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Sport-Stammtisch (vom 20. Februar)

Jedem seinen Medaillenspiegel, jeder kann sich nach vorne rechnen, oft mit einem Augenzwinkern. Ob es aber wirklich nur angenehme Selbstironie war, als ein Polizeisprecher nach dem Team-Gold der Rodler (mit drei Polizei-Profis auf den Schlitten) verkündete, dass »die Bundespolizei im Medaillenspiegel erfolgreicher ist als die USA«?
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Aber die Amis schlagen zurück, haben die deutsche Polizei längst überholt, und überhaupt: In ihren Augen liegt sogar Gesamtdeutschland weit hinten. So gewichtet das renommierte Sport-Magazin »Sports Illustrated« Trendsportarten doppelt und dreifach, während Rodeln als Sportart für die USA nicht existiert, sondern als exotischer regionaler Brauch von Eingeborenen gilt.
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Exoten. Natürlich ließ sich kaum ein Medienschaffender die Gelegenheit entgehen, in den Schlagzeilen zum Abschneiden der Geigerin Vanessa Mae die Verbformen »vergeigt« und »weggefiedelt« unterzubringen. Was ich noch vermisse, ist eine Analyse der unterschiedlichen Herkunft von »Exoten« bei Winter- und Sommerspielen. Im Winter sind’s oft Geld- und richtige Adlige (Hupsi von Hohenlohe, Albert von Monaco), im Sommer meist arme schwarze Schlucker. Ihre olympische Gemeinsamkeit liegt in den Kolonien: Die Vorfahren der einen waren dort Herren, die der anderen Sklaven.
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Zurück zum Medaillenspiegel. Er ist Symbol eines sekundären Wettbewerbs von denen, die Sport auf nationaler Ebene organisieren und dient nur der Legitimation von Sportorganisationen, die damit ihren eigenen Wettbewerb schaffen. – Gut formuliert, oder?! Stammt ja auch nicht von mir, sondern vom Sportsoziologen Eike Emrich (gestern in der FAZ).
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Von mir nur Senf dazu: Gab es früher noch heftigen Streit, ob so etwas Chauvinistisches wie ein Medaillenspiegel überhaupt veröffentlicht werden darf, konzentriert sich die sportliche Diskussion seit der »Wende« darauf, wie die Wertung aussehen soll. Der »offizielle« Medaillenspiegel (alle Medaillenspiegel sind inoffizielle Spielereien) richtet sich nach dem allgemeinen Trend: Gold ist alles, alles andere nichts. Das ist natürlich ungerecht, und bei früheren Olympischen Spielen haben unsere Leser mit Fleiß und Sachverstand Medaillenspiegel-Modi ersonnen, die Platzierungen jenseits von Gold gebührend würdigten. Seit Sotschi sind wir froh über die Alleinherrschaft des Goldes.
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Tiefer hängen, den Medaillenspiegel. Nicht so ernst nehmen. Innerhalb des Sports ist er Spielerei, außerhalb des Sports gibt es Wichtigeres, ist fast alles wichtiger. Oder? Was grollt da so dumpf aus der Gruft? »Medaillen bei Olympischen Spielen sind ein Bericht über den biologischen Zustand und den Leistungswillen einer Nation.« Doch das ist zum Glück kein peinlicher Griff in die tausendjährige Blut-und-Boden-Kiste, sondern ein authentisches Zitat von Charles de Gaulle, über das wir uns ohne falsche deutsche Scham amüsieren dürfen. – Charles wer? Charly Gaul? Nee, das war seinerzeit ein Tour-Held. De Gaulle? Für PISA-Geschädigte: Das war der Adenauer Frankreichs.
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Aber kernig sind auch die neuen Franzosen, obwohl sie im Medaillenspiegel weit hinter uns liegen. Zum Beispiel Pierre Vaultier. Deutsch: Peter Faultier (Aua! Arger Kalauer. Excusez-moi). Der Snowboardcrosser holte nicht einmal zwei Monate nach einem Kreuzbandriss Gold – da können unsere Khediras nur staunen.
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Damit zum Fußball. Obwohl dort auch Schlitten gefahren wurde. Mit den Bayer-Bübchen. Da bekam sogar Ibrahimovic Mitleid, beinahe hätte er ihnen  die Windeln gewechselt. Man kann nur hoffen, dass mit Löws braven Bubis in Brasilien nicht derart Schlitten gefahren wird.
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Woher kommt der Ausdruck eigentlich? Ich schaue mal nach … och, Herkunft nicht exakt klar. Könnte sich darauf beziehen, googele ich, dass beim »letztlich wenig kontrollierbaren Rodeln der Lenker auf die Mitfahrenden keine Rücksicht nehmen kann. Früher diente der Schlitten bei Winterfeldzügen zum Transport der Soldaten und Gefallenen.« – Wenig kontrollierbar? Winterfeldzug? Transport von Gefallenen? Was sagt Felix Loch dazu?
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Und was sagt Rudi Völler zu seinen Jungs? Schon seit vielen Jahren entsprechen sie so gar nicht dem Charakter ihres Sportbosses, der als Fußballer ein Ausgefuchster und kein Lämmchen war, zwar einen Kopf kleiner, aber psychisch auf Augenhöhe mit einem Ibrahimovic. Dass ein Sportboss mit- oder sogar hauptverantwortlich für den Charakter einer Mannschaft ist … nee, lassen wir das, sonst packt Rudi die Wut, und in seiner Wut wiegt er drei Zentner.
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Immerhin hatte Völler den kleinen Vorteil, als Augenzeuge des Bayer-Desasters am selben Abend keine Nachrichtensendungen sehen zu müssen: Die Teldafax-Pleite, das Schneeballsystem, durch das viele zehntausend Strom- und Gaskunden betrogen wurden, erhielt von »heute« bis »Tagesthemen« viel mediale Beachtung, wobei im Hintergrund jeweils die einstige Werbung eingeblendet wurde, auf der Rudi tönt: »Wechseln is’n Klax mit TelDaFax.« Aber das ist ein ganz anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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