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Sport-Stammtisch (vom 1. Februar)

»Sie schreiben jetzt ja auch in der Zeitung«, staunt der freundliche Handwerksmeister, den ich seit vielen Jahren kenne. Über 40 Jahre lang konnte ich mich hinter dem Kürzel »gw« verstecken, im Alltag unerkannt bleiben – und jetzt das! Früher ließ ich das Kolumnen-»Ich« die tollsten Kapriolen treiben. Mal fing ich einen Tiger heldenhaft mit bloßen Händen, mal fiel ich als Depp vom Esel und brach mir die Rippen (eins von beiden stimmte sogar), aber seitdem ich mit Name und Bild mehrmals in der Woche an dieser Stelle auftauche, von der Redaktion zwangsgeoutet, müssen beide Ichs übereinstimmen und die Münchhausengeschichten enden. Denn sonst falle ich im wahren Leben von einer Verlegenheit in die andere, wenn ich meinem Affen-Ich in der Kolumne zu viel Zucker gebe.
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Trotz des Rumpelstilzchen-Syndroms freute und freue ich mich natürlich sehr über Lob und Anerkennung. So ergänzten nicht wenige Leser ihre Lösung zur ersten »Wer bin ich?«-Runde des Jahres mit überaus freundlichen Anmerkungen. Drei Beispiele: Klaus Rinn aus Heuchelheim ist »ein großer Verehrer Ihrer Sportkolumne«, Arno Jung (Gießen) spendet »Lob für die geistreiche Anreicherung nicht nur der reichhaltigen Samstags-Frühstückstische«, und Kurt Herold (Rosbach) »möchte noch erwähnen, dass Ihre Ausführungen täglich zu meiner Pflichtlektüre gehören, weil Ihre Auffassungen und Meinungen zu den wichtigen Themen des Lebens von mir ausnahmslos geteilt werden, ich also in Ihnen schon seit Jahren einen Bruder im Geiste gefunden habe.«
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Auch was Holger Kloos (Wettenberg) schreibt, macht mich stolz: »Ihre Kolumne begleitet mich jetzt schon mehr als 20 Jahre. Deshalb vielen Dank für neue Denkanstöße, gegensätzliche Ansichten und natürlich des öfteren Bestätigung der eigenen Sichtweise. Auch oder gerade weil sie nicht immer mainstream ist.« – Leser, die schon seit Jahrzehnten dabei sind, manchmal gegensätzliche Ansichten haben, aber die Kolumne dennoch als bereichernd empfinden: Sie waren schon immer ein Hauptantrieb, diese Kolumne zu schreiben, und im Gegenzug sind kritisch-konstruktive Denkanstöße von Lesern für mich mindestens ebenso bereichernd. Danke.
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Zu schön. Da greife ich gerne noch einmal in die Schatzkiste des Leser-Lobs und lasse mich mal überraschen, was Volker B. schreibt. Also: »Als Fan des FC Bayern München kann man das unsägliche Geschmiere dieses Herrn nicht mehr akzeptieren. In jedem seiner dümmlichen Bemerkungen über den Verein und Teile dessen Persönlichkeiten spricht seine von Neid zerfressene Seele.«
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Oh. Da stelle ich mich eitel in einen Candystorm, aber dann erwischt mich nach den Bonbons eine volle Ladung Shit. Ausgerechnet mich, der zuletzt immer wieder betont hat, dass Schweinsteiger sowieso mein Lieblingsspieler ist und Lahm der wahre Weltfußballer, dass der späte Bayern-Jupp mein frühes Frankfurter Heynckes-Trauma geheilt hat und dass nicht nur für jeden Vierbeiner das Höchste sein muss, Hund bei Hoeneß zu sein, sondern auch für jeden Zweibeiner, Fußball-Profi bei Hoeneß zu werden, in dessen rauer Schale nicht nur ein Zocker-Herz schlägt, sondern ein sehr menschenfreundliches!? Na ja, man kann nicht alles haben, das Glück den Sonnenschein, tröstet mich Roy Black, der Gute: »Auf jeder grünen Wiese siehst du auch Disteln steh’n und Rosen ohne Dornen hast du nie geseh’n.« So isses.

