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Montagsthemen (vom 17. Februar)

Heute bleiben wir am Rande von Sotschi, und nur am Rande notiert wurde auch der vierte Platz von Severin Freund auf der Großschanze. Sogar nicht primär, dass Platz vier in einer olympischen Kernsportart eine große Leistung ist, sondern dass eine Medaille für Deutschland verpasst wurde. Nein, ich lamentiere nicht schon wieder, ich sag’s ja bloß.
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Ganz groß kürzlich auch Eric Frenzel in der Nordischen Kombination, einer Sportart, die vor der winterlichen Wettbewerbsinflation eine der olympisch kernigsten überhaupt war. Als Georg Thoma 1960 Olympiasieger wurde, liebte ihn ganz Deutschland, nannte ihn »Gold-Jörgli« und wählte ihn zum Sportler des Jahres. Sein Nachfolger wird es nie zum »Gold-Eric« und zum Sportler des Jahres bringen, was am wenigsten an ihm liegt.
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Als Biathlet hätte Eric Frenzel größere Popularitätschancen. Vielleicht wäre er einer geworden, wie sein Vater, aber in Klein-Erics Heimatort gab es »den Schießstand nicht mehr«, sagt er im FAZ-Interview. Aber der Vater? »Als der das betrieben hat, hieß das noch militärischer Mehrkampf.«
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In diesem Zusammenhang eine Quizfrage: Was ist die zweite Gemeinsamkeit von Vielseitigkeit/Military und Biathlon/Militärischer Mehrkampf? Die erste, na klar, ist das Umtaufen aus zivilistischen Imagegründen. Die zweite: Beide wirken bisweilen einschläfernd. Ja, ja, ich weiß: Meistens zum Glück nur für gewisse ignorante Zuschauer. Die andere leider vor allem manchmal für Pferde.
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Dass auch Claudia Pechstein eine großartige und zumindest nach bisherigem Wissensstand nie für möglich gehaltene Leistung vollbracht hat, ging unter in der allgemeinen Platz-vier-Missachtung und in all der Zickerei von ihr und um sie. Mit 41 noch Weltspitze, und das als mittlerweile bestkontrollierte Athletin in einer der vom Anforderungsprofil verdächtigsten Sportarten überhaupt – das kippt alle gängigen (auch meine) Vor-Urteile. Es sei denn, ihr wurden unsichtbare Siebenmeilenstiefel angepasst. Aber es gilt nicht der miese Verdacht, sondern die Unschuldsvermutung.
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Immer wieder beeindruckend bei den Eisschnellläufern, vor allem den Frauen: die mächtigen Gebilde von »Glutäus maximus« und »Quadriceps«. Das sind keine sexistischen Synonyme eines Macho-Kaspers für gewisse weibliche Körperregionen, die Anni Friesinger früher auf Fotos gerne vorteilhaft zur Geltung kommen ließ, sondern tiefer gelegene Stellen, die sie lieber bedeckt hielt. Weil: Bei Eisschnellläufern macht der »Glutäus maximus« (vulgo: Popomuskel) dem »maximus« noch alle Ehre, vom »Quadriceps« ganz zu schweigen, dem Oberschenkelstrecker, der bizarre Formen annehmen kann (Anni F.: »Mit Mini-Rock ist’s bei Eisschnellläuferinnen eh nix«).
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Der wahre Macho-Kasper heißt auch so, Vorname Gian-Franco, und ist Präsident des Internationalen Skiverbandes (FIS). Er stemmte sich lange gegen das Skispringen der Frauen. Argument: Bei der Landung sei die Gebärmutter in Gefahr. Bei mancher machomännlichen Bruchlandung wäre das Gehirn in Gefahr, falls noch vorhanden. Auch Kasper ein Borstenwurm? Ich wiederhole gerne: Entfernt man dem Weibchen das Gehirn, wird es zum Männchen (die Langfassung dazu gab es am Samstag in der »Nach-Lese« unseres Feuilletons im Blatt, sie ist online im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« nachzulesen).
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Um nicht in die Gefahr zu geraten, mich in einen Einschleimwurm in die Herzen der liebsten Zielgruppe zu verwandeln, muss ich jetzt leider die Berlin-Kreuzberger Bürgerinitiative erwähnen, die in ihrem Kiez jegliche sexistische Plakatwerbung verbieten will, zum Beispiel, wenn in der Autowerbung eine Frau im Bikini auftaucht. Ich fühle mich ertappt, denn kurz vor der »Tagesschau« achte ich ausnahmsweise auf Werbung, wenn eine Frau auf High-Heels und im Mantel aus einem Auto steigt, mit ihr ein übergewichtiger Hund, beide stöckeln beziehungsweise hoppeln eine Treppe hoch, die Frau klingelt, ein Mann öffnet, sie sagt lasziv »Hi«, öffnet den Mantel … und ich schließe nicht die Augen, sondern sage, was der Mann sagt. Nicht zu dem Hund: Wau!
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Seit ich die Kreuzberger Bürgerinitiative kenne, schäme ich mich nicht mehr, da ich nun doch auf der korrekten Seite stehe, zusammen mit der Grünen-Fraktionschefin Paula Riester, die eine Ausnahme erlaubt: »Wenn eine Frau im Bikini für Bademoden wirbt, ist das okay.«
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Rummms! Stolz verkünde ich soeben der allerliebsten Zielgruppe, die bei dieser Werbung stets mit den Augen rollt, dass ich mit beiden Beinen und Augen auf dem Boden des antisexistischen Grundgesetzes stehe, da schlägt sie es mir um die Ohren: Die High-Heel-Frau wirbt nicht, wie ich geglaubt habe, für ihren gelben Bikini unter dem Mantel, sondern für ein Diätmittel. Das wird in der Werbung erst hinterher klar, wenn ich schon nicht mehr hingucke. Und noch einmal macht es: Rummms!
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Bleibt noch eine olympische Grundsatzfrage: Wenn das Wetter in Sotschi so frühlingshaft bleibt und die Athletinnen, die schon viel abgelegt haben, jetzt sogar im Bikini in der Loipe laufen – darf man sich das dann noch guten männlichen Gewissens anschauen? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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