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Sonntag, 26. Januar, 6.45 Uhr

Muss ich Schnee schippen? Draußen geschlossene Schneedecke, aber schon tauend. Ich warte schön ab, im warmen Zimmer. “Draußen geschlossene Schneedecke”? Blöder Satz. Wo denn sonst? Drinnen?

Vor dem Block noch Interviews gelesen, von dem Stapel, den die Woche geliefert hat. Arbeitsweise: Alle Zeitungen, die ich von der Redaktion bekomme, werden gesichtet, Kurzes überfliege ich, Längeres, das interessant scheint, reiße ich raus. Die rausgerissenen Seiten kommen auf den Stapel. Aus den abonnierten eigenen Zeitschriften darf ich erst rausreißen, wenn die Chefin sie gelesen hat. Denn wenn sie, sagen wir mal: die “Zeit”, liest, einen Artikel, der sie interessiert, und plötzlich fehlt eine Seite, wird mir vorübergehend Gunst entzogen.

Mist, während ich schreibe, merke ich, dass der Tunnel wankt. Die Buchstaben auf dem Bildschirm hinken meinen – zwei – Fingern immer langsamer hinterher. Das könnte böse ende.

Interviews: Jerofejew und Harting. Beide mit schönem Material für “Ohne weitere Worte”. Beim Schriftsteller (in der FAZ) dachte ich: Mensch, warum lässt der sich sooo fotografieren? Im Interview zum Thema Sotschi ein riesengroßes Bild: alter Mann mit Kapitänsmütze und knappem Badehöschen, sonst nichts. Erst später lese ich die kleine Bildunterschrift: Das ist gar nicht Jerofejew, sondern “Ein Russe genießt den Sommer am Schwarzen Meer”. Irgendeiner also. Als alter Mann habe ich eine ziemlich altendiskriminierende Geschmacksmeinung: Ab einem gewissen Alter sollte man (und frau) sich nicht mehr in Badehose fotografieren lassen. Sobald ein “noch” in den Satz  “Sieht aber gut aus” kommt, gehört das nackte Fleisch verhüllt. Wenn ein 80-Jähriger “noch wie 60″ aussieht, sieht er eben wie 60 aus. Schlimm genug für ihn selbst, da muss man niemanden teilhaben lassen. Ich sehe mit 66 auch figürlich besser aus als mancher 65-Jährige, halte meinen Körper aber in Erinnerung an knackig-muskulös-schlanke 40er-Zeiten (zwischen 22 und 33  gehörte ich zur Monster-Kategorie) dezent bedeckt.

Was man so alles an Blödsinn bloggen kann. Statt 65 wollte ich erst, scheinbar objektiv, 45 schreiben. Dann dachte ich: Wenn ich so manchen 25-Jährigen sehe, sieht meine Figur ja noch jünger aus. Wenn ich schreibe, ich sehe aus wie 15, komme ich aber ins Heim.

Bevor’s hier zu albern wird ein Hinweis auf die Mailbox: Schöne, hochwertige Diskussion zwischen Dr. Hauschild und Pfarrer Lenz zum Thema Willensfreiheit (und Christentum). Ist wohl mit Pfarrer Lenz’ letzter Mail abgeschlossen. Er hängte noch ein Interview aus dem christlichen Magazin “Andere Zeiten” mit dem Kriminalpsychiater Prof. Hans‑Ludwig Kröber an. Stammt zwar aus dem Jahr 2008, da ich aber nicht weiß, wie es mit dem Copyright steht, zitiere ich nur einige Sätze Kröbers. Vorab merkt das Magazin an: Für einen der gefragtesten Kriminalpsychiater Deutschlands hat jedes Mitglied unserer Gesellschaft einen freien Willen, aber auch ein Recht auf angemessene Strafe.

 

“Ein Straftäter unterscheidet sich nicht groß von Nichtstraftätern. Man muss nicht psychisch krank sein, um Straftaten zu begehen. Psychische Gesundheit reicht dazu völlig aus.”

 ”Viele Menschen haben überhaupt kein Verschuldenskonzept. Besonders problematisch sind die Leute, die immer wieder versagen. Das macht sie gefährlicher. Ihr Lebenskonzept ist oft, dass immer die anderen schuld sind und sie alles richtig gemacht haben. Natürlich weiß auch so einer, wenn er jemanden niederschlägt und der hinterher schwer behindert ist, dass er daran schuld ist. Er wird sich aber schwer damit tun, das einzugestehen. Es gibt allerdings auch Täter, die ganz massiv mit dem Bewusstsein ihrer Schuld leben und meinen, sie könnten deshalb nicht mehr weiterleben.”

 ”Ich glaube, dass Schuld ein angeborenes Lebensgefühl ist. Wir wissen, was das Böse ist, auch wenn wir nicht immer wissen, was das Gute ist. Wenn wir schlimme Sachen machen, wissen wir das. Das können auch kleine Gemeinheiten sein. Es gibt Täter, die zuvor noch nie verurteilt waren, aber wenn man genau hinschaut, findet man kleine niedrige Gemeinheiten. Die moralischen Maßstäbe sind abhanden gekommen. Das ist ein Selbstverlust, der den Boden dafür bereitet, dass man auch andere Sachen macht, nach dem Motto: Ich bin sowieso ein Dreckschwein, schlimmer kann es nicht werden.

 ”Die Grundannahme ist, dass jeder Mensch im Stande ist, das Richtige zu tun und das Böse zu lassen ‑ sofern nicht eine schwere psychiatrische Erkrankung vorliegt. Das ist Teil unserer Würde, dass der Mensch einen freien Willen hat und verantwortlich ist für sein Tun. Zur Würde und Verantwortung des Täters gehört das Recht auf angemessene Strafe.”

 Es ist schon eine spannende Frage, wo eigentlich die Quellen des Hasses und der Zerstörungswut sind. (…)  Völlig aufdecken lässt sich vieles nicht, aber man ahnt, dass früher einmal dieser Hass geschmiedet wurde, alltäglich, in Vernachlässigung, Lieblosigkeit, Zurückweisung, Kränkung. Manche Menschen haben sich dann darauf verlegt, zu sagen: Irgendwann kommt die Stunde der Rache, und dann werde ich es allen zeigen.”

“Es gibt Menschen, die haben ein emotionales Potenzial, das man aus ihnen rausgeprügelt hat. Wenn die über einige Jahre hinweg wirklich Zuwendung erfahren, Aufgaben bekommen und andere Erfahrungen mit sich selbst machen, wenn sie Wertschätzung erfahren, vielleicht zum ersten Mal im Leben, dann blühen sie auf wie chinesische Papierfiguren, die man in ein Wasserglas tut und die sich dann plötzlich entfalten. Da werden dann manchmal wirklich tüchtige Leute draus. Das gibt es.”

 

Zur laufenden “Wer bin ich Runde?”-Runde (morgen ist Einsendeschluss) nur schon mal die Notiz, dass der Gesuchte bei uns einen späten Sympathiesturm erlebt, mit bemerkenswerten und liebevollen Anmerkungen. Ich werde sie sammeln und demnächst veröffentlichen, zumindest in der Mailbox, vielleicht sogar im Blatt (wenn’s blattmäßig platzmäßig möglich ist). Dass auch ich in diesem Sympathiesturm eine kleine Brise mitkriege – Dankeschön.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle