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Was wird aus all den Talenten? (Anstoß vom 6. März)

In Berlin flogen Disken durch die Halle, ein aufgemotztes Spektakel mit schrillen Begleitgeräuschen (Michael Buffer und die Wrestling-Szene ließen grüßen). Aber so ist nun mal der Zeitgeist, gegen dessen Windmacher-Mühlen ich nicht zu Felde ziehe. Auch an der Sache selbst gibt es wenig auszusetzen: Diskus in der Halle, warum nicht, wenn die Sicherheit des Publikums gewährleistet ist? Beim Biathlon in der Halle wird ja sogar geschossen.
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Der Diskus-Wettbewerb beim Hallen-ISTAF blieb trotz massiver PR nur eine Randnotiz des vergangenen Sportwochenendes. Doch mit den Disken fliegen auch die Gedanken, sogar vom Rand in den Kern des Sports. Robert Harting, der Initiator der Berliner Hallenpremiere, will auch in der Sportförderung neue Wege gehen. Nachdem seine Forderung verhallt ist, Olympiasieger sollten doch bitte eine monatliche Sofortrente bis ans Lebensende erhalten, will er den Spitzensportlern mit einem neuen Sportlotto finanziell unter die Arme greifen: »Die Sportförderung in Deutschland ist beschämend niedrig. Die Zahl unserer Sportler hat sich seit der Wiedervereinigung verdoppelt, die Anzahl der Medaillen aber halbiert. Wir sind auf dem Weg zum Entwicklungsland. Darum handeln wir.«
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Handeln (manche sagen: Handel)  mit Sportlotto. Das soll schon in diesem Jahr starten. 2,50 Euro Einsatz, Höchstgewinn 250 000 Euro. Pro Einsatz-Euro gehen, so heißt es, mindestens 30 Cent an förderungsbedürftige Sportler. Sie sollen sich mehr auf ihren Sport konzentrieren können, ohne die lästigen Nebengeräusche des ebenso lästigen Lebens außerhalb des Sports. Professionalisierung also, so früh und intensiv wie möglich. Realisiert durch massive Geldspritzen. Was sonst. Mehr fällt weder unseren funktionärsberuflichen Medaillenfetischisten ein, noch einem intelligenten Querkopf wie Harting. Womöglich schwebt ihm ja der Fußball als leuchtendes Vorbild vor. Hier mangelt es nicht an Geld, die Talentförderung gilt als optimal, davon können Randsportler nur träumen.
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Vom Traum in die Realität: Zwar bemühen sich die Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga um eine Art duale Ausbildung, manche von ihnen, wie in Freiburg, auf vorbildliche Weise, doch die tiefere Problematik ist eine andere. Die Aufnahme in die Talentschmiede eines Bundesligisten ist meist die erste große Ehre eines jungen Fußballers. Mit 13, 14 oder 15 startet er mit großen Ambitionen – und oft begleitet von noch größeren Hoffnungen und Erwartungen seines Umfelds – in einen Konkurrenzkampf, in dem nur die wenigsten das hohe Ziel erreichen. Der große Rest muss eine sehr frühe, sehr tief gehende Lebensenttäuschung verkraften. Für manche die schlimmste ihres Daseins.
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Die Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV) zählt nur fünf Prozent der Absolventen von Leistungszentren, die den Sprung nach oben schaffen. Und »oben«, dazu zählt die VdV sogar schon die Dritte Liga. Dass zudem die Verweildauer im Profigeschäft deutlich sinkt, weil das frühe Hochleistungstraining auch früh seinen Tribut fordert, sei nur am Rande erwähnt. Die  Frühinvaliden sind  humpelnd im Anmarsch.
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Selbst von denen, die es nach ganz oben schaffen, Stars der Bundesliga, haben nur zehn Prozent fürs Leben ausgesorgt. Die Zahl der insolventen Ex-Fußballprofis ist dagegen legendär hoch, aber verlässlich nicht bekannt – auch aus Scham der Betroffenen, auch aus Desinteresse der Öffentlichkeit an alten und mittlerweile vergessenen Exprofis.
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Früher oder später müssen alle, ob gescheiterte Talente oder Stars des Sports, im Alltag ankommen. Ein echter Kulturschock, um so schlimmer, je absoluter die Hinwendung zum Ausschließlichkeitssport gewesen ist. Die meisten scheitern nicht öffentlich wie ein gewisser Tennisspieler, sondern mangels öffentlichen Interesses sehr unspektakulär, aber oft genug leider gründlich. Was wird aus all jenen Talenten, die es nicht an die Spitze schaffen, aber vom süßen Superprofileben genascht haben? Wie kommen sie zurecht in 60, 70 Jahren vergleichsweiser Kargheit und Bedeutungslosigkeit? Manchem täte sehr frühes Scheitern besser als zu lange Verweildauer im Profizirkus.
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Es gibt genügend erfolgreiche Sportler, sogar vor allem aus trainingsintensiven Sportarten wie Rudern, die trotz vergleichsweise schmaler Förderung in Sport, Ausbildung und Beruf gleichermaßen engagiert und erfolgreich sind und nie die Annehmlichkeiten und Verheißungen kennengelernt haben, von denen sich Frühestgeförderte, wenn überhaupt, nur mühsam lösen können.
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Wenn es aber dennoch zum Konsens kommen sollte, dass wir den Erfolg buchstäblich um jeden Preis wollen, um die scheinbar fatalen Medaillenfolgen der Wiedervereinigung umzudrehen, müssen wir die Frühestförderung tatsächlich noch intensivieren, noch mehr Geld in den Spitzensport stecken. Und viel, viel Sportlotto spielen. Die Sofortrente gibt es dann zwangsläufig durch die Hintertür, als Nebeneffekt, nicht nur für Olympiasieger, sondern auch für die ganze Masse der Gescheiterten, die mit ihrem langen Restleben nicht zurechtkommen und, körperlich und geistig versehrt, auf gesellschaftliche Stütze angewiesen sind. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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