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Sonntag, 9. März, 6.35 Uhr

Neues Wort gelernt, das alle schon gekannt haben: Selfie. Erst tauchte es mal hier, mal da auf, ohne dass ich es verstand oder verstehen wollte, weil es in Zusammenhängen auftauchte, die mich nicht interessierten. Erst bei dem Rekord-Selfie bei der Oscar-Feier wurde mir der Sinn klar. Nicht der Sache, nur des Wortes. Dann wusste ich: Habe auch schon Selfies gemacht. Lange, bevor es das Wort gab. Als Junge, mit einer Vier-Mark-Reichskamera und einem Selbstauslöser-Kabel, gefunden in alten Familienbeständen. Tests, um zu klären, ob Mädchen an mir Interesse haben könnten. Ernst und wichtig geguckt, half aber nichts, die Zweifel wurden eher verstärkt. Ich sollte die heutigen Selfies also nicht kritisieren oder mich drüber lustig machen. Wer weiß, welche Peinlichkeiten der Bub von damals heute ins Netz stellen würde.

Na ja, heute stellt er keine Bild-Selfies in Netz, sondern geschriebene. Was sind Blogs denn sonst?

Etwas später trug ich im Winter (das ist was Weißes, Kaltes) im Training mit der Kugel Handschuhe beim Stoßen, ebenfalls aus Familienbeständen. Waren wie für das Kugelstoßen im Kalten geschaffen: Dünnes, aber starkes Leder, mit Daumen und Zeigefinger, die restlichen Finger steckten zusammen drin. Die Handschuhe waren aber nicht für das Kugelstoßen geschaffen, sondern fürs Totschießen.

Kugelstoßen, Leichtathletik: Die Hallen-WM ging total unter. Ich schaute ein bisschen bei Eurosport und bei Facebook, denn dort gibt es eine “Throwholic”-Gruppe (Wort habe ich falsch geschrieben, ich weiß, ich kann’s aber nicht nachprüfen, sonst müsste ich aus dem Blog-Modus raus, das dauert mir zu lange), die Videos über Wurfdisziplinen zeigt, auch schon kurz nach  Wettkämpfen. Tom Walsh, den Blog- und Kolumnenleser schon kennengelernt haben, war die große Sensation. Ich will versuchen, ihn und David Storl und Jacko Gill und Valerie Adams und Jean Pierre Egger in den Montagsthemen mit dem Talent-Anstoß von letzter Woche zu verbinden. Bietet sich an. Muss ja nicht immer Bundesliga sein, zumal dort nur noch Sekundärentscheidungen fallen und mir um die Eintracht (kein Abstieg) und den BVB (Champions-League) nicht mehr bange ist. Es sei denn, Dortmund verliert heute. Aber dann sind die Montagsthemen längst geschrieben.

Kein Thema dort, was ich mal kurz ins Unreine schreibe: Pädophilie. Nicht der Pädophile ist pervers kriminell, sondern das, was er macht, wenn er es denn macht. Er muss wissen, dass das, was er in seiner Phantasie erlebt, ausgelebt eine Schandtat ist. Dass er nicht wegen der Phantasie zu verachten ist, denn dafür kann er nichts. Zu verachten ist er, wenn er sie an Kindern auslebt, wenn er ihre Seelen ermordet. Das sind klare Scheidelinien, die in der aktuellen Diskussion zu sehr verschwimmen, zwischen den Polen allgemeiner Verachtung und großem Verständnis. Aber ich merke schon, beim ungefilterten Schreiben, dass das Thema zu komplex und schwierig und gravierend ist, um hier einfach so mal rumzuräsonieren. Kürzlich habe ich im Blog ja über die Sache mit einem Ex-Kollegen geschrieben. Ich denke auch an jenen “Kinderfreund” in einem großen Ballspiel-Dachverband, der in seinem Sport für die Jugendarbeit in Deutschland verantwortlich war: Wie wir über ihn gelacht haben, wenn er unter irgendwelchen Vorwänden in die Umkleidekabine und Duschräume der jüngeren Sportler geflattert kam und  seine Blicke fotografisch schweifen ließ, um das Gesehene (wir wie voraussetzten) später im stillen Kämmerlein nachzuerleben. Wir wussten auch, dass er Jugendliche zur “Belohnung” zu sich nach Hause einlud, ins Spielzimmer mit Flippern und anderem attraktivem Spielgerät. Wir machten uns aber nie Gedanken, ob er darüber hinaus ging, auch, weil das zu unvorstellbar eklig war, sich so etwas überhaupt vorzustellen oder für möglich zu halten. Aus heutiger Sicht: Wahrscheinlich hatte er Favoriten, wahrscheinlich tat er das unvorstellbar Eklige. Haben wir uns damals schuldig gemacht? Und die, die ihn in diese für ihn ideale Position gewählt haben?

Schluss mit diesen Gedanken. Die Montagsthemen warten.

Baumhausbeichte - Novelle