Archiv für Februar 2014

Sonntag, 23. Februar, 7.00 Uhr

Das Volk feiert eine Frau, die zart und verletzlich wirkt, aussieht wie eine attraktive gute Fee – und die auch so aussehen will. Frohlockt sie jetzt: Ach wie gut, dass niemand weiß …? Dass sie eine Oligarchin der ersten Stunde ist, mit allem, was dazu gehört, inklusive schlimmer Verdachtsmomente? Dass sie beinhart ist, ein stählerner Schmetterling, dessen Schwingen wie Klingen sind? Ach wie gut, dass niemand weiß? Nein. Weiß doch jeder.

Eine deutsche Skiläuferin gleicht ihr äußerlich, ist aber kein stählerner Schmetterling, sondern wird medial zerquetscht wie ein Wurm. Ich würde heute kein Leistungssportler mehr werden, wegen hoher Zerquetschungswahrscheinlichkeit bzw. wegen Schusseligkeit, und weil ich, als überzeugter Einzelkämpfer, mich nicht in das Überwachungssystem einordnen könnte. Ich würde nicht (mehr) dopen, auf keinen Fall, denn Doping ist heute nicht (mehr) das Vermeiden von Nachteilen und Wahrung von Chancengleichheit (also Wiederherstellung von Grundvoraussetzungen des Sports), sondern fieser Sportbetrug a la Maradona-Hand Gottes oder Inzaghi-Schwalben.  Klingt verharmlosend, weil solcher Art Betrug gesellschaftlich akzeptiert ist im Gegensatz zum aktuellen Delikt. Für mein Verständnis ist es aber ein schweres Verbrechen gegen die Sportlichkeit, unvergleichlich viel schwerer als schusseliger Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln. Natürlich weiß ich nicht, weiß niemand, ob das stimmt oder ob nicht echter Sportbetrug dahinter steckt. Aber das Schlimme ist, dass Verdächtigen im Sport die Schuld nicht nachgewiesen werden muss, sondern dass sie ihre Unschuld beweisen müssen. Dass diese willkürliche Beweisumkehrung gegen wichtigste Prinzipien unseres Rechtsstaates verstößt, scheint außer einige kritische Sportler niemanden zu stören.

In Zeiten von NSA und manchmal fast panischem Datenschutz gehört auch die Nachweispflicht zu den absurden und buchstäblichen Eigengesetzlichkeiten des Sports in unserer Zeit. Über Wochen und Monaten im Voraus  einer großen Überwachungsorganisation minutiös – ebenfalls buchstäblich, also auf die Minute genau – mitzuteilen, wann man sich wo aufhält, das sehen selbst die in eigener Sache empfindlichsten Datenschützer als selbstverständliche Pflicht der Sportler an …

… Moment. Es knickst. Der Kaffee kommt. Kurze Pause….

(9 Uhr) Wieder da. Kaffee getrunken, Kuchen gegessen, SZ, FAZ und FAS gelesen. In die Mailbox geguckt. Schon ein Kommentar von Walther Roeber drin.

Heute morgen sind Sie aber richtig aufgebracht! So viele Vertipper habe
ich in einem Blog selten von Ihnen gesehen… Ich kann es aber nachfühlen, denn sowohl die „Revolution“ in der Ukraine, als auch die Doping-Geschichte gehen nicht nur Ihnen nahe. Ob Janukovitch noch auf dem Maidan geköpft werden wird? Wird E.S-S. aus der Bundeswehr unehrenhaft entlassen? Muss ich meinen Nasenspray und Hustensaft unter staatlicher Aufsicht entsorgen? Das wird ja fast so kompliziert wie die syrischen Chemiewaffen… Trotzdem – nach dem Kaffee – einen schönen Sonntag!