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Bleiben wir bei der Musik. Die spielt nun bald in Sotschi. Dass Vanessa Mae dort nicht mit der Geige auf-, sondern mit Ski antritt, provoziert böse Kommentare, aber ausnahmsweise nicht bei mir. Das für mich rein sportliche weite Feld der Olympia-»Exoten« habe ich oft genug beackert und begüllt. Muss nicht noch mal sein. Außerdem gehört Vanessa Mae nicht unbedingt in die Reihe der sportlich Unbedarften von Eddie Edwards über manche adligen Hoheiten bis zu Freizeitsportlern aus fernen kleinen Ländern, die hierzulande nicht mal das Sportabzeichen schaffen würden. Dass sie für Sotschi trainiert, wissen unsere Leser seit einem Jahr, als Vanessa Mae mit diesem Zitat in »Ohne weitere Worte« auftauchte: »Die Ski-Welt ist zwielichtiger, als ich dachte. Kein Geigenprofessor wollte je schwarz bezahlt werden, so wie es mir jetzt mit Skilehrern passiert ist. Ich laufe Ski, seit ich Geige spiele. 2009 bin ich nach Zermatt gezogen, wollte unbedingt eine bessere Fahrerin werden und kam so auf die Idee, für Thailand in Sotschi anzutreten.« – Geige spielt sie seit frühester Kindheit, und wenn sie, vom Talent schweigen wir, ähnlich viel Energie und Disziplin wie beim Geigespielen aufbrachte, wird sie zwar hinterherfahren, aber sich sportlichen Respekt verdienen.
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Heiß diskutiert wird auch, wer denn nun die deutsche Fahne tragen soll. Etwa Claudia Pechstein? Erwarten Sie bitte von mir keine Antwort, auch nicht zur Frage, wer in China einen Sack Reis umkippt.
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Was mich viel mehr interessiert: Montag, am Nachmittag, ein Getöse am Himmel, das ich aus anderen Jahreszeiten kenne: Ein Zug Kraniche, laut kreischend Richtung Süden unterwegs. Was hat das zu bedeuten, Ende Januar? Hatten sie gedacht, hier überwintern zu können und fliegen jetzt los, weil’s geschneit hat? Wer entscheidet das bei Kranichs? Die Chefin? Die Gene? Die Konditionierung? Haben Kraniche den freien Willen, ob und wann sie aufbrechen?
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Willensfreiheit. Zuletzt ein Thema hier in der Kolumne und auch im Blog »Sport, Gott & die Welt«, speziell dort in der »Mailbox«. In der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« gab jetzt ein isländischer Genom-Forscher auf die Frage nach dem freien Willen eine seltsame Antwort: »Wenn ich so schnell nach Hause laufen will, wie ich kann, ist das eine ganz andere Sache, als wenn Usain Bolt dasselbe will. Mein freier Wille ist in dieser Hinsicht sehr verschieden von Usain Bolts freiem Willen.« Beim besten Willen: Ist das nicht ein selten dämlicher Vergleich?
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Aber mit solchen Fragen sollte ich vorsichtig sein, denn sie könnten auch die eigene Dämlichkeit belegen. Oder auch nur die Kindlichkeit. Denn mir geht es wie dem großen Schauspieler Alec Guinness. Der kam sich immer wie ein Hochstapler vor, weil er sein Leben lang ein Kind gewesen sei, das einen Erwachsenen gespielt hat, und er fürchtete zeitlebens, dass man ihm auf die Schliche kam.
Das fehlte mir gerade noch, dass die Leser nach Name und Gesicht auch noch mein mentales Alter kennen! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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