Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Dienstag, 11. Februar, 9.25 Uhr

Eingeplant ist viel Zeit für die Vorbereitung der Feuilleton-Kolumne “Nach-Lese” für Samstag. Es soll um “tierische” olympische Rekorde gehen, das Meerschweinchen, den Menschen, um Konrad Lorenz und vieles mehr. Nachprüfen muss ich auch, ob und was in meinem Archiv dazu passt. Geschrieben habe ich u.a. schon über: Miniermotte, Tauben-Doping, “dumme” Mäuse, Fischsex, Blattschneiderameisen, Ameisen in der Schlange, die Kamel-Fatwa, bergaufgehende Elefanten, Stubenfliegen, das Hürdenhähnchen, Heuschrecken, furzende Heringe, den Lemming-Mythos, die Verhausschweinung und Kampffische.

Leider kann ich mich nicht darauf konzentrieren. Schuld sind Pete Seeger und die Quantenphysik. Und das geht so: Als Pete Seeger vor ein paar Tagen starb – der Barde aller Barden, der Folk-Fundamentalist, der Bob Dylan erbost und buchstäblich den Stecker ziehen wollte, als dieser erstmals mit elektrischer Gitarre auftrat -, bestellte ich mir zum Gedenken eine “Best of”-CD. Sieben Euro, konnte ich mir gerade noch leisten. Schöne Sachen drauf, die andere später zu Hits gemacht haben (zum Beispiel “Turn! Turn! Turn!”, der ganz große Erfolg der Byrds). Seeger singt sie so, als ob er selbst sie partout nicht zum Hit machen wollte, dafür aber mit dem echten Pathos des Überzeugungstäters.  Ein Lied kannte ich noch nicht: “Which Side Are You On”, eine Hymne der Bewegung und der Bewegten, diese mitreißend und keinen Zweifel daran lassend, auf welcher Seite sie sind: auf der richtigen natürlich. Und wer nicht auf ihrer, der richtigen Seite ist, steht auf der falschen, ist der Feind. Man könnte es auch das Alice-Schwarzer-Prinzip nennen.

Ich dachte auch einmal, ich sei auf der richtigen Seite. Aber je älter man wird, desto weniger weiß man, was die richtige Seite ist. Ich zum Beispiel fühlte mich als Pazifist, nicht nur politisch, sondern auch in allen Lebenslagen. Ich glaubte an den Satz von Max Born, dass die Welt erst dann in Ordnung sei, wenn nicht mehr die Pazifisten, sondern die Bellikosen als Narren gälten. Gleichzeitig war mir immer klar, nie die linke Wange hinhalten zu können, wenn mir einer auf die rechte schlägt. Für mich kein Widerspruch, denn wer mich schlägt, ist kein Pazifist, ist ein Böser, steht auf der anderen Seite, und in solch einer Lage muss man den Bellikosen mit seinen eigenen Mitteln, nun ja: schlagen.

Max Born gilt auch als “Baumeister der Quantenwelt”. Über die Quantenphysik habe ich gerade erst einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gelesen. Es geht um Wahrscheinlichkeiten, um das Bayes-Theorem und manches mehr, von dem ich keine Ahnung habe. Was sagt mir denn die Formel P(A/B) = P(A)  mal P(B/A) / P(B)? Nichts, und in der ganzen Sache bin ich ein Bruder im Geiste von Donald Duck, nämlich “das nichtigste Nichts”. (Übrigens, das Fragezeichen gehört zum Satz und nicht zur Formel).

Kann, darf ich dennoch etwas zur Quantenphysik schreiben? Ja, ich kann und darf, weil ich will. Und weil ich darüber so viel weiß, wie Albert Einstein davon wissen will: nichts. Daher auch sein berühmter Ausspruch “Gott würfelt nicht.”

Ich versuche es also mal und bitte Physiker, zumal Quantenphysiker, so sie denn diese Kolumne lesen sollten, um Nachsicht. Wenn sie dennoch schimpfen, dann auf Pete Seeger, denn der ist schuld. Seeger und die Koinzidenz, dass ich gleichzeitig las (FAS) und hörte (“Which Side Are You On?”), was mir die Assoziation ins Hirn sang, dass Seeger und mein früheres Ich zur klassischen Physik gehören, die alles exakt und allgemeingültig benennt, während ich heute auf Quanten-Pop stehe, der nur Wahrscheinlichkeitsformeln kennt, die zudem ausschließlich für einen Ort, eine Zeit, ein Teilchen gültig sind, während andere Orte, Zeiten und Teilchen auch andere Wahrscheinlichkeiten haben. Nehmen wir mich als Teilchen: An einem Ort und zu einer gewissen Zeit bin ich Pazifist, an einem anderen Ort (dunkle Ecke, mit der Liebsten auf dem Heimweg, ein Böser fällt über sie her, ich schlage ihn, ja, wenn’s sein muss erschlage ihn ohne pazifistisch mit der Wimper zu zucken) bin ich bellikos wie kein Zweiter (zumindest an diesem Ort, zu dieser Zeit, bei dieser Gelegenheit). Bin ich ein Quantenphysiker des Herzens?

