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Sport-Stammtisch (vom 22. Februar)

Jetzt ist die Aufregung groß. Warum? Deutsche gedopt? Nein, nicht in dieser Kolumne!  Ich kümmere mich um andere Aufreger.  Mein Spezialgebiet: Kür der Frauen.  »Sotschi« sei nur »ein kürzeres Wort für Taschendiebstahl«, lese ich. Hübsch gesagt. Stilistisch eine Art Ellipse, eine Verkürzung, die einen komplexeren Sachverhalt auf den Punkt bringt. Paradebeispiel  ist die im akuten Notfall nicht unangebrachte Verkürzung von »Hier brennt ein Feuer, rufen Sie bitte schnellstmöglich die Feuerwehr, damit sie den Brand löscht« zum Ausruf: »Feuer!«
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Aber man tut Russland Unrecht. Erstens gab es im Eiskunstlauf schon viel frecheren Betrug, und zweitens zeigen sich die Russen in Sotschi deutlich geläutert. In Moskau 1980 begingen sie noch dreiste Raubüberfälle, gegen die das Eiskunst-Fehlurteil ein minderschwerer Fall von Taschendiebstahl ist, nach dem Eishockey-Schock vielleicht sogar nur ein Mundraub aus Hunger auf Versöhnungs-Gold.
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Schon die Eröffnungsfeier zeigte das neue Russland. In Moskau marschierten 1980 noch Männer im Stechschritt ein, in der hoch erhobenen Faust eine Friedenstaube umklammernd. Und die Moskauer Polizei warnte: »Westliche Infiltratoren und Saboteure wollen der Bevölkerung T-Shirts zum Geschenk machen. Die Hemden sind jedoch mit einer unsichtbaren chemischen Lösung präpariert. Wenn der Träger dieser Hemden transpiriert, kommen antisowjetische Parolen zum Vorschein.«
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Wirklich wahr! Wie auch die  Betrugsmethode der Kampfrichter, die rote Fahne zu heben, wenn ihnen der gültige Sprung eines Nicht-Russen zu weit erschien. Da wehte die rote Fahne gleich im doppelten Sinn. Fast schon schlitzohrig-originell dagegen das Öffnen und Schließen des Marathontores, das russischen Speerwerfern günstigen Gegenwind, ihren Konkurrenten aber Windstille bescherte, die einige Meter kostete.
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Auch die systemtreuen Zuschauer arbeiteten mit Fleiß am olympischen Sieg des Weltkommunismus, indem sie ausländische Athleten mit Pfiffen und Buhrufen zu irritieren versuchten. Beinahe hätte es einen innersozialistischen Skandal gegeben, als Diskus-Weltrekordler Wolfgang Schmidt nach seinem letzten Versuch wutentbrannt auf die Tribüne zulief und dem unfairen Publikum mit der Faust drohte.
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Als das IOC endlich eingriff und verlangte, über Lautsprecher um Ruhe bei den Versuchen von Ausländern zu bitten, entsprachen die Russen diesem Wunsch. Es wurde wirklich um Ruhe gebeten, sogar zweisprachig – englisch und französisch.
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Tempi passati. In Sotschi fühlen sich fast alle wohl, vor allem die Sportler, etwas weniger die westlichen Journalisten, die mit investigativem Furor nach Haaren in der Suppe fahnden. Die Russen haben sogar die Folgekosten von Sotschi im Griff, im Gegensatz zu den Griechen 2004 in Athen bei ihrem olympischen Zwischenspurt in die Pleite. Putin lässt nun alle im Turnier benutzten Pucks und Schläger verkaufen, der Erlös kommt Sotschi zugute. Puck und Eishockeyschläger werden im Set verkauft und kosten zusammen 1,10 Rubel. Der Schläger kostet dabei einen Rubel mehr als der Puck. Wer ausrechnen kann, wie teuer der Puck ist, bekommt ihn sogar geschenkt.
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Kleiner Scherz. Erfahrene Leser kennen diese Rechenaufgabe, deren Originalversion ich in Daniel Kahnemans Buch »Schnelles Denken, langsames Denken« gefunden hatte. Sie tauchte jetzt wieder in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf, die das Finanzwissen ihrer Leser testete. Ich scheiterte bei den meisten Fragen, aber nicht bei dieser. Klar doch, dass der Puck zehn Kopeken kostet!
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Oder etwa nicht? Haben Sie mitgerechnet? Für neue Leser, die das alte Rätsel noch nicht kannten und – ebenso wie ich damals beim ersten Lesen – reingefallen sind: Der Puck kostet nicht zehn Kopeken, sondern fünf.
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Noch mal zur Ellipse. Zu den  Scherzen meiner Kindheit gehörte die Wette, »Auto mit weißen Streifen« dreimal hintereinander  schneller als andere sagen zu können. Heute versteht man das »Taxi-Taxi-Taxi« gar nicht mehr, denn wer  weiß noch, dass Taxis weiße Streifen hatten?
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Aber fast alle erinnern sich an die populärste Ellipse der Neuzeit: »Eier!« Der Interviewer stutzte, fragte nach. Wieder: »Eier!« Dann noch mal: »Eier!« Eine Szene wie in Loriots Sketch vom sprechenden Hund. Aber Olli Kahn hatte nur, trotz gefletschter Kampfhund-Lefzen, mit dem Stilmittel der Ellipse die kaum noch zu ertragende Fußballer-Plattitüde »Wir müssen jetzt Charakter beweisen« dankenswerterweise in ein einziges Wort gepackt.
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So ändern sich die Zeiten. Nicht den Bayern fehlen »Eier« (notfalls gewinnen sie auch ohne), sondern den Bayer-Hasenherzen. Haben Sie sich auch über Leverkusens schlaffe Schluffis fremdgeschämt? Zum Glück glichen der FC Bayern und unser aller Eintracht diese deutsche Blamage eiermäßig mehr als aus.
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Leider nicht Mesut Özil. Kein gutes Zeichen für die WM, wie der Überbegabte auf Druck reagiert. Auch kann ich den Satz von »Stromberg« nicht vergessen: »So lange wir einen Avon-Berater als Trainer haben, erwarte ich keinen Titel.«
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Aber lieber Schönspieler als Schönredner. Als Schmidt 1980 in Moskau dem Publikum mit der Faust drohte, bewertete dies DDR-Starreporter Heinz Florian Oertel als »Dank des Athleten an dieses großartige Publikum«.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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