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Sonntag, 23. Februar, 7.00 Uhr

Das Volk feiert eine Frau, die zart und verletzlich wirkt, aussieht wie eine attraktive gute Fee – und die auch so aussehen will. Frohlockt sie jetzt: Ach wie gut, dass niemand weiß …? Dass sie eine Oligarchin der ersten Stunde ist, mit allem, was dazu gehört, inklusive schlimmer Verdachtsmomente? Dass sie beinhart ist, ein stählerner Schmetterling, dessen Schwingen wie Klingen sind? Ach wie gut, dass niemand weiß? Nein. Weiß doch jeder.

Eine deutsche Skiläuferin gleicht ihr äußerlich, ist aber kein stählerner Schmetterling, sondern wird medial zerquetscht wie ein Wurm. Ich würde heute kein Leistungssportler mehr werden, wegen hoher Zerquetschungswahrscheinlichkeit bzw. wegen Schusseligkeit, und weil ich, als überzeugter Einzelkämpfer, mich nicht in das Überwachungssystem einordnen könnte. Ich würde nicht (mehr) dopen, auf keinen Fall, denn Doping ist heute nicht (mehr) das Vermeiden von Nachteilen und Wahrung von Chancengleichheit (also Wiederherstellung von Grundvoraussetzungen des Sports), sondern fieser Sportbetrug a la Maradona-Hand Gottes oder Inzaghi-Schwalben.  Klingt verharmlosend, weil solcher Art Betrug gesellschaftlich akzeptiert ist im Gegensatz zum aktuellen Delikt. Für mein Verständnis ist es aber ein schweres Verbrechen gegen die Sportlichkeit, unvergleichlich viel schwerer als schusseliger Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln. Natürlich weiß ich nicht, weiß niemand, ob das stimmt oder ob nicht echter Sportbetrug dahinter steckt. Aber das Schlimme ist, dass Verdächtigen im Sport die Schuld nicht nachgewiesen werden muss, sondern dass sie ihre Unschuld beweisen müssen. Dass diese willkürliche Beweisumkehrung gegen wichtigste Prinzipien unseres Rechtsstaates verstößt, scheint außer einige kritische Sportler niemanden zu stören.

In Zeiten von NSA und manchmal fast panischem Datenschutz gehört auch die Nachweispflicht zu den absurden und buchstäblichen Eigengesetzlichkeiten des Sports in unserer Zeit. Über Wochen und Monaten im Voraus  einer großen Überwachungsorganisation minutiös – ebenfalls buchstäblich, also auf die Minute genau – mitzuteilen, wann man sich wo aufhält, das sehen selbst die in eigener Sache empfindlichsten Datenschützer als selbstverständliche Pflicht der Sportler an …

… Moment. Es knickst. Der Kaffee kommt. Kurze Pause….

(9 Uhr) Wieder da. Kaffee getrunken, Kuchen gegessen, SZ, FAZ und FAS gelesen. In die Mailbox geguckt. Schon ein Kommentar von Walther Roeber drin.

Heute morgen sind Sie aber richtig aufgebracht! So viele Vertipper habe
ich in einem Blog selten von Ihnen gesehen… Ich kann es aber nachfühlen, denn sowohl die “Revolution” in der Ukraine, als auch die Doping-Geschichte gehen nicht nur Ihnen nahe. Ob Janukovitch noch auf dem Maidan geköpft werden wird? Wird E.S-S. aus der Bundeswehr unehrenhaft entlassen? Muss ich meinen Nasenspray und Hustensaft unter staatlicher Aufsicht entsorgen? Das wird ja fast so kompliziert wie die syrischen Chemiewaffen… Trotzdem – nach dem Kaffee – einen schönen Sonntag!