Danke. Aufgebracht bin ich aber nicht. Meine Erregungskurven flachen immer mehr ab. Tippfehler? Konnte ich ahnen, dass der Beginn des Blogs schon gelesen wird? Ja, hätte ich ahnen müssen. Eine Taste, schon ist alles zu lesen. Um wieder reinzukommen (oder rein zu kommen? Keine Ahnung), lese ich den Beginn noch mal und korrigiere die Tippfehler. – Moment …

Na ja, drei Fehler gefunden und korrigiert. Bei meiner Schusseligkeit und dem nicht mal nachgelesenen Frühschnellgeschriebenen eine gute Quote. Schreibt man „im Voraus“ oder „im voraus“? Mir egal. Also weiter im Text …

Im Feuilleton der FAZ-Sonntagsausgabe FAS ein Kommentar, der im krassen Gegensatz zum Leitartikel vorne im Blatt steht. „Bürger Edathy. Hat der Mann keine Rechte?“ (Überschrift). Im Text: „Der verfolgende Staat trägt die Beweislast allein – das ist der Kern der Unschuldsvermutung.“ Aber niemand stört sich daran,  dass es wegen des vermuteten Konsums von Nahrungsergänzungsmitteln schon hochnotpeinliche Hausdurchsuchungen gegeben hat, einen Tag nach dem Bekanntwerden des Verdachts, während ein „Kinderfreund“ monatelang unbehelligt blieb und, wenn er denn gewollt haben sollte, jegliches Beweismaterial vernichten konnte.

Wenn ich dann noch lese, dass der neue Justizminister in die populistische Trompete bläst und „auch den Besitz geringer Mengen von Dopingstoffen“ unter Strafe stellen will (wer seinen erkälteten Sprösslingen noch Wick Medinait für Kinder gibt, ab in den Knast!), bin ich froh, das Thema Doping im Blatt nicht mehr kommentieren zu müssen: Weil ich als Rentner und Hobby-Schreiber (andere sammeln Briefmarken oder züchten Rosen) dazu nicht mehr verpflichtet bin, es schon über tausend Mal getan habe (das ist eine eher untertrieben Zahl) und bei Zuwiderhandlung meiner Selbstverpflichtung unter Tattoo-Zwang stehe (regelmäßige Blog- und Blattleser wissen, warum).

Mein alter Heidelberger Vereinskamerad Gerhard Treutlein, ein hoch engagierter Antidoping-Kämpfer und Träger des Bundesverdienstkreuzes, hat auf Facebook einen Beitrag gepostet, den jeder lesen sollte, der sich für das Thema Doping interessiert. Ich komme vom Blog und aus dem „Tunnel“ in die Redaktion nicht auf die Schnelle hinaus, sonst würde ich Treutleins Zeilen kopieren und hier einfügen. Suchen Sie bitte selbst. Ich komme zwar aus einer anderen Richtung (die Sekundärtugend der Regeleinhaltung als Muss, um Leistungssport überhaupt erst ermöglichen zu können, ist mir zunächst mal wichtiger als die realitätsferne Forderung nach Einhaltung ethischer und moralischer Maßstäbe, die man als Nichtsportler in der Regel selbst nicht einhält), aber Treutleins aktuelle Anmerkungen unterschreibe ich hundertprotzentig.

Und jetzt überlege ich, einige Sätze aus dem Blog nun doch für die „Montagsthemen“ aufzubereiten, trotz Tattoo-Gefahr. Dazu vielleicht noch der BVB als idealer Aufbaugegner für schwächelnde Klubs, der schwule NFL-Footballer, der nicht als schwuler Footballer, sondern als Footballer wahrgenommen werden will (dafür könnte ich ihn küssen!), der mir wichtigste Satz von Pfarrer Lenz (siehe „Mailbox“), die zwischen Olympia und Bundesliga untergegangenen Hallen-DM der Leichtathleten und Toni Kroos zwischen „Genie und Biedermann“ (FAS), der Roger Federer und James Blunt mag, momentan als Größter gefeiert wird, aber durchaus ein Bruder im weichzarten Geiste von Mesut Ozil ist, der immerhin einen schlaffen Elfmeter schießt, während Kroos im „Finale dahoam“ das Schwänzchen eingezogen hatte. Bis dann.

 

 

Veröffentlicht von gw am 23. Februar 2014 .
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Donnerstag, 20. Februar, 9.50 Uhr

Das ging fix. Unser Archivar Uwe Degen hat beide Fragen von Ralf Protzel (siehe „Mailbox“) schon beantwortet und unserem Leser die damals veröffentlichte Beweislage gemailt. Prima gemacht! In Kürze: Die Flanke für Schnellinger kam von Jürgen Grabowski (hatte ich auch getippt, aber nicht gewusst), und Klaus wurde in der 66. Minute eingewechselt (für einen gewissen Niederländer; der Mann ist keiner, sondern heißt so).

