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Pete Seeger, der Borstenwurm und die Quantenphysik (“Nach-Lese” vom 15. Februar 2014)

Heute möchte ich, zur Halbzeit der Winterspiele von Sotschi, über »tierische« olympische Rekorde schreiben. Ich habe auch schon einiges an Material gesammelt, vom Tauben-Doping über bergaufgehende Elefanten und furzende Heringe bis zur Verhausschweinung. Auch der Borstenwurm soll eine Rolle spielen, dieses putzige kleine Kerlchen, Schrecken aller Aquariumsbesitzer, der zu einer besonders reifen Leistung fähig ist: Entfernt man dem Weibchen das Gehirn, wird es zum Männchen.

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Aber leider kann ich mich nicht auf das Thema konzentrieren. Schuld sind Pete Seeger und die Quantenphysik. Als Seeger vor einigen Tagen starb, der große US-Barde und Folk-Fundamentalist, der Bob Dylan einst buchstäblich den Stecker ziehen wollte, als dieser erstmals mit elektrischer Gitarre auftrat, bestellte ich mir zum Gedenken eine »Best of«-CD. Schöne Sachen drauf, die andere später zu Hits gemacht haben (wie »Turn! Turn! Turn!«, der ganz große Erfolg der Byrds). Seeger singt sie so, als ob er sie selbst partout nicht zum Hit machen wollte, dafür aber mit dem Pathos des Überzeugungstäters. Ein Lied kannte ich noch nicht: »Which Side Are You On«, eine Hymne der Bewegung und der Bewegten, diese mitreißend und keinen Zweifel daran lassend, auf welcher Seite sie stehen: auf der richtigen. Und wer nicht auf ihrer Seite ist, steht auf der falschen, ist der Feind. Man könnte es auch das Alice-Schwarzer-Prinzip nennen.

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Ich dachte auch einmal, ich sei auf der richtigen Seite. Aber je älter man wird, desto weniger weiß man, was und wo die richtige Seite ist. Ich zum Beispiel fühlte mich als Pazifist. Ich glaubte an den Satz von Max Born, dass die Welt erst dann in Ordnung sei, wenn nicht mehr die Pazifisten, sondern die Bellikosen als Narren gälten. Gleichzeitig war mir immer klar, nie die linke Wange hinhalten zu können, wenn mir einer auf die rechte schlägt. Für mich damals kein Widerspruch, denn wer mich schlägt, ist kein Pazifist, steht auf der anderen Seite, und in solch einer Lage muss man den Bellikosen mit seinen eigenen Mitteln, nun ja: schlagen. Max Born gilt auch als »Baumeister der Quantenwelt«. Über die Quantenphysik habe ich gerade erst einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gelesen. Es geht um Wahrscheinlichkeiten, um das Bayes-Theorem und manches mehr, von dem ich keine Ahnung habe. Darf ich dennoch etwas zur Quantenphysik schreiben? Obwohl ich darüber so viel weiß, wie Albert Einstein (»Gott würfelt nicht«) davon wissen wollte: nichts, rein gar nichts.

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Ich versuche es also mal und bitte Sie, liebe Physiker, zumal Quantenphysiker, so Sie denn diese Kolumne lesen sollten, um Nachsicht. Wenn Sie dennoch schimpfen, dann auf Pete Seeger, denn der ist schuld. Seeger und der Zufall, dass ich gleichzeitig las (FAS) und hörte (»Which Side Are You On?«), was mir die Assoziation bescherte, dass Seeger und mein früheres Ich zur klassischen Physik gehören, die alles exakt und allgemeingültig benennt, während ich heute auf Quanten-Pop stehe, der nur Wahrscheinlichkeitsformeln kennt. Diese sind ausschließlich für einen Ort, eine Zeit, ein Teilchen gültig, während andere Orte, Zeiten und Teilchen auch andere Wahrscheinlichkeiten besitzen. Nehmen wir mich als Teilchen: An einem Ort und zu einer gewissen Zeit bin ich Pazifist, an einem anderen Ort (dunkle Ecke, mit der Liebsten auf dem Heimweg, ein Böser fällt über sie her, ich schlage ihn, ja, wenn’s sein muss erschlage ihn, ohne pazifistisch mit der Wimper zu zucken) bin ich bellikos wie kein Zweiter. Bin ich ein Quantenphysiker des Herzens?

