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Sport-Stammtisch (vom 15. Februar)

Wem sagt der Name Ihle etwas? Vorname Nico. Schon vergessen? Oder hatten Sie ihn nie (Vorsicht, Modewort!) »auf dem Radar«? Der Eisschnellläufer überraschte mit einer der individuell besten Leistungen im deutschen Team. Ihm fehlten nur winzige zwölf Hundertstel zur Bronzemedaille über 1000 Meter. In einer anderen Wertung aber war Ihles Abstand gewaltig: Die »Bild«-Zeitung gönnte ihm gerade mal zehn Quadratzentimeter ihres Blattes als Mini-Meldung, 1190 weniger als den Gewinnern der skurrilen Disziplin des mannschaftlichen Schlittenfahrens, die mit 1200 »Bild«-Quadratzentimetern die mehr als hundertfache Beachtung erhielten. Das ist nun mal der Unterschied zwischen Gold und Blech in Zeiten von Olympischen Spielen und deren medial wichtigster Sportart, dem Medaillenerbsenzählen. Und »Bild« steht nicht allein an der Medienfront. Sind wir nicht alle ein bisschen »Bild«?
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30 Medaillen, diese Vorgabe der deutschen Sport-Apparatschiks wird wohl nicht eingehalten werden können. 30 Medaillen. Wieso? Weshalb 30? Warum nicht 20 oder 40? Bevor 30 Medaillen als Verpflichtung angekündigt wurden, hatte sich niemand, der noch einigermaßen bei sportlichem Verstand ist, über solch eine Zahl Gedanken gemacht. Typisches Sportfunktionärs-Gewese.
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Auch die Russen machen sich wesentliche Gedanken. Wo stünden wir, fragen sie sich, wenn wir alle gebürtigen Russen, die für ein anderes Land starten, im Medaillenspiegel repatriierten? Ähnlich dachte man in einer etwas weniger östlichen Gegend, als eine Zeitung der dortigen Region vor vier Jahren einen eigenen Medaillenspiegel veröffentlichte, in dem der flugs gegründete neue Staat Thüringen weit vorne platziert war.
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Kein Vorbild für uns Hessen. Sonst lägen wir im Medaillenspiegel irgendwo zwischen Jamaika und Simbabwe. Obwohl – in einer der vielen anderen Medaillenspiegel-Versionen wäre dies eine Top-Platzierung: 2008 in Peking war Jamaika (Bolt & Co.) gemessen an der Einwohnerzahl die absolute Nummer eins, und nach effizienter Wirtschaftskraft führte Simbabwe, trieb also umgerechnet den geringsten Aufwand für seine Medaillen. Da halten wir in Sotschi lieber an unserer gewohnten Version fest – denn sonst sähe der Medaillenspiegel doch zu jamaikanisch oder simbabwisch aus.
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So aber kostet eine deutsche Olympia-Medaille alleine über fünf Millionen Euro aus dem Verteidigungs-Etat (Sold für die Sportsoldaten). Aber immerhin sind Winterspiele seit Afghanistan zwar nicht mehr unsere größten soldatischen Einsätze auf fremdem Staatsgebiet seit dem II. Weltkrieg, dafür aber die bei weitem erfolgreichsten.
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Jeder kann seinen eigenen Medaillenspiegel errechnen, auch Milchmädchen, obwohl ein besonders begabtes dieser Wesen namens Hertha momentan in Berlin genug zu rechnen hat. Das voraussichtliche Ergebnis des 60-Millionen-Einstiegs des Finanzinvestors KKR wurde jetzt von Ingo Schiller, für die Finanzen zuständiger Geschäftsführer des Bundesligisten, via »SZ«-Interview verkündet: Mit dem Geld »lösen wir alle unseren bisherigen Kredite ab, und wir kaufen Rechte zurück, zum Beispiel am Stadion-Catering. Wir sparen so ganz erhebliche Kosten und verbessern noch dazu unsere Ertragssituation.« So einfach ist das also. Allerdings nur unter der treuherzigen Voraussetzung, dass KKR keine Heuschrecke, sondern ein Goldesel ist.
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Bleiben wir noch kurz beim Fußball: Meistgenannter und -diskutierter Name im ersten und vor dem zweiten Duell der Eintracht mit dem BVB: Carlos Zambrano. Ob ihn Armin Veh heute einsetzt oder gelbrotschont, weiß ich nicht. Ich weiß nur, ohne in die Diskussion eingreifen zu wollen, dass Michael Zorc und alle BVB-Fans, die Zambrano vor Wut am liebsten auf den Mond geschossen hätten, diese Reise sehr gerne radikal abkürzen und Zambrano auf der Stelle und mit Kusshand in Dortmund aufnehmen würden.
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Meistdiskutierter Name außerhalb des Fußballs: ADAC. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht und kann sie mir nur mit dem ungebrochenen deutschen Urvertrauen in Bürokratie, Akten, Statistiken und darauf basierende Rankings erklären – statt meinen drei Grundregeln für Skeptiker zu vertrauen, die ich an dieser Stelle schon vor Jahren niedergeschrieben habe: 1. Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. 2. Fall auf kein Zitat rein, dass du nicht selbst aus dem Zusammenhang gerissen hast. 3. Glaub keiner Umfrage, die du nicht selbst erfunden hast.
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Ich freue mich, dass sich wenigstens der ADAC von meinen Kolumnen inspirieren ließ und zumindest Regel 1 und 3 strikt eingehalten hat. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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