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Montagsthemen (vom 10. März)

Die Bayern in ihrem Lauf halten weder BVB noch Bayer auf. Falsch. Allerdings nur grammatisch. In Honeckers Original (»Den Kommunismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf«) stimmte dagegen nur die Grammatik, alles andere nicht. Bei den Bayern ist trotz der zweideutigen Wer-Wen-Konstellation alles eindeutig: In ihrem Lauf hält sie niemand auf. Jedenfalls nicht in der Bundesliga.
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Da fallen mir noch ein paar hübsche Subjekt-Objekt-Verschiebungen ein, aber dazu später. Das Sportwochenende wurde neben dem Ligafußball von den Paralympics in Sotschi medial dominiert, die Hallen-WM der Leichtathleten ging fast unter. Dass die überdosierte Premium-Behandlung der Paralympics keine echte sportliche Würdigung ist, sondern als Beispiel für immer noch verkrampften, unnatürlichen Umgang mit Behinderten angesehen werden könnte, will ich hier nicht vertiefen. Selbstschussgefahr.
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Ich wende mich lieber der Leichtathletik zu, die den letztwöchigen »Anstoß« (»Was wird aus all den Talenten?«) ergänzt und eine Brücke zum WM-Fußball schlägt. Und das geht so: In der Talente-Kolumne ging es um Chancen und Risiken frühzeitigen Hochleistungstrainings. Immer mehr Fußballer kommen immer jünger in die Bundesligateams, fußballerisch bestens ausgebildet und zu den schönsten, ja sensationellsten sportlichen Hoffnungen Anlass gebend. Aber nur, wenn man ihre frühe Leistungsentwicklung kontinuierlich weiterdenkt.
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Nehmen wir Jacko Gill, das neuseeländische Kugelstoß-Wunderkind, das mit 16 Jahren 24,45 Meter weit stieß, mit der 5-kg-Kugel, die noch zwei Pfund schwerer ist als die Frauenkugel, mit der die große Valerie Adams bei der WM mit sehr guten 20,67 m siegte. Bei nur normaler Weiterentwicklung müsste der mittlerweile 20 Jahre alte Gill bereits Weltrekordler sein, aber er stagniert schon lange auf seinem Teenie-Niveau. Vor Gill galt David Storl als einmaliges Kugel-Phänomen. Mit 21 gewann er den WM-Titel mit 21,78 m, seitdem stagniert er auf diesem allerdings sehr hohen Niveau, obwohl man in diesen Jahren normalerweise die größten Leistungssprünge schafft.
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Jetzt, bei der Hallen-WM in Sopot, trumpfte ein anderer Neuseeländer auf, Tom Walsh, den bisher nicht mal Wikipedia kannte. Der Junge ist 22, hat aber keine lange Jugendkarriere hinter sich, sondern spielte Rugby. Erst spät begann er mit dem Kugelstoßen und verbessert sich seitdem in großen Schritten. In Sopot zeigte er Nerven wie Drahtseile, eine urige Gemütsruhe, aber auch eine blitzschnelle Drehung im Ring, er stieß deutlich über 21 m und gewann Bronze hinter Storl. Walsh passt so gar nicht in das Schema der frühzeitigen Spezialisierung und Quasi-Professionalisierung in Talentschmieden, er arbeitet sogar heute noch in einem Vollzeitjob als Builder, was nicht Bodybuilder bedeutet, sondern: Bauarbeiter! Begründung seines Trainers: »Er wird nicht immer Sportler sein. Er braucht etwas, das sich nicht nur ums Kugelstoßen dreht.«
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Auf die Hallen-WM bereitete sich Walsh mit seiner Landsfrau Adams und deren Trainer Jean-Pierre Egger vor, der manchen trainingslagernden hessischen Leichtathleten als Trainer in der Schweizer Sportschule Magglingen noch gut bekannt ist. Der Ex-Kugelstoßer Egger kommt auch im »Sport-Leben« von »Sport, Gott & die Welt vor, aus gegebenem Anlass ohne volle Namensnennung. Aber das nur am Rande. Wen’s interessiert: Bitte reinklicken.
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Früher kamen Werfer mit 30 in die besten Leistungsjahre. Fußballer ebenfalls nicht viel früher. Heute können sie froh sein, wenn sie mit 30 noch wie mit 20 spielen und stoßen. Und dazu fällt einem automatisch die Fußball-Nationalmannschaft ein: Seit der Blamage von 2000 krempelte der DFB die Nachwuchsförderung um, 2006 gab es beim »Sommermärchen« die ersten schönen Erfolge … und seitdem stagniert die Löw-Elf, die bei kontinuierlicher Entwicklung danach schon den einen oder anderen Titel hätte gewinnen müssen. Langsam breitet sich der Gedanke aus, dass die Talentgeneration schon vor dem Reifen verblühen könnte, auch wegen mangelnder Widerstandskraft – körperlich durch frühen Verschleiß, mental durch Überbetreuung und vielleicht auch durch Erziehung zu wohlerzogener Gefälligkeit. Wie schön, dass bei uns keine »Drecksäcke« in der Nationalelf stehen! Das Problem: Bei den anderen spielen sie.
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Unsere Talente in ihrem Lauf halten weder Spanien noch Brasilien auf. Im Doppelsinn verbergen sich Hoffnung und Befürchtung. Hoffen wir halt mal. Wunder sind immer möglich. Vor allem bei anderen Subjekt-Objekt-Verschiebungen wie dieser Behauptung in der »Süddeutschen Zeitung« über den türkischen Staatspräsidenten Gül: »Seine Frau hat die Mutter für ihn ausgesucht.« Eine nicht nur für Grammatik-Freunde, sondern auch für Zeitreise-Fans ziemlich vertrackte Geschichte. Eine seltsame Form der Emanzipation stand in der »Rheinischen Post«: »Mehr als 50 Frauen sollen zwei Westafrikaner nach NRW eingeschleust und zur Prostitution gezwungen haben.« Die Süddeutsche Zeitung legte mit einer anatomischen Besonderheit nach: »Die strumpflosen weißen Füße bedecken braune Mokassins«, und die »Tagesschau« berichtete über einen Demo-Erfolg, von dem Alt-Achtundsechziger nur träumen können: »Eine Großdemonstration löste die Polizei auf.« Auch in der Wissenschaft tat sich Erstaunliches, wusste die »Zeit«: »Unbekannte Bakterien haben Forscher auf der menschlichen Haut entdeckt« – das geht doch auf keine Kuhhaut!
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Meine Sammlung hat am Wochenende Nachschub erhalten, dank unseres Bundespräsidenten. Der war auf Besuch in Griechenland, gedachte in einem Dorf der Ermordeten, und die »Tagesthemen« informierten dazu: »Über 80 Dorfbewohner ermordeten deutsche Wehrmachtsangehörige.« Ich verstaue den Satz ganz hinten in meiner Sammlung unter dem Stichwort »Verwechslungen der unlustigen Art«. Ganz vorne steht der Nationalelf-Satz, aus Motivationsgründen grammatisch korrekt umformuliert: Unsere Nationalelf in ihrem Lauf halten weder Brasilien noch Spanien auf. Vamos!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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