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Sport-Stammtisch (vom 13. Februar)

Selbst ein alter Grantler wie ich fiebert beim Skispringen der Frauen mit, und ihm geht das Herz auf, wenn Carina Vogt wie vom Gold erschlagen zu Boden sinkt. Das weckt die bisher schönsten, echtesten olympischen Gefühle, und man fragt sich bloß, warum diese Sportart für Frauen erst jetzt olympisch wurde.
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Damit hänge ich nicht mein Mäntelchen flugs in den Sympathiewind  an der Frauenschanze, sondern bleibe dem treu, was ich schon vor fünf Jahren kontra Frauenboxen geschrieben habe: »Meine Distanz zu Frauen, die sich wie die Kesselflickerinnen prügeln, hat nichts mit Chauvinismus zu tun, denn gerade Chauvis haben ja ihren Spaß an den ›Hühnerkämpfen‹. Es gibt doch so viele männerbeherrschte Sportarten, in denen Frauen echten Nachholbedarf haben, Skispringen zum Beispiel.«
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Kurz danach, als es endlich soweit war: »Skispringen für Frauen olympisch, wie finde ich denn das? Sehr gut. Schöne, grundlegende Wintersportart. Aber Mixed-Staffel Biathlon, Teamwettbewerbe Eiskunstlauf und im Rodeln: Das ist Quatsch, quätscher geht’s nicht.«
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In diesem Zusammenhang: In den »Montagsthemen« fragte ich ironisch »Zum Beispiel Slopestyle-Snowboarding: Wer hat gewonnen und warum überhaupt?« Dazu kann Leser Thorsten Herdejost »nur anmerken, dass ich mir diese Frage bei allen Sportarten, in denen nicht in Zeiten, Metern, Toren und Punkten ›gemessen‹ wird, stelle. Ich denke dabei nur an Eiskunstlauf, hier schütteln seit Jahren sogar die ›Experten‹ bei vielen Entscheidungen den Kopf. Jedenfalls war Slopestyle eine sportlich höchst anspruchsvolle Veranstaltung die ich mir gerne angesehen habe und interessanter war als jeder Rennrodelwettbewerb.«
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Einverstanden! Zu den »Messungen«: Ob Slopestyle oder Eiskunstlauf, in der Sportwissenschaft nennt man die Ergebnisse in solchen Sportarten »semiobjektiv«, weil sie objektive Kriterien haben, die aber subjektiv bewertet werden.
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Warum endet ein Fußballspiel 1:1, wenn eine Mannschaft nach Traumkombinationen per Traumtor, die andere aber nur mit einem zufälligen Eigentor erfolgreich ist? Dumme Frage, klar: Weil Tor Tor ist und im Fußball die Benotung der Ausführung nicht vorgesehen ist. Auf der Grundlage des Code de Pointage im Kunstturnen würde aber das Eigentor weniger Punkte bekommen als der gelungene Super-C-Teil des Traumtores, das Spiel würde demnach nicht 1:1, sondern etwa 1,25:0,75 enden.
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Nehmen wir mal die beiden emotionalsten Wettbewerbe des Dienstags: Skispringen und DFB-Pokal. Carina Vogt und wir alle wussten nach ihrem zweiten Sprung nicht, dass sie gewonnen hatte, wir benötigten die – zudem äußerst komplizierte – semiobjektive Kampfrichter-Bewertung einer objektiv messbaren Weite. Beim Schlusspfiff in Frankfurt wussten aber alle sofort, dass und warum Dortmund gewonnen hatte: Weil der BVB ein Tor schoss, die Eintracht  null. Würde das Spiel  nach einem Code de Pointage wie im Kunstturnen bewertet, wäre beim Schlusspfiff überhaupt nichts entschieden, und wenn dann das Kampfgericht das Endergebnis verkündet, würde eine der beiden Fan-Seiten von Betrug reden, die andere von einem verdienten Sieg.
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Die Entscheidung der Fans entspräche keiner semiobjektiven, sondern einer rein subjektiven Bewertung. Idealtypisch für eine solche ist das »Gefällt mir«-Symbol bei Facebook. Natürlich unterliegt aber auch der Fußball trotz seiner objektiv messbaren Tore keiner rein objektiven Bewertung, denn der Schiedsrichter kann auf der objektiven Grundlage des Regelwerks ebenfalls sein »Gefällt mir« oder »Gefällt mir nicht« in die Wertung einbringen, nicht per Tastendruck, sondern mit der Pfeife.
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So gesehen gibt es nur eine »Sportart«, in der vorgegebene rein objektive Kriterien entscheiden: der Medaillenspiegel. Da ist Gold Gold und Blech Blech, die höhere Zahl der Goldmedaillen bestimmt die Reihenfolge, egal wie viele Silber- und Bronzemedaillen gewonnen werden, und Carina Vogts Gold zählt da leider nur genauso viel wie eine im …
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… bitte einsetzen, liebe Leser, welche Sportarten sie subjektiv abwerten möchten oder erst gar nicht in die Wertung nehmen würden. Bei mir steht ganz oben auf der Streichliste der …. Medaillenspiegel.

Baumhausbeichte - Novelle