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Sport-Stammtisch (vom 8. März)

Vom Wahne befreit sind Fans und Medien durch des Chilenen wilden, gefährlichen Kick … und dennoch grünet Hoffnungsglück. Denn zu den wenigen positiven Nebenwirkungen des miesen Länderspiels gehört der Verdacht, der langsam selbst in den bislang zweifelbefreitesten Hirnen aufkeimt: Wäre es etwa möglich … vielleicht… man will ja nicht unken … aber ist es wider bisheriges Erwarten etwa doch annehmbar, dass Deutschland … man wagt es kaum zu denken, geschweige zu schreiben, man windet sich durch Haupt- und Nebensätze, aber jetzt kommt’s, der Zweifel bricht sich Bahn: … dass Deutschland möglicherweise NICHT Weltmeister wird? Das Undenkbare wird denkbar.
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Ernsthaft bitte. Also: Die Normalisierung der Erwartungshaltung gehört zum Besten, was dieses Spiel zu bieten hatte. Wobei aber gleich der Sprung von einem Extrem ins andere droht, die Angst vor dem totalen WM-Versagen. Genauso grundlos wie der Überschwang zuvor. Chile ist keine Schoppenmannschaft, was schon andere Große wie Spanien erfahren mussten, und Deutschland bleibt ein (Betonung auf »ein«) Mitbewerber hinter den Topfavoriten Spanien und Brasilien. Und die WM wird sowieso eine große, bunte Wundertüte.
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Da nicht allzu viele Schwaben zur WM fahren  werden, entfällt auch das Handicap vom Mittwoch, vor dem deutschlandweit motz- und pfeifbereitesten Publikum spielen zu müssen. Vor fremder Kulisse ausgebuht zu werden, ist dagegen eine Art Ehrensalut und kann sogar motivieren. Wenn’s das eigene tut, bewirkt es das Gegenteil, es zieht runter.
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Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Radio-Moderationen von Textbeiträgen sich immer öfter anhören wie dieser nach dem Länderspiel: Anmoderation: »Die deutsche Nationalelf ist noch nicht in WM-Form. Beim 1:0 gegen Chile gab es Pfiffe im Publikum. Aus Stuttgart berichtet XY.« – Dann sagt XY nicht viel mehr als: »Die deutsche Nationalelf ist noch nicht in WM-Form. Beim 1:0 gegen Chile gab es Pfiffe im Publikum.« – Abmoderation: »Die deutsche Nationalelf ist noch nicht in WM-Form. Beim 1:0 gegen Chile gab es Pfiffe im Publikum. Aus Stuttgart berichtete XY.«
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Das ist Ihnen auch schon aufgefallen? Siehste. Aber noch mehr fällt Ihnen auf, wie viele Fehler in der Zeitung stehen, orthographische wie sachliche? Och jo. Da würde ich mich am liebsten wegducken, bin schließlich als hobbyschreibender Rentner nicht mehr zuständig. Geht aber nicht, da viele Teilnehmer meiner »Wer bin ich?«-Runden ihre Einsendungen mit Lob und Kritik ergänzen, und da häufen sich in letzter Zeit neben erfreulichen Anmerkungen (Dankeschön) die kritischen zu mangelndem fachlichen Niveau, beileibe nicht nur im Sport, nicht nur von uns, auch in Agenturberichten und Fernsehsendungen. Aus meinem Off will ich das nicht kommentieren. Aber verschweigen darf ich die Lesermeinungen auch nicht. Ach, übrigens: Die laufende »WBI«-Runde ist abgeschlossen, mit deutlich höherem Schwierigkeitsgrad als der Aufwärm-Auftakt mit »Katsche« Schwarzenbeck, und dennoch haben etwa drei Dutzend Leser alle drei Gesuchten gefunden. Wie machen die, wie machen Sie das bloß? Das Rätsel bleibt für mich ein Rätsel.
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Ein Wort zu Veh darf  auch in dieser Kolumne nicht (Achtung, Hammer-Gag!) vehlen. Damit sollte aber bitte, liebe Kollegen in Nah und Fern, die vehnominale Wortspielerei ein Ende finden. Dass Veh in Frankfurt sportliche Perspektiven vermisst, dass er hier an Grenzen zu stoßen glaubt, und dass die vernunftgeprägten Ziele der Eintracht »nicht unbedingt meine Ziele sind«, sagt wenig über Frankfurt und einiges über Veh aus: Der Mann überschätzt sich. Diese Eintracht trainieren zu dürfen, muss seit dem Ende der unseligen Jahre für jeden Trainer unterhalb der »hors categorie« wie Guardiola oder Mourinho eine Ehre sein. In Frankfurt hat Veh Großes (mit)geleistet. Ob er an seinem neuen Arbeitsplatz vergleichbare Erfolge und Akzeptanz finden wird? Ich wette dagegen.
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Anderes Thema. Mit der  Einjahressperre (plus 5000 Euro Geldstrafe) für den Bobfahrer Manuel Machata schießt sich  der Bobverband von hinten durch das Knie ins Genick. Machata hatte Kufen aus der Schweiz erworben, mit der Auflage der dortigen Firma, sie weiterzugeben, wenn er sie bei Olympia nicht benutzt. Machata konnte sie in Sotschi nicht benutzen, da er sich nicht qualifizierte. Er gab sie einem Russen weiter, übrigens eine gängige Praxis im Bobsport. So weit, so gut, so normal. Da aber Deutschland erstmals skandalöserweise medaillenlos blieb, setzte unter den Medaillenspiegel-Apparatschiks eine hektische Suche nach den Schuldigen ein. Bob ist eine High-Tech-Sport, am wichtigsten sind die Kufen, Machata gab seine weiter, also ist dieser üble Betriebsspion der wahre Schuldige. Dafür spricht scheinbar vor allem, dass der Russe mit Machatas Kufen Doppelolympiasieger wurde.
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Verzerrte Logik im Medaillenwahn. Entzerrt sieht die Sache so aus: Mit den Kufen, auf denen der Russe doppeltes Gold gewann, wurde Machata bei der deutschen Olympiaqualifikation nur Vierter. Warum fuhren die deutschen Bobs dann in Sotschi hinterher? An den Kufen hat es jedenfalls nicht gelegen. Machata kann demnach keine Betriebsspionage für die Russen vorgeworfen werden, sondern allenfalls ein fehlgeschlagener Sabotageversuch gegen Russland. Diesen Fehlschlag hart zu bestrafen, das wiederum leuchtet jedem Medailliophilen sofort ein. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle