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Montagsthemen (vom 24. Februar)

»Olympia – ein deutsches Desaster«, titelt die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« und schimpft: »Medaillenziel verfehlt.« Wenn so schon die seriöse FAS desastriert, wie werden bloß die Boulevardschlagzeilen aussehen?
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Medaillenziel? Welches Ziel? Ich hatte keins. Hatten Sie eins? Verfehlt wurde nur die 30-Medaillen-Forderung, die graue Apparatschiks des Funktionärsunwesens in miefig-piefigen Hinterzimmern der Macht ausbaldowert hatten.
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Aber vielleicht sind die Sportlenker cleverer, als ich dachte, und der Weg war ihr Ziel: Durch das verpasste Ziel mehr Staatsknete für den Sport auf den Weg zu bringen. Denn das scheint die einzige Lehre aus Sotschi zu sein: Mehr Steuergelder für den Spitzensport. Damit wir im Spiegelfechten des Medaillenspiegels bessere Treffer landen.
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Um im Bild zu bleiben: Wer spiegelfechtet, trifft nur sich selbst. Vorschlag: Statt mehr Geld locker mehr Rodel-Disziplinen olympisch machen. Gäbe es so viele wie im Eisschnelllaufen, könnte dieses Liliput-Land nebenan nicht mehr gegen uns anstinken.
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Spaß beiseite. Ich will heute seriös bleiben. Ohne jeden ironischen Hintersinn: Der deutsche Spitzensport braucht nicht mehr, sondern weniger Steuergeld. Er soll und kann sich alleine helfen. Das Geld wird an anderer Stelle dringender benötigt. Übrigens auch im Sport.
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Unterdessen feiern wir eine Frau, die zart und verletzlich wirkt, aussieht wie eine attraktive gute Fee – und die auch so aussehen will. Eine Oligarchin der ersten Stunde, mit allem, was dazu gehört, inklusive schlimmer Verdachtsmomente. Ein stählerner Schmetterling, dessen Schwingen wie Klingen sind.
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Eine deutsche Skiläuferin gleicht ihr äußerlich, ist aber kein stählerner Schmetterling, sondern wird medial zerquetscht wie ein Wurm. Fieser Sportbetrug à la Hand Gottes oder dreistes Schwalbenfliegen wird akzeptiert, im Gegensatz zu schusseligem Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln. Natürlich weiß ich nicht, ob hinter dem aktuellen Fall Schusseligkeit steckt oder vorsätzlicher Sportbetrug. Aber das Schlimme ist, dass Verdächtigen im Sport die Schuld nicht nachgewiesen werden muss, sondern dass sie ihre Unschuld beweisen müssen. Dass diese willkürliche Beweisumkehrung gegen Prinzipien unseres Rechtsstaates verstößt, scheint außer einige kritische Sportler niemanden zu stören.
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In Zeiten von NSA und manchmal fast panischer Datenschutzmanie gehört auch die Nachweispflicht zu den buchstäblichen Eigengesetzlichkeiten des Sports. Über Wochen und Monaten im Voraus einer großen Überwachungsorganisation minuziös – ebenfalls buchstäblich, also auf die Minute genau – mitteilen zu müssen, wann man sich wo bei ständiger Verfügbarkeit aufhalten wird, das sehen in eigener Sache hoch empfindliche Datenschützer als selbstverständliche Pflicht der Sportler an
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»Bürger Edathy. Hat der Mann keine Rechte?« Überschrift im FAS-Feuilleton. Im Text: »Der verfolgende Staat trägt die Beweislast allein – das ist der Kern der Unschuldsvermutung.« Aber niemand stört sich daran, dass es wegen des vermuteten Konsums von Nahrungsergänzungsmitteln schon hochnotpeinliche Hausdurchsuchungen gegeben hat, einen Tag nach dem Bekanntwerden des Verdachts, während ein »Kinderfreund« monatelang unbehelligt blieb und, wenn er denn gewollt haben sollte, jegliches Beweismaterial vernichten konnte.
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Wenn ich dann noch lese, dass der neue Justizminister in die populistische Trompete bläst und »selbst den Besitz geringer Mengen« unter Strafe stellen will (wer seinen erkälteten Sprösslingen noch »Wick Medinait für Kinder« gibt: Ab in den Knast!), bin ich froh, das Thema nicht mehr kommentieren zu dürfen. Weil ich unter selbstverpflichtetem Tattoo-Zwang stehe (regelmäßige Kolumnenleser wissen, warum).
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Und sonst? Der BVB als idealer Aufbaugegner für schwächelnde Klubs / der schwule NFL-Footballer Michael Sam, der nicht als schwuler Footballer, sondern als Footballer wahrgenommen werden will (dafür könnte ich ihn küssen!) / Die zwischen Olympia und Bundesliga untergegangene Hallen-DM der Leichtathleten / Toni Kroos, der jetzt gefeiert wird, aber durchaus ein Bruder im Geiste von Mesut Ozil ist, der  einen Elfmeter immerhin (ver-)schießt, während Kroos im »Finale dahoam« das Schwänzchen eingezogen hatte … nein, ich will ja seriös bleiben.
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Dazu überlasse ich das Schlusswort unserem Leser Paul-Ulrich Lenz (Schotten), einem Pfarrer, der auch einen Blog schreibt. In diesem und in der »Mailbox« meines Blogs »Sport, Gott & die Welt« ist sein »Gebet für Politiker und auch andere Meinungsbildner« zu lesen. Hier nur seine Vorbemerkung: »Es tut der Gesellschaft nicht gut, dass es diese oft gnadenlose Jagd nach dem Aufdecken der menschlichen Schwächen gibt, der jede Großzügigkeit des Herzens abzugehen scheint. Mir jedenfalls wird Angst in einer Gesellschaft der moralisch jederzeit einwandfrei Tadellosen, immerzu Tugendhaften, in jeder Weise Fehlerlosen. Da ist kein Platz mehr für Barmherzigkeit, auf die ich, und wohl nicht nur ich, so angewiesen bin.«
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Bin ich auch. Und Sie? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«   Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle