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Montagsthemen (vom 3. Februar)

Posted By gw On 2. Februar 2014 @ 12:27 In gw-Beiträge Anstoß | Comments Disabled

Die »spanischen Verhältnisse« im deutschen Fußball sind auch in Spanien keine spanischen Verhältnisse mehr, und im deutschen Fußball sind sie zu schottischen Verhältnissen geworden, weil die Bayern an Punkten für die Gegner noch mehr geizen als Celtic Glasgow, das in Schottland seit der Insolvenz des Stadtrivalen Rangers in einer eigenen Liga spielt.

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In Spanien mischt Atletico Madrid im Duell Real vs. Barca munter mit, Barcelona verliert jetzt sogar im eigenen »Nou Camp« gegen einen Club aus dem Mittelfeld (Valencia), und das gleichauf liegende Spitzentrio hat vor dem Vierten einen geringeren Vorsprung als die Bayern auf Dortmund. So konnte man bis gestern wider jegliche Fußballvernunft nur hoffen, dass die Bundesliga über spanische und schottische zu hessischen Verhältnissen kommt: Alle verlieren gegen die Bayern – nur die Eintracht nicht.

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Hauptsache, keine Hamburger Verhältnisse. Die Spieler des HSV wirken so mutlos wie ihr Trainer mutwillig. Bert van Marwijk gibt nach Niederlagen eine halbe Woche trainingsfrei, vor allem für sich, und sein munterer Schrei hallt lauter und früher durch Hamburg als der des ersten Aussteigers im australischen Dschungel: »Holt mich hier raus!« Wenn der Holländer so weiter macht, gelingt ihm ein Kunststück, das zuletzt ein gewisser Münchhausen vorführte: Wie man sich in kürzester Zeit am eigenen Schopf aus dem HSV-Sumpf zieht.

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Durchaus möglich, dass Hamburg demnächst fußballerisch nur noch musikalisch in der ersten Liga mitmischt. Die Stadion-Bühne bauen sie schon, angepfiffen werden soll »Das Wunder von Bern«, eine Musical-Version des Filmhits. Aber selbst 1954 spielten die Hamburger nur eine winzige Nebenrolle, denn unter den elf Helden von Bern, fünf von ihnen aus Kaiserslautern, kickte nur ein Hamburger, der einzige Norddeutsche überhaupt.

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Wer? Solch eine leichte Frage würde ich in unseren »Wer bin ich?«-Runden nicht zu stellen wagen. Jupp Posipal natürlich. Mit ihm verbindet uns eine besondere Geschichte. Als ich einmal im vorelektronisch verstaubten Archiv stöberte, fand ich im Briefwechsel aus den fünfziger Jahren eine schriftliche Bitte von Jupp Posipal: Ob es denn möglich sei, ihm unsere WM-Spielberichte zu schicken, in denen sein Name auftaucht, denn er wolle für seine Familie ein Erinnerungs-Album zusammenstellen. Das waren vor meiner Zeit noch Zeiten!

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Leichtathletik. Schlagzeile vor einigen Tagen: »DAX auf Jahrestief.« Hat nichts mit Leichtathletik zu tun? Doch, jedenfalls in dieser frühen Jahreszeit. Denn da tauchen sie plötzlich auf, diese unsinnigen Rekorde. Wenn die Hallensaison beginnt, erhält fast jeder Erstplatzierte den Zusatzvermerk »Weltjahresbestleistung«. Diesen Quatsch hatte Jörg Dahlmann, damals gerade auf dem Sprung von uns zum ZDF, schon im vergangenen Jahrhundert bloßgestellt, als er im »Sport-Studio« ein paar fröhliche Mainzer Freizeitsportler Weltjahresbestleistungen im Dutzend aufstellen ließ. An einem 1. Januar.

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Eine der besten Leistungen des Leichtathletik-Wochenendes war allerdings keine Weltjahresbestleistung, David Storls 21,33 m, denn Ryan Whiting stieß Tage zuvor ein paar Zentimeter weiter. Unsere Leser kennen Storl schon aus Zeiten, als er nur in der ganz engen Fachwelt ein Begriff war. Später staunte ich über den Neuseeländer Jacko Gill, der als 15-Jähriger mit der 5-kg-Jugendkugel unfassbare 24,45 m stieß, und ich raunte besserwisserisch, er werde eine neue Ära einleiten. Aber wie das so ist mit den jugendlichen Überfliegern: Höchstens einer kommt durch. Einer wie Storl. Gill wird in diesem Jahr 20, er stagniert schon lange, seinen neuseeländischen Männer-Rekord (20,38) hat einer verbessert (Walsh/20,61), der auch jung ist (21), aber noch als 17-Jähriger über vier Meter weniger stieß als Gill mit 15.

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Auch im Tennis kommen nur wenige Frühauftrumpfer durch. Drücken wir daher Alexander Zverev (16) die Daumen, dem Junioren-Finalsieger der Australian Open, dass wir, denen Namen wie Dier und Elsner nichts mehr sagen, den seinen so schnell nicht vergessen werden. »Zuvor haben nur vier Deutsche den Jugend-Wettbewerb in Melbourne gewonnen: Dirk Dier (1990), Nicolas Kiefer (1995) und Daniel Elsner (1997)«, schreibt die »Süddeutsche Zeitung«. Der Vierte vor Zverev fällt da wohl unter das Einmaleins des Redaktionsgeheimnisses.

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Noch mal zur Leichtathletik: Zu den besten Leistungen der letzten Zeit gehört ganz sicher der Weitsprung von Markus Rehm, der mit 7,61 m und mehr als einem halben Meter Vorsprung Hallen-Nordrheinmeister wurde. Rehms Bestleistung steht sogar bei 7,95 m. Damit wurde er im Juli 2013 Weltmeister. Bei den Paralympics. Denn Rehm ist beinamputiert. Mit seinen 7,61 m gewann er gegen Nichtbehinderte, nach den – heiß diskutierten – DLV-Richtlinien wurde er daher nachträglich ausgeschlossen.

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Die Diskussion wird sich erübrigen, wenn nach der rasanten Entwicklung der High-Tech-Prothesen der erste Beinamputierte zehn Meter weit springt. Nichtsdestotrotz ist Rehm ein großer Sportler.

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Mit hessischen Verhältnissen angefangen, mit immer weiteren Sprüngen aufgehört, da kann nur einer das Schlusswort haben. Tom Koenigs im Interview der »Frankfurter Rundschau« über seine Gemütsverfassung nach seinem 70. Geburtstag: »Mein Motto ist: Als weider!« (gw)

* (www.anstoss-gw.de [1] mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de [2])


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