Apropos Archiv: Seit Tagen überlege ich, ob und was ich zur Pädophilie-Debatte schreiben sollte. Als Kind hatte ich zwar keinerlei Berührung mit Pädophilen (war wohl nie „goldig“ genug, um ihr Interesse zu wecken), im Beruf hatte ich aber jahrelang mit einem „Kinderfreund“ zu tun. Wie weit diese „Freundschaft“ ging, wusste ich zwar nicht, aber später musste ich, aus Überzeugung und um Schaden von der Redaktion abzuwenden, diesen Mann aus unseren Diensten entlassen. Das beschäftigte mich lange, auch, weil ich das schon viel früher hätte tun müssen. Jetzt fiel mir aber wieder ein, dass ich zu diesem Thema schon einmal eine Kolumne geschrieben habe, vor ziemlich genau vier Jahren, aus Anlass der Schiedsrichter-Affäre. Ich muss also nichts mehr schreiben, ich habe schon, und zwar das:

 

Selbst ohne die sudelige Schiedsrichter-Affäre (in der es wenigstens – und hoffentlich – nur um Volljährige geht) ist der Missbrauch minderjähriger Schutzbefohlener kein alleiniges Problem von Kirche und Schule, sondern auch ein latentes des Sports, denn: »Schweinepriester« gibt’s überall.   *   Schon merkwürdig, welche buchstäbliche Bedeutung das alte Schimpfwort aktuell erhält. Man kennt es seit dem 12. Jahrhundert, als im Kloster angestellte und dort Ferkel kastrierende Hirten »Schweinepriester« genannt wurden. Aber die heutigen »Schweinepriester« sind  in der Mehrzahl keine minderbemittelten Dienstleistenden aus der Unterschicht, sondern oft gescheite Menschen, freundlich und verständnisvoll auftretend und sehr empathisch, also mitfühlend wirkend.   *   Wie der ehemalige Mitarbeiter unserer Sportredaktion, der auch die »gute Seele« der Jugendabteilung seines Vereins war. Dass er sich zu seinen Schützlingen hingezogen fühlte und sie »goldig« nannte, aber das Interesse verlor, wenn sich Stimmbruch und Bartflaum ankündigten, darüber frotzelten wir intern, sprachen ihn aber nicht darauf an. Auch auf das Gerücht, er habe wegen seiner Neigungen schon  vor dem Richter gestanden, sei aber nicht verurteilt worden, gingen wir nicht ein. Erst als er bei einer Reise zu einem  Redaktionstermin einen 14-jährigen Praktikanten mitnehmen wollte und wir erfuhren, dass schon ein Doppelzimmer gebucht war, beendeten wir die Zusammenarbeit sofort und für immer.   *   Das ist viele Jahre her, unser ehemaliger Mitarbeiter schon lange tot. Die Frage, ob wir uns mitschuldig gemacht haben, bleibt aber, und sie bleibt unbeantwortet. Das diffuse Schuldgefühl klopft jedoch immer wieder einmal an. Später trafen wir einen erwachsenen Sportler, der zu den »Schützlingen« jenes Mitarbeiters und Vereinsbetreuers gezählt hatte, sprachen vorsichtig das Thema an … und da sprudelte es aus dem Mann heraus. Bitteres, nie Verdautes. Nicht, dass er im juristischen Sinne sexuell missbraucht worden wäre. Es ging um Machtspiele und Gunstbeweise des Älteren, der seine Schülersportler gegeneinander ausspielte, sich jeweils einen »goldigen« Liebling aus einer Art Favoritenliste auserkor und unter diesen Anwärtern auf besondere Gunsterweisung geschickt Neid und Missgunst schürte.   *   Auch unser Ex-Mitarbeiter fühlte sich vom »pädagogischen Eros« und jener Empathie beseelt, von