Allerdings hat die Quantenphysik immer noch große Mühe, sich so zu erklären, dass Albert und ich überzeugt werden können. Zum einen geht aus ihr ja auch die String-Theorie hervor, das Multiversum, in dem die Wahrscheinlichkeit, dass unser Universum neben unzähligen anderen existiert, auch dem, in dem Adolf Hitler den Friedensnobelpreis gewinnt und Mutter Teresa Kopf einer internationalen NSU-Verschwörung ist. Zum anderen scheint sie, um sich selbst beweisen zu können, mit überzwerchen Beispielen zu arbeiten, in denen schon der berühmt-berüchtigte gesunde Menschenverstand falsche Voraussetzungen entdeckt. So soll jetzt der “QBismus” erklären, was die Quantenphysik als “Wahrscheinlichkeit” bezeichnet. Der “QBismus” hat nichts mit Viehzucht oder dem lautgleichen Stil in der Malerei zu tun, sondern mit “Quanten-Bayesianismus”, der durch “das Aktualisieren subjektiver Überzeugungen gültiges Wissen erzeugt”, lese ich in der FAS, die auch ein Beispiel liefert: “Nehmen wir an, ein Freund berichtet mir, in der U-Bahn habe ihm jemand einen Witz erzählt. Nun interessiert mich, ob es ein Mann oder eine Frau war. Ohne weitere Informationen wird meine Überzeugung darüber nur sein, dass es mit etwa 50 Prozent Wahrscheinlichkeit  eine Frau war, denn etwa die Hälfte aller Menschen sind die Frauen. (…) Nun bekomme ich eine weitere Information: Der Freund teilt mit, die Person habe lange Haare gehabt. Nun nehmen wir an, ich wüsste, dass hierzulande 60 Prozent aller Frauen lange Haare haben. Dann kann ich mit diesen Informationen nach dem Bayes-Theorem ausrechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Person, von der sonst nur bekannt ist, dass sie lange Haare hat, eine Frau ist. Es sind 2/3 oder rund 66 Prozent. 66 ist größer als 50, insofern bin ich mir nun etwas sicherer als zuvor, dass der Witz von einer Frau und nicht von einem Mann erzählt wurde. Die Information über die langen Haare war für mich eine Art Message, mit der ich meine ursprüngliche Überzeugung (zu 50 Prozent Wahrscheinlichkeit war es eine Frau) aktualisiert habe.”

Aber, und nun komme ich, “wahrscheinlich” habe ich sie dann nicht nur aktualisiert, sondern auch falsifiziert. Denn Quantenlogik hin, QBismus her, wenn ich eine gewisse Lebenserfahrung und den “gesunden Menschenverstand” habe, brauche ich außer der Eingangsinformation (Witz in der U-Bahn) keine weitere mehr, um zu wissen, dass der Sprecher des Witzes zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten männlich oder weiblich ist. Wer zum Beispiel nachts auf einer verrufenen U-Bahn-Strecke einen Witz erzählt, ist mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit ein Mann als eine Frau, daran ändert auch die Zusatzinformation “langhaarig” nichts. Um diese Zeit fahren deutlich weniger Frauen U-Bahn, erzählen erst recht dort keine Witze, und Frauen neigen außerdem weniger als Männer zum öffentlichen Witzeerzählen. Vielleicht wird der Witz ja auch in einer Zeit erzählt, in der Kurzhaarschnitt bei Frauen total angesagt ist oder in einer Weltgegend, in der Männer mehrheitlich Zöpfe tragen … und so weiter und so weiter.

Wichtig dürfte auch sein, wer über die Wahrscheinlichkeit entscheidet. Ich zum Beispiel weiß nicht, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, hier absoluten Unsinn zu schreiben oder einen zwar laienhaften, aber nachdenkenswerten Denkanstoß zu liefern. Ein Quantenpysiker, fürchte ich, wird von 99 Prozent Unsinns-Wahrscheinlichkeit sprechen. Nein, das fürchte ich nicht, das vermute ich nur. Ich fürchte nur den einzigen, der wirklich weiß, und zwar zu hundert Prozent, ob ich Unsinn oder eine ganz nette Kolumne geschrieben habe: Sie, lieber Leser.

Den letzten Satz habe ich geschrieben, weil ich über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben zur Idee gekommen bin, in der “Nach-Lese” nicht über “tierische” olympische Rekorde zu schreiben, sondern diese Gedanken über Seeger und die Quantentheorie auszubauen, abzukürzen und ins Blatt zu bringen. Dann müsste ich allerdings auf den Borstenwurm verzichten, der die eigentlich geplante Kolumne hammergagartig beenden sollte. Aber vielleicht bringe ich den auch noch in der Quantenphysik unter. Wahrscheinlichkeit, an diesem Ort und zu dieser Zeit und momentaner Teilchenverteilung im Gehirn: 99 Prozent.

Baumhausbeichte - Novelle