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Wer bin ich? (… und wenn ja: Wie viele?)

Wir haben olympische Geschichte(n) geschrieben. Der eine oder andere unserer Namen ist heute fast vergessen, zu unserer Zeit aber gehörten wir zu den großen Stars der Sportszene. Für uns müsste auch der Titel dieser Rate-Reihe umgeschrieben beziehungsweise ergänzt werden: Wer bin ich und wenn ja wie viele? Eins, zwei, drei oder mehr? Für jeden von uns, den Sie identifizieren können, wird Ihnen ein Punkt gutgeschrieben. Aber Vorsicht! Bitte nicht wahllos viele Namen nennen, um per Zufall den oder die richtigen zu treffen – für jede falsche Lösung wird ein Punkt abgezogen. Beispiel: Drei werden gesucht, vier genannt, zwei davon sind richtig, zwei falsch = null Punkte. Weitere Erschwernis: Die Gesuchten stellen sich nicht in geordneter Reihenfolge vor, sondern quasseln bei der Vorstellung durcheinander. Auf geht’s:
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Zwölf Jahre nach meiner ersten Teilnahme kehrte ich nach Olympia zurück und gewann. Da fällt Ihnen spontan ein Name ein? Vergessen Sie ihn. Beim ersten Mal wurde ich Fünfte.
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In meiner damals sehr elitären Disziplin (manche sagen, sie sei heute noch elitär) durften nur reiche Zivilisten und Offiziere an Olympischen Spielen teilnehmen. Ich war nur Feldwebel.
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Ich nahm am Giro d’Italia und an der Tour de France teil. Leider recht erfolglos. Im Gegensatz zu meiner Hauptsportart, in der ich der Größte aller Zeiten bin. Behaupte ich. Denn niemandem wird noch einmal das gelingen, was mir gelungen ist und was als vollkommen unmöglich galt und das heute auch ist.
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Mein Land wollte die Regeln austricksen und beförderte mich für die Dauer der Spiele zum Leutnant auf Zeit. Wir gewannen die Mannschaftswertung.
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Falls Sie dennoch auf jenem Namen beharren: Fünfte wurde ich zwar in ihrer Disziplin, zwölf Jahre später aber vier Mal Erste in anderen Disziplinen.
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Ob ich als braver Soldat unbewusst gegen die Trickserei protestierte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls kam man uns auf die Schliche, weil ich statt der Offiziers- eine simple Soldatenmütze trug. Wir wurden disqualifiziert.
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Mein Mann war auch mein Trainer, ich hing an ihm, und mein Name hing an seinem. Man sagt, er habe seine einflussreiche Position ausgenutzt, um meiner größten Konkurrentin zu schaden – sie wurde eliminiert, weil sie keine echte Frau gewesen sei. Was wohl nicht stimmte.
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Auch meine kleine Schwester (um die es hier nicht geht) gewann eine Olympiamedaille, auch sie fuhr Rad, sogar viel besser als ich: Sie wurde Weltmeisterin im Straßenrennen.
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Ein Gutes hatte es: Nach unserer Disqualifikation gab es einen Sturm der Entrüstung, und bei den nächsten Spielen war die Offiziersregel abgeschafft. Wir wurden noch zweimal in der gleichen Aufstellung Mannschafts-Olympiasieger. Aber nicht ich war der Star im Team, sondern ein anderer, eine Legende unserer Sportart. Dennoch ist mein Name gesucht, nicht seiner.
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Als vierfache Olympiasiegerin wurde ich zu einer Australienreise eingeladen. Ich wollte nur dorthin, wenn auch meine Kinder mitkommen durften. Das hätte aber gegen die Amateurbestimmungen verstoßen. Eine australische Familie bezahlte dann das Reisegeld für die Kinder, im Gegenzug musste ich mich dazu verpflichten, meine Kinder vier Wochen lang bei dieser Familie wohnen zu lassen. Ich flog hin, bin aber keine fliegende Deutsche (wie die, deren Name Ihnen einen Minuspunkt einbringen würde), sondern eine …?
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Olympiasieger über 100, 400, 1500, 10 000 Meter und im Marathonlauf – unmöglich? Sag ich doch. Aber nicht für mich in meiner Sportart. Als mir das unmöglich Scheinende gelang, war es ein —spektakel (da hat mir der Redakteur doch glatt ein allzu verräterisches Wort weggestrichen).
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Wer bin ich und wenn ja wie viele? Haben Sie mich erkannt? Und mich und mich und …? (Einsendeschluss: 7. März) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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