der auch der hoch geachtete Pädagoge Hartmut von Hentig (84) spricht, ein ehemaliger Berater von Willy Brandt, Freund der Weizsäcker-Familie und vieler anderer Denker und Dichter. Von Hentigs Lebensgefährte Gerold Becker ist als ehemaliger Leiter der Odenwaldschule schweren Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt. In der Verteidigung seines geliebten Freundes versteigt sich von Hentig in der Süddeutschen Zeitung zur Behauptung, wenn überhaupt, hätten allenfalls Schüler ihren Lehrer Becker »irgendwie« verführt. Außerdem sei die pädagogische Liebe »eine Form der persönlichen Liebe«, aber »unsere aufgeklärte Gesellschaft« dafür zu »kleinmütig«.   *   Wie kommt es zu dieser Diskrepanz zwischen selbst gefühlter Empathie und dem Schaden, den sie anderen an Leib und vor allem Seele zufügen kann? Vor fünf Jahren besprach ich in unserer Wochenend-Beilage ein kleines Werk von Hartmut von Hentig (»Joschi«), der nicht nur Kinder, sondern auch Hunde zu lieben glaubt und darüber ein Buch schrieb. Damals überraschendes und deprimierendes Lese-Erlebnis: Von Hentig liebte nicht den Hund, sondern die Liebe zu einem Hund, und er besaß keinerlei Einfühlungsvermögen in dieses arme Lebewesen, das schließlich wegen tödlicher »Tierliebe« eingeschläfert werden musste (der Rezensions-Text ist im Anstoß online noch unter der Rubrik »gw-Beiträge Kultur« zu finden). Unser Text endete damals so: »Der Evolutionsforscher Manfred Eigen antwortete auf die Frage, welchen Wunsch er an eine gute Fee hätte: ?Ich möchte einmal eine Stunde lang in meinem Hund sein.? Wünschen wir Hartmut von Hentig, dass ihm solch ein Wunsch nicht erfüllt wird. Eine Stunde lang Joschi sein – das wäre doch eine gar zu menschenquälerische Strafe.«   *   Empathie: »Ein Lebewesen ist mit einem anderen empathisch, wenn es sich in dieses einfühlt, sich also vorstellt, es wäre das andere, beziehungsweise so fühlt, wahrnimmt und denkt, als wäre es das andere« (Wikipedia) – und das Gegenteil davon ist jene »Empathie«, bei der Einfühlsamkeit und all die anderen wunderbaren Eigenschaften nur für sich selbst empfunden werden (ähnlich wie bei der Toleranz, doch das ist ein anderes Thema).   *   Nachzutragen bleibt, dass wir schließlich doch noch Genaueres von dem Verfahren gegen unseren ehemaligen Mitarbeiter erfuhren. Der Richter konnte ihn nicht verurteilen, weil die Zeugen – Eltern der Schüler – ihre Aussagen zurückzogen. Grund: Ohne die »gute Seele« würde der Sportbetrieb  zum Erliegen kommen. Letzte unbeantwortete Frage: Nur ein Phänomen aus vergangenen Zeiten und heutzutage undenkbar?

 

Veröffentlicht von gw am 20. Februar 2014 .
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Sonntag, 16. Februar, 7.05 Uhr

Blogbeginn siebenuhrfünf. Kleiner Erfolg im Kampf gegen das zwanghafte sonntägliche Frühstaufstehen. Draußen hellt es schon langsam auf. Wer singt denn da draußen, mitten im Februar? Höre ich einen Vogel, oder piepst es bei mir? So früh im Jahr singt hier doch kein Vogel?

Der Teich. Er singt nicht, er sinkt auch nicht, aber vor allem friert er nicht zu. Fünf mal fünf Meter, in der Mitte 1,50 tief, liegt er im Garten, im Norden, im Winter erreicht ihn kein Sonnenstrahl, so dass er am ersten Frosttag überfriert und dann bis in den April dick gefroren bleibt, so dass (zweimal so dass hintereinander erlaube ich mir nur im Blog) ich auf ihm das hoch gewachsene alte Schilf und die Pflanzen, deren Namen ich nicht kenne, auf und über dem Eis schön wegsensen kann. Geht diesmal nicht, zum ersten Mal seit mindestens Menschengedenken bleibt der Teich eisfrei, von einem kleinen frühen Häutchen abgesehen.

Das war mein Beitrag zum Klimawandel. Meinen Beitrag zum Rücktritt des Ministers habe ich schon vor dem Rücktritt des Ministers geschrieben, siehe letzten Blogeintrag. Zur Perversität des Skandals gehört, dass normales Verhalten zum Skandal hochgepusht wird („Hör mal, Sigmar, der Dings da, den zum Minister zu machen, ist keine so gute Idee, weil …“), während unnormales Verhalten als normal bezeichnet wird und sogar legal zu sein scheint: Sich Fotos von nackten Kindern zu bestellen und sich daran aufzugeilen. Wenn das so ist, dann macht ihn doch zum Nachfolger des Geschassten. Oder gleich zum Justizminister.

