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Sonntag, 16. März, 6.30 Uhr

Beim Schreiben des Datums festgestellt, gestern den Geburtstag des lieben H.  vergessen zu haben. Schnell die Gratulation mit einer Mail nachgeholt. H. kennen nicht nur unsere Leser sehr gut, sondern für sich und als Hälfte auch ganz Hessen und mindestens halb Deutschland.

Um diese Uhrzeit fühle ich mich sonst als einziger Wacher auf der Welt, aber heute sind auch schon ein paar andere aufgestanden und schalten gleich den Fernseher an. Formel 1 in Australien. Start in mittlerweile 17 Minuten. Gigantische Tele-Quote garantiert, denn wer guckt um diese Zeit außer Formel-1-Fans Fernsehen? Selbst die werden in Nach-Schumi-Zeiten immer weniger (kommen jetzt auch die Nach-Vettel-Zeiten? Beziehungsweise die Nach-Red-Bull-Zeiten?).

Die Fernsehquoten werden aber auch ihren eigenen Schwachsinn belegen, denn so gigantisch sie auch sein mögen, sie werden erfahrungsgemäß unter ca. 75 Prozent liegen. Ein Viertel schaut also irgend was anderes. Was denn bloß?

Über die Ermittlung der Quoten habe ich schon vor zwei, drei Jahrzehnten geschrieben, über die Unglaubwürdigkeit, über die blödsinnige Art ihrer Ermittlung und über die Belanglosigkeit ihrer Ergebnisse, außerdem über die absurde Einteilung in relevante Guckerklassen. Die abstruse „14 bis 49“-Relevanz – von RTL-Thoma damals einfach erfunden und mindestens so irrelevant, wie sie als relevant verkauft wurde. Inzwischen ist sie wohl heimlich, still und leise auf „14 bis 59“ modifiziert worden, bleibt aber quatschig wie eh und je. Als kleiner Rechthaber freut mich natürlich, dass ich in den letzten Monaten in den großen Feuilletons das Gleiche lesen konnte, was ich damals geschrieben habe. Vielleicht demnächst mal ein Thema für die „Nach-Lese“ im Feuilleton. Oder nur als Randbemerkung im „Anstoß“. Für die nächste „Nach-Lese“, wenn ich denn mein altes Baby wieder mal sitten darf, habe ich mir schon Hunde vorgenommen – den von Thomas Mann, den von H. v. Hentig und meinen Kreta-Hund. Oberthema dabei: Die Einfühlsamkeit der als einfühlsam Bekannten (in diesem Fall des Schriftstellers und des Pädagogen) erschöpft sich oft in der Einfühlsamkeit für sich selbst (in diesem Fall: auf Kosten ihrer Hunde, die arme Schweine sind. Siehe Bauschan)

Für die „Montagsthemen“ habe ich noch keinen Plan außer dem, den Namen Hoeneß nicht zu erwähnen, die ganze causa nicht, nachdem von allen alles und noch viel mehr  und viel zu viel gesagt, geschrieben und gesendet worden ist. Aus sportlichem Ehrgeiz will ich sogar versuchen, in der Zitaten-Kolumne für Dienstag ohne Hoeneß auszukommen. Was schwierig wird, denn man stelle sich bloß vor, in den Zeitungen der vergangenen Woche würden alle Artikel fehlen, die mit Hoeneß zu tun haben – das wären keine Notausgaben nach Generalstreik mehr, das wären nur noch einseitige Din-A-4-Blättchen. Mit Hoeneß waren sie vielseitig einseitig.

Ein Wort zum Prozess kommt vielleicht dennoch rein. Zum Weltsensationsprozess, der rund um Deutschland herum einer ist, in Deutschland aber in der Hoeneß-Versenkung verschwand. Er wird wieder auftauchen. In der Versenkungswoche werden viele verpasst haben, was nach Lebenserfahrung den Tathergang klärt, also ob fatales Versehen oder Beziehungstat. Die identischen Aussagen der Nachbarn (erst markerschütternde Schreie, danach Schüsse) lassen nur einen Schluss zu. Ob es dennoch zu einem O.J. Simpson-Urteil kommt?

Und da wäre für mich in meiner Flugangst noch das Grausligste der letzten Tage, der Irrflug des vermissten Flugzeugs. Jemand schaltet die Geräte ab, ändert den Kurs und fliegt oder lässt die Maschine stundenlang ins Irgend- und Nirgendwo fliegen. Zum Glück steht bei mir in diesem Jahr bisher kein Flugtermin an. Ich würde ihn absagen.

So, elf nach sieben, die Formel 1 fährt schon. Erste sid-Meldung: Rosberg gewinnt Start, Vettel hat Probleme und fällt vom zwölften Platz noch drei weitere zurück. Raten Sie mal, ob ich jetzt den Fernseher einschalte oder Kaffee serviert bekomme und Zeitung(en) lese. Da kommt sie ja. Ja, Sie. Mit Knicks und Kuchen und Kaffee.

Baumhausbeichte - Novelle