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Sport-Stammtisch (vom 8. Februar)

Auch die Olympiade in Sotschi steht unter dem Motto »schneller – höher – weiter« … Moment: Sotschi, Sochi oder Sotchi? Wir nehmen Sotschi, ganz klar, das geht uns Hessen, die wir die Kirsche gerne im Dorf statt am Baum lassen, besser über die Zunge, außerdem entspricht es am ehesten der russischen Aussprache des kyrillischen Wortes.
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Sotschis Vorgänger wurde fernsehoffiziell »Váncouver« ausgesprochen, nicht Váncoúver (wie Anglokanadier betonen) oder gar frankokanadisch Vancouvér. Weil: »Die Betonung soll auf der ersten Silbe liegen, so wie in Deutschland üblich« (ARD-Sprachregelung 2010). Zuvor ging es im Wettstreit um die scheinbar korrekte Aussprache der Olympia-Orte zungenbrecherisch drunter und drüber: »Se-uhl«, »Soul« oder »Saul«? »Mon-tri-ohl«, »Mon-real« oder »Mon-tre-al«? »Pe-king«, »Bei-jing« oder »Pei-ching«? Nun also Sotschi. Endlich echt deutsch.
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Haben Sie den Doppelfehler im Eingangssatz erkannt? Alle »Olympiaden« wieder droht der humanistisch gebildete Zeigefinger: Olympische Spiele sind keine »Olympiade«, sondern eine Olympiade ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Und: Im Original (citius – altius – fortius) heißt es nicht »schneller – höher – weiter«, sondern »schneller – höher – stärker«.
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So. Diese besserwisserische Pflichtübung ist abgehakt. Aber noch so’n Thema: Die fünf verschiedenfarbigen olympischen Ringe symbolisieren die fünf Erdteile, weiß doch jeder. Aber welche Farbe für Europa, für Asien usw.? Fragen wir Pierre de Coubertin, der die 1920 in Amsterdam urauf- bzw. eingeführten Ringe entworfen hatte: »Ihre sechs Farben entsprechen denen sämtlicher Nationalflaggen der heutigen Welt.« – Och, die Farben haben gar nix mit den Erdteilen zu tun?! Aber wieso sechs? Weil Coubertin den weißen Untergrund als sechste Farbe wertete. Olympia lernt uns viel, und man lehrt nie aus.
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Und warum heißt der Bremser im Bob Bremser, obwohl er ein Anschieber ist und strenges Bremsverbot hat? Im Englischen heißt der Bremser daher auch Pusher, was wiederum ebenfalls missverständlich ist, denn spätestens seit Steppenwolfs »Snowblind Friend« wissen wir: »The pusher is a monster.«
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Ein Monster war auch der DDR-Sport. Nicht nur, weil er monströs erfolgreich war. Wenn wir Bundesrepublikaner unser olympisches Hinterherhinken erklären wollten, fiel stets das Kalte-Kriegs-Schlagwort  »Staatsamateure«. In Sotschi stehen nun drei Viertel der deutschen Mannschaft in Staatsdiensten bei Bundeswehr, Polizei oder Zoll. Wächst zusammen, was zusammen gehört? Oder was sich nicht gehört?
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Aber was oder wer ist überhaupt ein »Amateur«? Noch im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts galt die IOC-Regel 26: »Um zu den Olympischen Spielen zugelassen zu werden, darf ein Teilnehmer keinerlei finanzielle Vorteile oder materiellen Nutzen aus seiner sportlichen Teilnahme ziehen.« Dieser Amateur war offiziell ein Muss, etwa so wie heute der »saubere Athlet«, aber in echt kam er ungefähr genauso oft vor wie dieser. Und gälte die Regel 26 noch, stünde Vanessa Mae schon als Olympiasiegerin fest. Auch Prinz Hubertus »Hubsi« zu Hohenlohe gewänne im stolzen Alter von 55 noch Gold.
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Selbst beim größten Eisschnell-Volkslauf der Welt gibt es seit 1997 keine Amateure mehr. Aber das liegt nur am Wetter. Der »Elfstedentocht« in Holland, eine 200 Kilometer lange Elfstädtetour in der Provinz Friesland (Bestzeit: deutlich unter sieben Stunden!), steht zwar in jedem Jahr auf dem Programm, fand aber in hundert Jahren erst 15-mal statt, zuletzt 1997. Grund: Das Eis muss mindestens 15 Zentimeter dick sein.
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In diesem Jahr kann man mangels Eis nicht mal dessen Dicke messen. Das bringt selbst die Kraniche durcheinander. In der vorigen Woche staunte ich über einen Trupp, der laut kreischend Richtung Süden unterwegs war. Hatten sie gedacht, hier überwintern zu können und flogen jetzt los, nur weil’s mal kurz geschneit hatte? Gestern nun beobachtete ich erneut einen Kranichzug – aber schon Richtung Norden! Hatten sie über den Alpen die Schneemassen im Süden gesehen und kehrtgemacht? Ich bin jedenfalls sicher, die Schreie der Kraniche am Himmel übersetzen zu können, selbst wenn sie kyrillisch waren: »Dann doch lieber Deutschland!«
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Auch manchem ansonsten recht nationalskeptischen Deutschen soll es auf Reisen oft wie meinen Kranichen  gehen – aber das ist ein ganz anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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