Mein Beitrag zum Sport … den muss ich noch für die Montagsthemen schreiben, auf mein übliches Lamento des Wasschreibbichbloß? verzichte ich. Bis dann.

 

Veröffentlicht von gw am 16. Februar 2014 .
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Freitag, 14. Februar, 12.00 Uhr

So. „Sport-Stammtisch“ ist erledigt, auch die „Nach-Lese“ fürs Feuilleton. Beides steht schon online, auch ein früher Kommentar von Walther Roeber in der „Mailbox“. Dort auch Mails von Karin Scheunemann und Dr. Hans-Ulrich Hauschild (beiden stimme ich heftig zu).  Das zum Teil schwer lesbare Schriftbild bitte ich zu entschuldigen, ich habe keine Ahnung, wie das kommt. Mir sagt ja keiner was, hier oben auf dem Berg.

Was in der „Nach-Lese“ steht, habe ich ja im Blog schon vorweggenommen. Schön dazu passt noch die Schrulle mit dem Borstenwurm (Danke, Jackie, für den Tipp!). Beim Nachgoogeln las ich, dass die Hirn-Geschichte schon einmal ein Thema war, im Netz und in irgendeinem Fernsehquiz (Pilawa?), aber mit genau umgekehrter Hirnentfernung. Biologisch richtig ist aber meine Version, die andere muss ein bewusster oder Freudscher Fehler in einem (nicht vorhandenen) Macho-Gehirn sein.

Fast schon pervers, nein, richtig pervers finde ich, wie die Affäre um Kinderpornos zu einer politischen hochgespielt wird. Da spielt kaum noch eine Rolle, ob die schlimmen Vorwürfe zutreffen, sondern nur, dass auf politischer Ebene nicht alles regelkonform gelaufen sein könnte. Pervers, weil Missbrauch von Kindern widerwärtig und schlimm genug ist, und dass – auch am Tag der belgischen Entscheidung – beides tief existenzielle Bedeutung hat, aber die parteipolitische Rumturnerei in den Medien viel mehr Raum und Interesse bekommt.

Man stelle sich im übrigen nur mal vor, Friedrich hätte sein Wissen für sich behalten, die SPD nicht gewarnt, deren Vertrauen verspielt und einen Koalitionsskandal wissentlich herbeigeführt.

Passt ein bisschen auch zum ADAC-Absatz im „Sport-Stammtisch“ und dem blinden deutschen Vertrauen in offiziell Obrigkeitliches. Glaubt denn jemand, irgendeiner in einer ähnlichen Position wie Friedrich hätte schon jemals anders gehandelt?

Veröffentlicht von gw am 14. Februar 2014 .
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Dienstag, 11. Februar, 9.25 Uhr

Eingeplant ist viel Zeit für die Vorbereitung der Feuilleton-Kolumne „Nach-Lese“ für Samstag. Es soll um „tierische“ olympische Rekorde gehen, das Meerschweinchen, den Menschen, um Konrad Lorenz und vieles mehr. Nachprüfen muss ich auch, ob und was in meinem Archiv dazu passt. Geschrieben habe ich u.a. schon über: Miniermotte, Tauben-Doping, „dumme“ Mäuse, Fischsex, Blattschneiderameisen, Ameisen in der Schlange, die Kamel-Fatwa, bergaufgehende Elefanten, Stubenfliegen, das Hürdenhähnchen, Heuschrecken, furzende Heringe, den Lemming-Mythos, die Verhausschweinung und Kampffische.

Leider kann ich mich nicht darauf konzentrieren. Schuld sind Pete Seeger und die Quantenphysik. Und das geht so: Als Pete Seeger vor ein paar Tagen starb – der Barde aller Barden, der Folk-Fundamentalist, der Bob Dylan erbost und buchstäblich den Stecker ziehen wollte, als dieser erstmals mit elektrischer Gitarre auftrat -, bestellte ich mir zum Gedenken eine „Best of“-CD. Sieben Euro, konnte ich mir gerade noch leisten. Schöne Sachen drauf, die andere später zu Hits gemacht haben (zum Beispiel „Turn! Turn! Turn!“, der ganz große Erfolg der Byrds). Seeger singt sie so, als ob er selbst sie partout nicht zum Hit machen wollte, dafür aber mit dem echten Pathos des Überzeugungstäters.  Ein Lied kannte ich noch nicht: „Which Side Are You On“, eine Hymne der Bewegung und der Bewegten, diese mitreißend und keinen Zweifel daran lassend, auf welcher Seite sie sind: auf der richtigen natürlich. Und wer nicht auf ihrer, der richtigen Seite ist, steht auf der falschen, ist der Feind. Man könnte es auch das Alice-Schwarzer-Prinzip nennen.

