Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montag, 3. März, 10.40 Uhr

Die Zitaten-Kolumne steht, auch schon online. Meldungen der letzten Stunden: Veh verlässt die Eintracht, Schneider darf vorerst in Stuttgart bleiben, Saloniki feuert Stevens. Spinnen wir die Realität mal spekulativ weiter: Veh wechselt zu Schalke und löst dort den Dead Man Walking ab, Stevens kommt bei der Eintracht ins Gespräch, aber nicht zu ihr, Keller ebenfalls nicht, und wenn Löw die WM vergeigt (nach deutscher Anspruchshaltung: nicht mindestens das Halbfinale erreicht), übernimmt der BVB-Triumphator Klopp nach dem Gewinn der Champions League (und des DFB-Pokals) im Nebenjob auch die Nationalelf. Wie gesagt: gesponnen. Was wird realisiert? Veh zu Schalke. Würde ich wetten.

Alles Larifari. Ernsthafte Gedanken mache ich mir zu einem anderen Thema, aufgetaucht beim Ablesen des großen Zeitungs-Reststapels, um keine Perle für „Ohne weitere Worte“ zu verpassen. Dabei stieß ich im Feuilleton der Donnerstags-Rundschau auf einen merkwürdigen Artikel über latenten Antisemitismus in Deutschland. Der Autor heißt Hanning Voigts, und seine Antisemitismus-Diagnose macht er an einer Karikatur in der Süddeutschen Zeitung fest:

 

Das Blatt hat am vergangenen Freitag in Teilen ihrer (sic!) Auflage eine Karikatur des Zeichners Burkhard Mohr veröffentlicht, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Weil Facebook  den Kurznachrichtendienst Whatsapp gekauft hat, porträtiert Mohr den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als vielarmige Krake, die auf unzähligen Laptops tippt. Kein Detail des alten Bildes vom „internationalen Juden“ fehlt: Mohr hat neben dem klassischen Bild der weltbeherrschenden Krake sogar an die Hakennase, die fleischigen Lippen, das lockige Haar und das lüsterne Grinsen gedacht. Anders gesagt: Wären da nicht die Computer, könnte die Zeichnung direkt dem „Stürmer“ entstammen.

 

Die Karikatur hatte ich als Auch-SZ-Leser gesehen und mir nichts bei gedacht. Bevor ich den FR-Artikel las, schaute ich mir die dort zum Beweis ebenfalls abgedruckte Karikatur nochmals an, dachte mir noch immer nichts und war gespannt auf die Auflösung, denn Antisemitismus muss wohl im Spiel gewesen sein, war ich sicher, sonst würde die FR ja nicht solch einen Bohai aus der mir unverdächtigen Karikatur machen. Was hatte ich bloß übersehen?

Tja, dann las ich den „Beweis“. Und war baff. Spontaner Gedanke: Wer so an den lockigen Haaren herbeigezogen denkt, hat selbst ein Antisemitismus-Problem, analog zum Phänomen des „positiven Rassismus“ beflissen politisch-korrekter Kreise. Ich stellte mich selbst auf den Prüfstand: In meinem mittlerweile schon recht langen Leben bin ich nie bewusst einem Juden begegnet, obwohl es rein statistisch eine ganze Menge gewesen sein müssen. In der persönlichen Begegnung war es nie für mich oder den eventuellen Juden ein Kriterium oder eines Gedankens wert, ob oder ob nicht und wenn ja was dann usw. Die grauenhafte deutsche Massenmord-Schuld war mir zwar stets klar, so dass ich mich als Jugendlicher im Ausland schämte, als Deutscher erkannt zu werden (leider sah ich sehr typisch aus) und hoffte, vielleicht als Holländer durchzugehen. Ich war, lange bevor das Modewort aufkam, vom deutschen gnadenlos  effizienten Massenmord an Minderheiten tief betroffen, kam aber nie auf die Idee, das mit mir persönlich und meiner Umgebung in Verbindung zu bringen und mich meines Deutschseins grundsätzlich zu schämen, auch weil ich als fast manischer Individualist nie auf die Idee gekommen wäre, wegen erfreulicher Leistungen von Deutschen, zum Beispiel im Sport, stolz auf mein Deutschsein zu sein. Auch in meiner oft kritischen Haltung zu manchen Maßnahmen des israelischen Staates (Siedlungspolitik u.a.) sah ich keinen verkappten Antisemitismus, zumal meine Haltung zu dem oft verstörend irrationalen Verhalten von Palästinensern und Arabern noch kritischer war und ist und ich vermutete und vermute, dass Israels aggressive Politik der Stärke eine Überlebens-Strategie ist, da hasserfüllte Irrationalisten rund um Israel herum alles andere als Schwäche auslegen und ausnutzen würden.

Als ich vom Prüfstand runter ging,  hatte der spontane Gedanke standgehalten: Wer so – wie in der FR und auch in der SZ, die, irgendwie bzw. von irgendwem alarmiert, für den Rest der Auflage das Gesicht in der Karikatur durch einen leeren Bildschirm ersetzte – an den lockigen Haaren herbeigezogen denkt, hat selbst ein Antisemitismus-Problem. Aus der Kritik an der Karikatur erfuhr ich nur, dass Mark Zuckerberg offenbar ein Jude ist, sonst machte die Karikatur ja keinen Sinn. Von seinem Jüdischsein hatte ich vorher nichts gewusst, jetzt, wissend (nein, nicht wissend wissend, sondern nur offenbar, da aus dem Zusammenhang  geschlossen), interessiert es mich wie zuvor auch nicht  im Geringsten. Wer aber die Karikatur spontan mit Antisemitismus in Verbindung bringt, muss vorher gewusst haben, dass Zuckerberg Jude ist, muss zwanghaft einen Juden erkennen wollen, wenn gewisse nazistische Rassenwahn-Klischees erfüllt scheinen, muss reflexhaft, also aus tiefsten Inneren heraus, bei allen möglichen (die es natürlich auch  gibt) und unmöglichen Anlässen (anscheinend die häufigsten) Antisemitismus wittern und verurteilen. So fällt der Antisemitismus  auf den Kritiker des vermeintlichen Antisemitismus zurück.

Im Blog, als Stein(es)bruch für meine Blatt-Kolumnen, habe ich die obigen Zeilen spontan und ins Unreine geschrieben. Die Überarbeitung für eine Sportkolumne kommt nicht in Frage, thematisch passt die Sache  trotz des ständigen „Sport, Gott & die Welt“-Untertitels nicht hinein. Eher in die „Nach-Lese“ fürs Feuilleton, aber für mein altes Baby habe ich ja erst am Samstag babygesittet, bin erst mal nicht mehr dran und sollte dieses Thema auch dort vielleicht gar nicht aufgreifen, wegen der in dieser Sache immer hohen Harakiri-Gefahr.

Ich bleibe also lieber bei meinem Sportleisten und lese jetzt erst einmal, was mir Wolfram Jäger (siehe „Mailbox“) als Zusatz-Info für eine angekündigte Kolumne empfiehlt.

 

Baumhausbeichte - Novelle