Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 17. März)

In aller Bescheidenheit: Diese »Montagsthemen« wollen eine titanische Leistung schaffen und ganz »ohne« auskommen, nachdem von allen alles und noch viel mehr und viel zu viel gesagt, geschrieben und gesendet worden ist.
*
Dennoch einige weitere Worte zum Prozess. Nein, nicht zu »dem« Prozess, sondern zum Weltsensationsprozess, der bei uns vorübergehend in der Versenkung verschwunden ist. Daher werden viele in der Versenkungswoche  verpasst haben, was nach Lebenserfahrung den Hergang klärt: tragisches Versehen oder Beziehungstat? Die identischen Aussagen der Nachbarn (erst markerschütternde Schreie, danach Schüsse) lassen nur einen Schluss zu. Ob es dennoch zu einem O. J. Simpson-Urteil kommt?
*
Zum Sport. Im Bundesliga-Fußball wird ein Wort neu definiert, dessen Synonym im Boxen als »Fallobst« bekannt ist: Aufbaugegner. Für Borussia Dortmund bedeutet das nicht, als Stärkerer gegen einen Schwächeren anzutreten und in einer aufbauender Trainingseinheit locker zu gewinnen (wie es Bayern München idealtypisch vormacht), sondern dem Schwächeren als Aufbaugegner aus der Krise zu verhelfen. Eine Art philantropischer Verkrampfung, in dieser Saison schon so oft erlebt, dass der BVB womöglich noch die direkte und vielleicht sogar überhaupt die Champions-League-Qualifikation wohltätig verschenkt.
*

Zum Beispiel an Schalke 04. Ich knabbere immer noch an meinem dumm-ironischen Vorurteil, dass ich Schalke-Trainer Jens Keller als »smart, eloquent – und sonst?« abqualifiziert hatte. Wenigstens habe ich das schon vor mehr als einem Jahr mit Bedauern zurückgenommen, hier noch einmal im Wortlaut: »Sorry. Ich nehm’s zurück. Keller hält sich wacker, kein bisschen smartiehaft, sondern standhaft und eigenständig an einer schweren Aufgabe arbeitend.« Ich meinte damals auch, »dass ich ihm nun die Daumen drücke, wird ihm allerdings nichts nützen« – doch 14 Monate später ist Keller immer noch Schalke-Trainer, leidgeprüft zwar, aber weiter standhaft und stoisch allen Schalker Wirren trotzend. Respekt! Und mittlerweile, wenn man das personelle Potenzial der beiden alten Rivalen vergleicht, hinkt Schalke dem BVB nicht mehr weit hinterher, sondern schließt langsam auf. Trotz Real-Desaster.
*
Etwas Gutes hatte die erneute Dortmunder Heimschlappe dennoch: Man hat gesehen, wie schnell ein 2:0-Vorsprung verspielt werden kann. Allerdings hat man auch in St. Petersburg gesehen, wie leicht in Dortmund ein 0:2-Rückstand aufzuholen ist. Zum Glück baut der BVB in der Champions League in der Regel – und hoffentlich am Mittwoch wieder – nicht den Gegner, sondern sich selbst auf.
*
Ein ganz anderer »Aufbaugegner« erlebt ein »grandioses Comeback in Fitnessstudios und CrossFit-Boxen« (FAS). Mich interessieren die kommerziell angekurbelten Fitnesswellen so wenig, dass ich nicht einmal nachgoogele, was denn dieses »CrossFit-Boxen« sein soll, denn ich weiß aus grauhaariger Erfahrung, dass es alter Wein in neuen Schläuchen sein muss. Aber wer erlebt nun dieses »grandiose Comeback«? Der gute, nein, der böse alte Medizinball. Der hat seit Felix Magaths Neuentdeckung den Ruf des Marterwundermittels für Profifußballer – und da legen nun Mutti und Vati die Stöcke zur Seite und sich einen schicken bunten Medizinball zu?
*

Klar, die neuen Medizinball-Propheten nennen auch nachvollziehbare Gründe, zum Beispiel die Beanspruchung oft vernachlässigter kleiner Muskeln, die untertrainiert die schwächsten Glieder von Muskelketten bzw.-schlingen sein können. Aber die meisten Hochleistungssportler haben einen Medizinball zuletzt in der Schule beim Völkerball in die Hand genommen (aua, das tat weh!), denn im Spitzensport spielen sie kaum eine Rolle, außer allenfalls bei unspezifischen Begleitübungen – oder eben als PR-Aktion à la Magath. Bei Freizeit-Fitness-Aktivisten führen sie eher zum Negativ-Effekt, sich mit den unhandlichen Dingern die oft sehr fragile Motivation zu zerbrechen.
*
… und nur noch Fernsehsport zu treiben? Dann wären gigantische Marktanteils-Quoten garantiert, ähnlich denen von gestern früh. Doch wer guckt sonntags am frühesten Morgen außer Formel-1-Fans Fernsehen? Ständiges Quotenwunder: Dennoch haben um diese Zeit auch andere Sendungen signifikante Marktanteile. Wieso bloß? Vergessen auszuschalten?
*
Uns zeigt man den Vordergrund und verdeckt damit, was im Hintergrund wirklich geschieht. Wie wir alle genarrt werden – aber das brächte uns ja doch zu dem Thema zurück, das heute keins sein soll. Also Schluss jetzt. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle