Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 1. März)

Das 3:2 fällt, die Spieler jubeln, das Publikum rast. Und ich zucke zusammen. Leute, nicht überschnappen! Wisst ihr denn nicht, dass dieses Tor nicht zählt!? Dass es weiterhin 2:2 steht!? Überschwang rächt sich, denn wenn Porto das nächste Tor schießt, ist die Eintracht draußen, egal ob mit einem 2:3 oder 3:3. Dass die starken Portugiesen dieses Tor dann auch schießen, mag rein sportlich nicht unverdient sein, ist aber ein böser Streich der ignoranten Fußball-Götter da oben auf ihrem Olymp. Arme Eintracht. Kleiner Trost: Nach den unsäglichen Blamagen von Leverkusen und Schalke verlässt Frankfurt die europäische Fußballbühne hoch erhobenen Hauptes, fußballmoralisch als Champions-Ligist und Meister der nicht nur hessischen Herzen.

*

Nicht nur gestern, sondern schon seit längerer Zeit fällt mir auf, dass unter den Sky-Sportfrauen eine weit herausragt: Jessica Kastrop. Glasklar, kompetent, freundlich, aber nicht ranschmeißerisch, eine vom Format der lange Zeit unerreichten Monika Lierhaus, dazu noch mit einer angenehmen Nähe zur Selbstironie. Sie hat auch ein Buch geschrieben, dessen Titel allerdings assoziativ mit dem Holzhämmerchen zuschlägt: »Blond kickt gut.«

*

Na ja, in dieser Beziehung sollte ich mich mit Kritik zurückhalten. In der »Nach-Lese« (siehe erste Kulturseite), in der es heute um tierische und menschliche Rekorde geht, habe ich einen alten pubertären Wortwitz untergebracht, der »Blond kickt gut« noch deutlich untertrifft. Zum Glück wird’s meine liebste Zielgruppe kaum merken.

*

Alle merken aber langsam, dass »die beste Liga der Welt« keine Tatsachenbehauptung ist, sondern eine sich selbst nicht erfüllende PR-Prophezeiung. Leverkusen und Schalke gehen als deutsche Spitzenklubs erbärmlich unter, die Europa-Liga ist deutschenfrei – wie gut, dass wir die Bayern haben. Die Betonung liegt auf »wir«. Denn wenn wir uns lange genug für Bayer und Schalke fremdgeschämt haben, siegen selbst Bayern-Hasser zumindest in der Champions League freudig und emphatisch mit »unseren« Phantastischen aus München mit.

*

In der Bundesliga ist Borussia Dortmund Haupt-, nein einziger Leidtragender der allseits anerkannten Münchner Überlegenheit. Nehmen wir nur mal die Frankfurter Eintracht als pars pro toto: Eine Partie mit den Bayern ist nicht mehr das Spiel des Jahres, auf das man alle Kräfte konzentriert und das man daher auch durchaus mal gewinnen kann, sondern man schenkt es ab und spart sich die Kraft für andere Spiele. Mittlerweile hat der BVB die alte Bayern-Rolle übernommen, »Spiel des Jahres«-Lieferant zu sein, zumal die Anfälligkeit der hoch attraktiven Dortmunder Feinmotorik für überraschende Punktgewinne und neue Aufbruchstimmung selbst bei Scheintoten (HSV!) sorgen kann.

*

Am liebsten sehe ich die Dortmunder gegen die ganz Großen spielen. Sollten sie das Heimspiel gegen die Russen programmgemäß über die Bühne bringen (aber Vorsicht! Siehe Anfälligkeit der Feinmotoriker), wären Paris oder Real meine Wunschgegner. Denn Klopps Team hat schon bewiesen, wie man solche Spiele gewinnt: Nicht als demütige Opfer Ronaldo und Ibrahimovic Tore schießen lassen, sondern als hetzende Jäger gegen Ronaldo und Ibrahimovic Tore schießen. Denn so hui sie vorne zuschlagen, so pfui verteidigen sie.

*

Es gibt ja den alten englischen Spruch, angeblich von Churchill, die Deutschen habe man entweder zu Füßen oder an der Kehle. Nachdem zwei deutsche Spitzenklubs Stiefel geleckt haben: Dann doch lieber an die Kehle! Jedenfalls im Fußball.

*

Wobei die Über-Bayern nicht mal das An-die-Kehle-Gehen nötig haben. Sie spielen Fußball wie Roger Federer Tennis in seiner besten Zeit. Was auch die einzige Hoffnung der Gegner ist: Irgendwann wurde auch ein Federer irdisch und schlagbar.

*

Schon naht das Ende der Kolumne, und ich habe längst nicht fertig. Auf dem Zettel stehen noch Stichworte: Eine junge Wintersportlerin aus einem deutschen Spitzenkader, die unter Essstörungen leidet und wegen bekannter psychischer Probleme in Behandlung ist, erschießt sich zu Hause mit ihrem Sportgerät / 15 Prozent aller Leistungssportler, so eine Genfer Untersuchung, leiden an Depressionen, die sie durch ihren Sport kompensieren wollen / Anmerkung: Nicht untersucht wurde, wer erst durch Leistungssport depressiv wird / Die immer frühere Spezialisierung und die viel gerühmte »optimale Ausbildung« der jungen Fußballprofis: Wie hängt sie mit der Verletzungsflut zusammen? / Wieso wird Sebastian Rodes (23) Knorpelverletzung fast panikartig beschwörend als »minimal« verkündet? / Was wird aus den Tausenden von Jugendlichen, die sich frühzeitig spezialisieren, alles auf die Karte Sport setzen, in Talent-Zentren »optimal ausgebildet« werden, aber zwangsläufig auf der Strecke bleiben, da nur ganz wenige das Ziel erreichen können, das alle anstreben? / Wie sehr verkürzt das frühe Hochpushen der Leistung die Verweildauer im Spitzenfußball? Und wie soll die lange, graue, unspektakuläre Zeit danach bewältigt werden, für die man nicht optimal, sondern häufig überhaupt nicht ausgebildet wurde?

*

Zu viel Stoff, den ich nicht auf die Schnelle »Stammtisch«-tauglich schreiben kann. Demnächst will ich es in einer eigenen Kolumne versuchen. Zu schlechter Letzt ein anderes Thema. Ein echter Skandal: Schalkes Boateng in der Umkleidekabine, mit Zigarette im Mund und Bierflasche in der Hand. Der Skandal daran sind nicht Kippe und Bier, auch nicht, dass »Bild« das Foto druckt (das würde jedes Boulevardblatt tun), sondern dass ein Dopingkontrolleur in dieser geschützten und hoch sensiblen Zone fotografiert und die Bilder an die Medien verkauft. Denn Boateng, ausgedörrt nach dem Spiel, wartete darauf, dass es endlich »läuft«, was fast jeder mit Bier unterstützt. Demnächst machen die Dopingkontrolleure noch Nahaufnahmen ihrer sehr intimen Untersuchungen, das Internet soll einen sehr interessierten Markt bieten. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)

* (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle