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Sport-Stammtisch (vom 15. März)

»Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.« Manche kennen das Zitat als Marcel Reich-Ranickis Schlusssatz im »Litarischen Quartett«, einige Ältere wissen sogar noch aus Schul-Pflichtlektüre, dass der Satz im Epilog von »Der gute Mensch von Sezuan« fällt, in dem uns Bertolt Brecht mit dem didaktischen Holzhammer einprügelte, dass Sezuan überall ist.
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Natürlich auch in München. Dort wurde »der gute Mensch vom FC Bayern« unter immer höhnischerem Beifall abgeurteilt, aber wir sehn zwar nicht alle, aber doch die entscheidenden Fragen offen. Die wichtigste: Von wem und woher kam das Geld auf dem Schweizer Konto, wohin ging es und was hat der FC Bayern damit zu tun? Eine Antwort wird es nicht mehr geben, dieser Beginn der Affäre ist strafrechtlich verjährt, und das Schnellgericht in München hat in seinem bemerkenswerten Hauruck-Verfahren tunlichst vermieden, daran zu rühren. Es geht ja auch »nur« um den Anfangsverdacht (des »Stern«) von einer halben Milliarde auf dem Konto. Alles angezockt und wieder verzockt? Hätte der Richter nachgefragt, hätte er seinen Lieblingssatz anbringen können: »Man kann es glauben, man muss es aber nicht.«
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Vier Tage für 28,5 Millionen auf der nach oben offenen Steuer-Skala, quälend lange Wochen für Wulffs 700 Euro auf der nach unten offenen Läppischkeits-Skala – das verstehe, das kann nur verstehen, wer es unbedingt verstehen will. Ließ sich Hoeneß wehrlos abschlachten, als letzter Dienst für den FC Bayern?
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Und warum hinterfragt niemand die alte Leier vom supertollen Manager, der den Klub im Alleingang aus den Schulden an die Weltspitze geführt und dabei das Festgeldkonto prall gefüllt hat? Ist dieser Mann ein einzigartiges Phänomen, das nur mit links gearbeitet hat, da Hoeneß ja eingestandenermaßen mit der Rechten ständig und wie von Sinnen am Börsenpager hantierte? »Man kann es glauben, man muss es aber nicht.«
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Wer nicht zu Hoeneß’ treuen Verehrern oder seinen alten und neuen Verächtern gehört, also eine sehr kleine Minderheit, dem drängt sich bei fast allem, was in und zu dieser Affäre gesagt, geschrieben und gesendet wurde, ein Wort auf: Selbstgerechtigkeit. Beginnend bei Hoeneß, der glaubt, selbst gerecht zu sein, aber nur selbstgerecht handelt, wenn er scheinbar großzügig Millionen nach eigenem Gusto spendet, die aber nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was er dem Staat hätte »spenden« müssen.
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An Selbstgerechtigkeit aber nicht zu übertreffen, was nun aus der Politik herausposaunt wird. Wie’s der Zufall will, las ich gerade im neuen »Bildungsroman« von Gerhard Henschel, als aus dem Radio die ersten Politiker-Kommentare abgesondert wurden. Henschel ist im vierten Band seiner Roman-Serie in den frühen 80er Jahren angekommen, als sein alter ego Martin Schlosser notiert: »Die Bundestagsganoven versuchen sich mit einer Generalamnestie für sogenannte Steuersünder aus der Parteispendenaffäre zu ziehen. Eine miese Tour. Der Gesetzgeber will die Gesetzesverstöße der Parteien, die ihm angehören, vertuschen, indem er eine neue Gesetzesgrundlage schafft? Bananenrepublik Deutschland.« – Erinnern Sie sich? Die »Pflege der politischen Landschaft«? Immerhin, die Selbstamnestie funktionierte nicht.
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Was Hoeneß tat, tun andere immer noch und bleiben straffrei: Gewinne einbehalten und – siehe Verlustvortrag – Verluste sozialisieren. Hoeneß bekam vor Gericht weder einen Bonus noch einen Malus, Top-Banker kassieren nur Boni, den miesen Malus überlassen sie uns.
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Ich habe mich getäuscht. Die Politiker sind nun doch an Selbstgerechtigkeit zu übertreffen: »Herr Hoeneß, Sie sind eine asoziale Type«, leitartikelt die »taz« gnadenlos, die selbst nur noch dank der Gnade mildtätiger Spender existiert. Ein Uli Hoeneß ist mir trotz seiner partiellen Doppel-Moral tausend Mal angenehmer als solche selbstgerechten Scharfrichter.
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Notorische Bayern-Hasser haben ein seltenes Erfolgserlebnis: Wenn man schon diesen Klub mit seinem derzeit einzigartigen Fußball nicht besiegen kann, dann wenigstens in Uli Hoeneß den personifizierten FC Bayern.
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Die Haftstrafe war nach Lage der Dinge unausweichlich. Der Rücktritt ebenfalls. Der Verzicht auf Revision ist klug. Dass Uli Hoeneß tatsächlich ins Gefängnis muss, ist Tatsache, bleibt aber immer noch kaum vorstellbar. Wer auch nur über ein Milligramm Empathie verfügt, der ahnt, was das für ihn bedeutet. Wer ihm den Knast gönnt, hat kein Herz. Den gnadenlos Schadenfrohen fehlt das, was Hoeneß, trotz allem, sympathisch macht: warmherzige Menschlichkeit.
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Randnotiz zum Prozess. Haben Sie die Gerichtssprecherin gesehen? Wie sie täglich neu aufgebretzelt zu den Mikrofonen stöckelte? Als femme fatale nur fatal.
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Viele Themen bleiben heute liegen, weil das eine alle anderen überlagert. Aber das muss unbedingt noch sein: Herzlichen Dank für die in letzter Zeit sich häufenden und überaus freundlichen Zuschriften (zum Beispiel, einer für alle, von Kurt Berge aus Langgöns). Und ein Nachtrag: Zu den Drei-Punkte-Siegern der letzten WBI-Runde gehören auch Reinhold und Andreas Kreiling aus Gießen-Wieseck, deren Postkarte (mit aufgeklebtem Blankers-Koen-Foto) rechtzeitig vor Einsendeschluss eintraf, aber auf dem Weg zu mir trödelte.
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Und da wäre dann nur noch die »Bild«-Schlagzeile vor dem Urteil: »Im Namen aller ehrlichen Steuerzahler: Verknackt Hoeneß!« So gnadenlos wie die »taz«? Im Gegenteil: Aufruf zum Freispruch. Denn Recht gesprochen wird im Namen des Volkes und nicht von einer Minderheit. Kleiner Scherz. Oder?  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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