Danke. Aufgebracht bin ich aber nicht. Meine Erregungskurven flachen immer mehr ab. Tippfehler? Konnte ich ahnen, dass der Beginn des Blogs schon gelesen wird? Ja, hätte ich ahnen müssen. Eine Taste, schon ist alles zu lesen. Um wieder reinzukommen (oder rein zu kommen? Keine Ahnung), lese ich den Beginn noch mal und korrigiere die Tippfehler. – Moment …

Na ja, drei Fehler gefunden und korrigiert. Bei meiner Schusseligkeit und dem nicht mal nachgelesenen Frühschnellgeschriebenen eine gute Quote. Schreibt man “im Voraus” oder “im voraus”? Mir egal. Also weiter im Text …

Im Feuilleton der FAZ-Sonntagsausgabe FAS ein Kommentar, der im krassen Gegensatz zum Leitartikel vorne im Blatt steht. “Bürger Edathy. Hat der Mann keine Rechte?” (Überschrift). Im Text: “Der verfolgende Staat trägt die Beweislast allein – das ist der Kern der Unschuldsvermutung.” Aber niemand stört sich daran,  dass es wegen des vermuteten Konsums von Nahrungsergänzungsmitteln schon hochnotpeinliche Hausdurchsuchungen gegeben hat, einen Tag nach dem Bekanntwerden des Verdachts, während ein “Kinderfreund” monatelang unbehelligt blieb und, wenn er denn gewollt haben sollte, jegliches Beweismaterial vernichten konnte.

Wenn ich dann noch lese, dass der neue Justizminister in die populistische Trompete bläst und “auch den Besitz geringer Mengen von Dopingstoffen” unter Strafe stellen will (wer seinen erkälteten Sprösslingen noch Wick Medinait für Kinder gibt, ab in den Knast!), bin ich froh, das Thema Doping im Blatt nicht mehr kommentieren zu müssen: Weil ich als Rentner und Hobby-Schreiber (andere sammeln Briefmarken oder züchten Rosen) dazu nicht mehr verpflichtet bin, es schon über tausend Mal getan habe (das ist eine eher untertrieben Zahl) und bei Zuwiderhandlung meiner Selbstverpflichtung unter Tattoo-Zwang stehe (regelmäßige Blog- und Blattleser wissen, warum).

Mein alter Heidelberger Vereinskamerad Gerhard Treutlein, ein hoch engagierter Antidoping-Kämpfer und Träger des Bundesverdienstkreuzes, hat auf Facebook einen Beitrag gepostet, den jeder lesen sollte, der sich für das Thema Doping interessiert. Ich komme vom Blog und aus dem “Tunnel” in die Redaktion nicht auf die Schnelle hinaus, sonst würde ich Treutleins Zeilen kopieren und hier einfügen. Suchen Sie bitte selbst. Ich komme zwar aus einer anderen Richtung (die Sekundärtugend der Regeleinhaltung als Muss, um Leistungssport überhaupt erst ermöglichen zu können, ist mir zunächst mal wichtiger als die realitätsferne Forderung nach Einhaltung ethischer und moralischer Maßstäbe, die man als Nichtsportler in der Regel selbst nicht einhält), aber Treutleins aktuelle Anmerkungen unterschreibe ich hundertprotzentig.

Und jetzt überlege ich, einige Sätze aus dem Blog nun doch für die “Montagsthemen” aufzubereiten, trotz Tattoo-Gefahr. Dazu vielleicht noch der BVB als idealer Aufbaugegner für schwächelnde Klubs, der schwule NFL-Footballer, der nicht als schwuler Footballer, sondern als Footballer wahrgenommen werden will (dafür könnte ich ihn küssen!), der mir wichtigste Satz von Pfarrer Lenz (siehe “Mailbox”), die zwischen Olympia und Bundesliga untergegangenen Hallen-DM der Leichtathleten und Toni Kroos zwischen “Genie und Biedermann” (FAS), der Roger Federer und James Blunt mag, momentan als Größter gefeiert wird, aber durchaus ein Bruder im weichzarten Geiste von Mesut Ozil ist, der immerhin einen schlaffen Elfmeter schießt, während Kroos im “Finale dahoam” das Schwänzchen eingezogen hatte. Bis dann.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle