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Sonntag, 2. März, 6.30 Uhr

Nachgelesen, was ich zu Beginn der Wulff-Affäre vor zwei Jahren, als sie noch ganz klein köchelte, geschrieben habe:
Dienstag, 3. Januar, 18.45 Uhr: Vronisihrnfreundfreund. Ein kleinbürgerliches Emporkömmlingsdrama. Für Wulff ist der Rubikon überschritten, sagt er. Als Cäsar 49 v. Chr. den Rubikon überschritt, eröffnete er den Bürgerkrieg. Aber Wulff ist nicht Cäsar, und dass für ihn der Rubikon überschritten ist, könnte damit enden, dass ein Bundespräsident über die Wupper geht.
Montag, 23. Januar, 11.30 Uhr: Aufstieg und Fall eines kleinen Mannes. Bei Wulff wird langsam zu viel »recherchiert«. Was da rauskommt, käme so oder so ähnlich bei fast jedem raus.
Und ein Jahr später:
Montag, 7. Januar, 18.45 Uhr: Wulff. Der arme Kerl. Cherchez la femme.

Vronisihrnfreundfreund, kleinbürgerliches Emporkömmlingsdrama, Aufstieg und Fall eines kleinen Mannes, Cherchez la femme, der arme Kerl – das beschreibt auch heute noch den Kern der Affäre. Wulff hatte sich lächerlich gemacht und als Bundespräsident untragbar. Sein Rubikon war Bild-Diekmanns Anrufbeantworter. Danach hat er viel durchgemacht. Der Prozess eine Farce. Lächerlicher als die Ermittler und Ankläger hatte sich Wulff nie gemacht. Nie überzeugte er mehr als Bundespräsident als in diesem völlig überflüssigen und lebensfernen Prozess. Die Genugtuung ist ihm zu gönnen. Hoffentlich kommt er gut im richtigen Leben an.

Das ist auch für Spitzensportler zu hoffen, die nach ihren teils spektakulären Karrieren im richtigen, im graualltäglichen Leben ankommen müssen. Die meisten scheitern ja nicht öffentlich wie ein gewisser Tennisspieler, sondern mangels öffentlichem Interesse sehr unspektakulär, aber oft genug leider gründlich. Viele in einer sehr grauen Grauzone scheitern schon, ohne jemals Spitzensportler gewesen zu sein. Diesem Scheitern wird auch noch Vorschub geleistet, indem man frühe Professionalisierung fördert. Was wird aus all jenen Fußballtalenten, die es nicht an die Spitze schaffen und die zuvor ein wenig vom süßen Superprofileben genascht hatten, ohne das Graubrot der frühen Jahre essen zu müssen? Wie kommen sie zurecht in 60, 70, 80 Jahren vergleichsweiser Kargheit und Bedeutungslosigkeit? Manchem täte sehr frühes Scheitern besser als zu lange Verweildauer im Profizirkus.

Vorschub leisten alle, die den Spitzensport noch mehr fördern wollen, vor allem finanziell, als es unser Staat eh schon macht mit seinen Staatsprofis in Bundeswehr. Polizei und Zoll. Auch Robert Hartings Sportlotterie gehört auf diesen falschen Weg. All das fällt mir heute früh nur ein, weil gestern abend in Berlin beim Hallensportfest Diskus geworfen wurde und ich Hartings, des Initiators, angekündigte Sportlotterie, die Sportlern mehr Geld bringen und ihnen die frühe Konzentration auf den Sport ermöglichen soll, schon lange auf dem Zettel habe, es aber noch nicht schaffte, meine existentiell zu begründende Kritik daran kolumnenreif zu formulieren. Vielleicht in den gleich zu schreibenden Montagsthemen? Bin skeptisch. Ebenfalls durch gestriges Diskuswerfen angestoßen, durch den ersten 70-m-Wurf einer Frau seit zig Jahren: Ich müsste endlich mal den Frauenfußball nicht veralbern, sondern gegen seine Kritiker in Schutz nehmen, deren Hauptkritikpunkt an den langen Haaren herbeigezogen und sowieso keiner ist: Die Frauen würden viel schlechter Fußball spielen als die Männer. Ja, was denn sonst!? Ist das ein Kriterium? Der Frauenfußball hat sich leistungsmäßig sehr gut entwickelt und mittlerweile das Niveau der anderen Fauensportarten erreicht. Zum Beispiel das im Diskuswerfen. Oder im Kugelstoßen. Männer würden mit den Frauengeräten 100 Meter weit werfen oder 30 Meter weit stoßen, falls sie sich mit den leichten Geräten nicht den Wurfarm ausrenken. Wenn die nackte Leistung im Vergleich mit den Männern ein Sportkriterium wäre, müssten jene Frauenfußballverächter, die nur wegen des Leistungsunterschiedes verachten, den gesamten Frauensport verachten, mit Ausnahmen wie dem Reiten. Aber wenn Frauen im Sport genauso gut wären wie Männer, wären sie … Männer.

Sonntagmorgensblogschreibend habe ich zwei Themen angerissen, die ich fürs Blatt ausformulieren sollte, in eigenen Kolumnen außerhalb von Sport-Stammtisch und Montagsthemen, die davon leben (sollen), dass verschiedene Themen und Themchen assoziativ miteinander verbunden werden. Fast eine Stunde schreibe ich schon vor mich hin, den Stein(es)bruch für die Kolumnen mit Geröll füllend. Oder mit Gewäsch? Na ja, möglich, als Schreiber weiß man das von seinem Geschriebenen selten selbst. Gewäsch, gewaschen, auswaschen, warum nicht? Der Blog als mein Claim, in dem ich Gold wasche und ab und zu ein paar Gramm zur Bank in Klondyke bringe, wo mein Banker am Schalter sitzt. Ich habe viele Banker, es sind unsere Leser. Aber ich bin nicht Jack London. Sorry, liebe Banker, für dieses … Gewäsch.

Noch mal was Ernsthaftes: Manche Sportler haben auch nach erfüllten, sehr erfolgreichen Karrieren Schwierigkeiten, sich von diesen bunten, prächtigen Jahren mental zu lösen. Ich sehe das jeden Tag auf Facebook, wo “Freunde” von mir, alte Männer aus den USA, frühere Olympiasieger und Weltrekordler in Wurfdisziplinen, unaufhörlich alte Bilder von und Berichte über sich posten, ein halbes Jahrhundert danach. Manchmal bin ich froh, dass ich im Vergleich zu ihnen ein Niemand war. Dass sie ihr Jugendwerk posten, ist traurig, wenn ich es täte, wäre es lächerlich. Gut so.

Kaffee kommt. Mit Knicks. In meinem wirklichen Leben! Ich neide Euch nichts, ich bin zu beneiden.

 

Baumhausbeichte - Novelle