Ich dachte auch einmal, ich sei auf der richtigen Seite. Aber je älter man wird, desto weniger weiß man, was die richtige Seite ist. Ich zum Beispiel fühlte mich als Pazifist, nicht nur politisch, sondern auch in allen Lebenslagen. Ich glaubte an den Satz von Max Born, dass die Welt erst dann in Ordnung sei, wenn nicht mehr die Pazifisten, sondern die Bellikosen als Narren gälten. Gleichzeitig war mir immer klar, nie die linke Wange hinhalten zu können, wenn mir einer auf die rechte schlägt. Für mich kein Widerspruch, denn wer mich schlägt, ist kein Pazifist, ist ein Böser, steht auf der anderen Seite, und in solch einer Lage muss man den Bellikosen mit seinen eigenen Mitteln, nun ja: schlagen.

Max Born gilt auch als „Baumeister der Quantenwelt“. Über die Quantenphysik habe ich gerade erst einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gelesen. Es geht um Wahrscheinlichkeiten, um das Bayes-Theorem und manches mehr, von dem ich keine Ahnung habe. Was sagt mir denn die Formel P(A/B) = P(A)  mal P(B/A) / P(B)? Nichts, und in der ganzen Sache bin ich ein Bruder im Geiste von Donald Duck, nämlich „das nichtigste Nichts“. (Übrigens, das Fragezeichen gehört zum Satz und nicht zur Formel).

Kann, darf ich dennoch etwas zur Quantenphysik schreiben? Ja, ich kann und darf, weil ich will. Und weil ich darüber so viel weiß, wie Albert Einstein davon wissen will: nichts. Daher auch sein berühmter Ausspruch „Gott würfelt nicht.“

Ich versuche es also mal und bitte Physiker, zumal Quantenphysiker, so sie denn diese Kolumne lesen sollten, um Nachsicht. Wenn sie dennoch schimpfen, dann auf Pete Seeger, denn der ist schuld. Seeger und die Koinzidenz, dass ich gleichzeitig las (FAS) und hörte („Which Side Are You On?“), was mir die Assoziation ins Hirn sang, dass Seeger und mein früheres Ich zur klassischen Physik gehören, die alles exakt und allgemeingültig benennt, während ich heute auf Quanten-Pop stehe, der nur Wahrscheinlichkeitsformeln kennt, die zudem ausschließlich für einen Ort, eine Zeit, ein Teilchen gültig sind, während andere Orte, Zeiten und Teilchen auch andere Wahrscheinlichkeiten haben. Nehmen wir mich als Teilchen: An einem Ort und zu einer gewissen Zeit bin ich Pazifist, an einem anderen Ort (dunkle Ecke, mit der Liebsten auf dem Heimweg, ein Böser fällt über sie her, ich schlage ihn, ja, wenn’s sein muss erschlage ihn ohne pazifistisch mit der Wimper zu zucken) bin ich bellikos wie kein Zweiter (zumindest an diesem Ort, zu dieser Zeit, bei dieser Gelegenheit). Bin ich ein Quantenphysiker des Herzens?

