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Donnerstag, 20. Februar, 9.50 Uhr

Das ging fix. Unser Archivar Uwe Degen hat beide Fragen von Ralf Protzel (siehe “Mailbox”) schon beantwortet und unserem Leser die damals veröffentlichte Beweislage gemailt. Prima gemacht! In Kürze: Die Flanke für Schnellinger kam von Jürgen Grabowski (hatte ich auch getippt, aber nicht gewusst), und Klaus wurde in der 66. Minute eingewechselt (für einen gewissen Niederländer; der Mann ist keiner, sondern heißt so).

Apropos Archiv: Seit Tagen überlege ich, ob und was ich zur Pädophilie-Debatte schreiben sollte. Als Kind hatte ich zwar keinerlei Berührung mit Pädophilen (war wohl nie “goldig” genug, um ihr Interesse zu wecken), im Beruf hatte ich aber jahrelang mit einem “Kinderfreund” zu tun. Wie weit diese “Freundschaft” ging, wusste ich zwar nicht, aber später musste ich, aus Überzeugung und um Schaden von der Redaktion abzuwenden, diesen Mann aus unseren Diensten entlassen. Das beschäftigte mich lange, auch, weil ich das schon viel früher hätte tun müssen. Jetzt fiel mir aber wieder ein, dass ich zu diesem Thema schon einmal eine Kolumne geschrieben habe, vor ziemlich genau vier Jahren, aus Anlass der Schiedsrichter-Affäre. Ich muss also nichts mehr schreiben, ich habe schon, und zwar das:

 

Selbst ohne die sudelige Schiedsrichter-Affäre (in der es wenigstens – und hoffentlich – nur um Volljährige geht) ist der Missbrauch minderjähriger Schutzbefohlener kein alleiniges Problem von Kirche und Schule, sondern auch ein latentes des Sports, denn: »Schweinepriester« gibt’s überall.   *   Schon merkwürdig, welche buchstäbliche Bedeutung das alte Schimpfwort aktuell erhält. Man kennt es seit dem 12. Jahrhundert, als im Kloster angestellte und dort Ferkel kastrierende Hirten »Schweinepriester« genannt wurden. Aber die heutigen »Schweinepriester« sind  in der Mehrzahl keine minderbemittelten Dienstleistenden aus der Unterschicht, sondern oft gescheite Menschen, freundlich und verständnisvoll auftretend und sehr empathisch, also mitfühlend wirkend.   *   Wie der ehemalige Mitarbeiter unserer Sportredaktion, der auch die »gute Seele« der Jugendabteilung seines Vereins war. Dass er sich zu seinen Schützlingen hingezogen fühlte und sie »goldig« nannte, aber das Interesse verlor, wenn sich Stimmbruch und Bartflaum ankündigten, darüber frotzelten wir intern, sprachen ihn aber nicht darauf an. Auch auf das Gerücht, er habe wegen seiner Neigungen schon  vor dem Richter gestanden, sei aber nicht verurteilt worden, gingen wir nicht ein. Erst als er bei einer Reise zu einem  Redaktionstermin einen 14-jährigen Praktikanten mitnehmen wollte und wir erfuhren, dass schon ein Doppelzimmer gebucht war, beendeten wir die Zusammenarbeit sofort und für immer.   *   Das ist viele Jahre her, unser ehemaliger Mitarbeiter schon lange tot. Die Frage, ob wir uns mitschuldig gemacht haben, bleibt aber, und sie bleibt unbeantwortet. Das diffuse Schuldgefühl klopft jedoch immer wieder einmal an. Später trafen wir einen erwachsenen Sportler, der zu den »Schützlingen« jenes Mitarbeiters und Vereinsbetreuers gezählt hatte, sprachen vorsichtig das Thema an … und da sprudelte es aus dem Mann heraus. Bitteres, nie Verdautes. Nicht, dass er im juristischen Sinne sexuell missbraucht worden wäre. Es ging um Machtspiele und Gunstbeweise des Älteren, der seine Schülersportler gegeneinander ausspielte, sich jeweils einen »goldigen« Liebling aus einer Art Favoritenliste auserkor und unter diesen Anwärtern auf besondere Gunsterweisung geschickt Neid und Missgunst schürte.   *   Auch unser Ex-Mitarbeiter fühlte sich vom »pädagogischen Eros« und jener Empathie beseelt, von

der auch der hoch geachtete Pädagoge Hartmut von Hentig (84) spricht, ein ehemaliger Berater von Willy Brandt, Freund der Weizsäcker-Familie und vieler anderer Denker und Dichter. Von Hentigs Lebensgefährte Gerold Becker ist als ehemaliger Leiter der Odenwaldschule schweren Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt. In der Verteidigung seines geliebten Freundes versteigt sich von Hentig in der Süddeutschen Zeitung zur Behauptung, wenn überhaupt, hätten allenfalls Schüler ihren Lehrer Becker »irgendwie« verführt. Außerdem sei die pädagogische Liebe »eine Form der persönlichen Liebe«, aber »unsere aufgeklärte Gesellschaft« dafür zu »kleinmütig«.   *   Wie kommt es zu dieser Diskrepanz zwischen selbst gefühlter Empathie und dem Schaden, den sie anderen an Leib und vor allem Seele zufügen kann? Vor fünf Jahren besprach ich in unserer Wochenend-Beilage ein kleines Werk von Hartmut von Hentig (»Joschi«), der nicht nur Kinder, sondern auch Hunde zu lieben glaubt und darüber ein Buch schrieb. Damals überraschendes und deprimierendes Lese-Erlebnis: Von Hentig liebte nicht den Hund, sondern die Liebe zu einem Hund, und er besaß keinerlei Einfühlungsvermögen in dieses arme Lebewesen, das schließlich wegen tödlicher »Tierliebe« eingeschläfert werden musste (der Rezensions-Text ist im Anstoß online noch unter der Rubrik »gw-Beiträge Kultur« zu finden). Unser Text endete damals so: »Der Evolutionsforscher Manfred Eigen antwortete auf die Frage, welchen Wunsch er an eine gute Fee hätte: ?Ich möchte einmal eine Stunde lang in meinem Hund sein.? Wünschen wir Hartmut von Hentig, dass ihm solch ein Wunsch nicht erfüllt wird. Eine Stunde lang Joschi sein – das wäre doch eine gar zu menschenquälerische Strafe.«   *   Empathie: »Ein Lebewesen ist mit einem anderen empathisch, wenn es sich in dieses einfühlt, sich also vorstellt, es wäre das andere, beziehungsweise so fühlt, wahrnimmt und denkt, als wäre es das andere« (Wikipedia) – und das Gegenteil davon ist jene »Empathie«, bei der Einfühlsamkeit und all die anderen wunderbaren Eigenschaften nur für sich selbst empfunden werden (ähnlich wie bei der Toleranz, doch das ist ein anderes Thema).   *   Nachzutragen bleibt, dass wir schließlich doch noch Genaueres von dem Verfahren gegen unseren ehemaligen Mitarbeiter erfuhren. Der Richter konnte ihn nicht verurteilen, weil die Zeugen – Eltern der Schüler – ihre Aussagen zurückzogen. Grund: Ohne die »gute Seele« würde der Sportbetrieb  zum Erliegen kommen. Letzte unbeantwortete Frage: Nur ein Phänomen aus vergangenen Zeiten und heutzutage undenkbar?

 

Baumhausbeichte - Novelle