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Allerdings hat die Quantenphysik immer noch große Mühe, sich so zu erklären, dass Albert Einstein und ich überzeugt werden könnten. Zum einen geht aus ihr ja auch die irre String-Theorie hervor, das Multiversum, in dem die Wahrscheinlichkeit besteht, dass unser Universum neben unzähligen anderen existiert, auch einem, in dem Adolf Hitler den Friedensnobelpreis gewinnt und Mutter Teresa Kopf einer NSU-Mordbande ist. Zum anderen scheint sie, um sich selbst beweisen zu können, mit Beispielen zu arbeiten, in denen schon der berühmt-berüchtigte gesunde Menschenverstand falsche Voraussetzungen entdeckt. So soll jetzt der »QBismus« erklären, was die Quantenphysik als »Wahrscheinlichkeit« bezeichnet. Der »QBismus« hat nichts mit Viehzucht oder dem lautgleichen Stil in der Malerei zu tun, sondern mit »Quanten-Bayesianismus«, der durch »das Aktualisieren subjektiver Überzeugungen gültiges Wissen erzeugt«, lese ich in der FAS, die auch ein Beispiel liefert: »Ein Freund berichtet mir, in der U-Bahn habe ihm jemand einen Witz erzählt. Nun interessiert mich, ob es ein Mann oder eine Frau war. Ohne weitere Informationen wird meine Überzeugung darüber nur sein, dass es mit etwa 50 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Frau war, denn etwa die Hälfte aller Menschen sind die Frauen. (…) Nun bekomme ich eine weitere Information: Die Person habe lange Haare gehabt. Nun nehmen wir an, ich wüsste, dass hierzulande 60 Prozent aller Frauen lange Haare haben. Dann kann ich mit diesen Informationen nach dem Bayes-Theorem ausrechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Person, von der sonst nur bekannt ist, dass sie lange Haare hat, eine Frau ist. Es sind 2/3 oder rund 66 Prozent. 66 ist größer als 50, insofern bin ich mir nun etwas sicherer als zuvor, dass der Witz von einer Frau und nicht von einem Mann erzählt wurde. Die Information über die langen Haare war für mich eine Art Message, mit der ich meine ursprüngliche Überzeugung (zu 50 Prozent Wahrscheinlichkeit war es eine Frau) aktualisiert habe.«

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Aber »wahrscheinlich« habe ich sie dann nicht nur aktualisiert, sondern auch falsifiziert. Denn Quantenlogik hin, QBismus her, wenn ich eine gewisse Lebenserfahrung habe, brauche ich außer der Eingangsinformation (Witz in der U-Bahn) keine weitere mehr, um zu wissen, dass der Sprecher des Witzes zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten männlich oder weiblich ist. Wer zum Beispiel nachts auf einer verrufenen U-Bahn-Strecke einen Witz erzählt, ist mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit ein Mann als eine Frau, daran ändert auch die Zusatzinformation »langhaarig« nichts. Um diese Zeit fahren deutlich weniger Frauen U-Bahn und erzählen erst recht dort keine Witze. Vielleicht wird der Witz ja auch in einer Zeit erzählt, in der Kurzhaarschnitt bei Frauen total angesagt ist oder in einer Weltgegend, in der Männer mehrheitlich Zöpfe tragen, oder der Hausfrauenbund unternimmt eine Sonderfahrt … und so weiter und so weiter.

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Wichtig dürfte auch sein, wer über die Wahrscheinlichkeit entscheidet. Ich zum Beispiel weiß nicht, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, hier absoluten Unsinn zu schreiben. Ein Quantenpysiker, fürchte ich, wird von 99,9 Prozent Unsinns-Wahrscheinlichkeit sprechen.

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Aber haben Sie bitte Erbarmen. Denken Sie an Kafka und seinen berühmten ersten Satz der »Verwandlung«: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.«

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Als ich heute erwachte, fand ich mich unverwandelt – bis eine liebe Stimme flüsterte: »Guten Morgen, mein kleiner Borstenwurm.« (gw)

(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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