Allerdings hat die Quantenphysik immer noch große Mühe, sich so zu erklären, dass Albert und ich überzeugt werden können. Zum einen geht aus ihr ja auch die String-Theorie hervor, das Multiversum, in dem die Wahrscheinlichkeit, dass unser Universum neben unzähligen anderen existiert, auch dem, in dem Adolf Hitler den Friedensnobelpreis gewinnt und Mutter Teresa Kopf einer internationalen NSU-Verschwörung ist. Zum anderen scheint sie, um sich selbst beweisen zu können, mit überzwerchen Beispielen zu arbeiten, in denen schon der berühmt-berüchtigte gesunde Menschenverstand falsche Voraussetzungen entdeckt. So soll jetzt der „QBismus“ erklären, was die Quantenphysik als „Wahrscheinlichkeit“ bezeichnet. Der „QBismus“ hat nichts mit Viehzucht oder dem lautgleichen Stil in der Malerei zu tun, sondern mit „Quanten-Bayesianismus“, der durch „das Aktualisieren subjektiver Überzeugungen gültiges Wissen erzeugt“, lese ich in der FAS, die auch ein Beispiel liefert: „Nehmen wir an, ein Freund berichtet mir, in der U-Bahn habe ihm jemand einen Witz erzählt. Nun interessiert mich, ob es ein Mann oder eine Frau war. Ohne weitere Informationen wird meine Überzeugung darüber nur sein, dass es mit etwa 50 Prozent Wahrscheinlichkeit  eine Frau war, denn etwa die Hälfte aller Menschen sind die Frauen. (…) Nun bekomme ich eine weitere Information: Der Freund teilt mit, die Person habe lange Haare gehabt. Nun nehmen wir an, ich wüsste, dass hierzulande 60 Prozent aller Frauen lange Haare haben. Dann kann ich mit diesen Informationen nach dem Bayes-Theorem ausrechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Person, von der sonst nur bekannt ist, dass sie lange Haare hat, eine Frau ist. Es sind 2/3 oder rund 66 Prozent. 66 ist größer als 50, insofern bin ich mir nun etwas sicherer als zuvor, dass der Witz von einer Frau und nicht von einem Mann erzählt wurde. Die Information über die langen Haare war für mich eine Art Message, mit der ich meine ursprüngliche Überzeugung (zu 50 Prozent Wahrscheinlichkeit war es eine Frau) aktualisiert habe.“

Aber, und nun komme ich, „wahrscheinlich“ habe ich sie dann nicht nur aktualisiert, sondern auch falsifiziert. Denn Quantenlogik hin, QBismus her, wenn ich eine gewisse Lebenserfahrung und den „gesunden Menschenverstand“ habe, brauche ich außer der Eingangsinformation (Witz in der U-Bahn) keine weitere mehr, um zu wissen, dass der Sprecher des Witzes zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten männlich oder weiblich ist. Wer zum Beispiel nachts auf einer verrufenen U-Bahn-Strecke einen Witz erzählt, ist mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit ein Mann als eine Frau, daran ändert auch die Zusatzinformation „langhaarig“ nichts. Um diese Zeit fahren deutlich weniger Frauen U-Bahn, erzählen erst recht dort keine Witze, und Frauen neigen außerdem weniger als Männer zum öffentlichen Witzeerzählen. Vielleicht wird der Witz ja auch in einer Zeit erzählt, in der Kurzhaarschnitt bei Frauen total angesagt ist oder in einer Weltgegend, in der Männer mehrheitlich Zöpfe tragen … und so weiter und so weiter.

Wichtig dürfte auch sein, wer über die Wahrscheinlichkeit entscheidet. Ich zum Beispiel weiß nicht, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, hier absoluten Unsinn zu schreiben oder einen zwar laienhaften, aber nachdenkenswerten Denkanstoß zu liefern. Ein Quantenpysiker, fürchte ich, wird von 99 Prozent Unsinns-Wahrscheinlichkeit sprechen. Nein, das fürchte ich nicht, das vermute ich nur. Ich fürchte nur den einzigen, der wirklich weiß, und zwar zu hundert Prozent, ob ich Unsinn oder eine ganz nette Kolumne geschrieben habe: Sie, lieber Leser.

Den letzten Satz habe ich geschrieben, weil ich über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben zur Idee gekommen bin, in der „Nach-Lese“ nicht über „tierische“ olympische Rekorde zu schreiben, sondern diese Gedanken über Seeger und die Quantentheorie auszubauen, abzukürzen und ins Blatt zu bringen. Dann müsste ich allerdings auf den Borstenwurm verzichten, der die eigentlich geplante Kolumne hammergagartig beenden sollte. Aber vielleicht bringe ich den auch noch in der Quantenphysik unter. Wahrscheinlichkeit, an diesem Ort und zu dieser Zeit und momentaner Teilchenverteilung im Gehirn: 99 Prozent.

Veröffentlicht von gw am 11. Februar 2014 .
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