welche Peinlichkeiten der Bub von damals heute ins Netz stellen würde.
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Nicht der Pädophile ist pervers kriminell, sondern das, was er macht, wenn er es denn macht. Er muss wissen, dass das, was er in seiner Phantasie erlebt, ausgelebt eine Schandtat ist. Dass er nicht wegen der Phantasie zu verachten ist, denn dafür kann er nichts. Zu verachten ist er, wenn er sie an Kindern auslebt, wenn er ihre Seelen ermordet. Das sind klare Scheidelinien, die in der aktuellen Diskussion zu sehr verschwimmen, zwischen den Polen allgemeiner Verachtung und großem Verständnis.
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Ich denke auch an jenen »Kinderfreund« in einem großen Ballspiel-Dachverband, der für die Jugendarbeit in Deutschland verantwortlich war: Wie wir über ihn gelacht haben, wenn er unter irgendwelchen Vorwänden in die Umkleidekabine und Duschräume der jüngeren Sportler geflattert kam und seine Blicke fotografisch schweifen ließ, um das Gesehene (wir wie voraussetzten) später im stillen Kämmerlein nachzuerleben. Wir wussten auch, dass er Jugendliche zu sich nach Hause einlud, ins Spielzimmer mit Flippern und anderem attraktivem Spielgerät. Wir machten uns aber nie Gedanken, ob er darüber hinaus ging, auch, weil das zu unvorstellbar eklig war, sich so etwas überhaupt vorzustellen. Aus heutiger Sicht: Wahrscheinlich tat er das unvorstellbar Eklige. Haben wir uns damals schuldig gemacht? Und die, die ihn in diese für ihn ideale Position gewählt haben?
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Sonntag, 16. März: Letzter Schreck in der Morgenstunde: Ich werde alt, so alt! Mich gerade dabei ertappt zu erwägen, demnächst vielleicht mit Stöcken schnellzugehen. ICH!!!! Und noch so ein fataler Gedanke: Wenn die allerliebste Zielgruppe in dieser Woche ein E-Bike bekommt, könnte ich doch auch mal … nur zur Probe … ganz heimlich … irgendwo im Wald … sieht ja keiner … auweiaweiaweia. Greisenfrust. Diese Gedanken muss ich ganz weit weg im Kalk hinterster Hirnwindungen verstecken.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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