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Montagsthemen (vom 27. Januar)

Wenn sich die Bayern beeilen, sind sie noch vor dem Hoeneß-Prozess Meister. Dann wäre auch diese kleine Irritation zumindest sportlich keine mehr. Bliebe noch Mandzukic, das latente außersportliche Risiko. Er könnte noch so viele Tore schießen (beim FC Bayern würde sowieso immer einer Tore schießen), sie wären den Ärger nicht wert, wenn der Erzkroate wieder einmal militärisch stramm zu Ehren kroatischer Kriegs-Generäle salutiert.
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Was ihm schon einmal Ärger einbrachte, den die Bayern noch bagatellisieren konnten. Aber wenn er, wie sein Nationalmannschafts-Kumpel Simunic, mit dem Fan-Block den Ustascha-Dialog brüllen würde (»Za Dom –Spremni!« – »Für die Heimat – Bereit!«), könnte keine rummeniggsche Sprachregelungsanordnung den unliebsamen Skandal verhindern. Den vermeiden die Bayern nun vielleicht auf elegantere Art schon prophylaktisch, und sei es auf Kosten einiger Peanuts vom Festgeldkonto. Jedenfalls weiß Mandzukic nun, dass er zu kuschen hat. Allerdings: Kuscht ein Kroate?
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Apropos Hoeneß-Prozess: Unabhängig vom Urteil hoffe ich nur, dass der behördliche Durchstecher von Informationen an die Presse erwischt und verurteilt wird. Interessant auch, wie Theo »Ich habe einen Riesenfehler begangen« Sommer von seinesgleichen behandelt wird: Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der »Zeit«, ein noch hochmoralischerer Anstandseinforderer als Hoeneß, wurde jetzt wegen Steuerhinterziehung verurteilt (ein Jahr und sieben Monate auf Bewährung). Fehlt nur noch eine Beichte von Helmut Schmidt und die Enthüllung, was der neue Papst so alles auf dem Kerbholz hat.
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Schlagzeilenschelte bekam Sommer bisher so gut wie keine, nur einige spitzhämische Kollegen-Anmerkungen auf hinteren Seiten. Vielleicht sein Glück: Außer einer kurzzeitigen Boulevard-Berühmtheit als Onkel eines Partygirls, einer Art deutscher Paris Hilton, spielt er keine einschlägige Schlagzeilen-Rolle, seine öffentliche Fallhöhe ist mit der von Hoeneß nicht zu vergleichen. Seine menschliche muss er selbst beurteilen.
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Wie jeder, natürlich. Wie ich, natürlich. In diesem Zusammenhang zwei total objektive Anmerkungen: Toll, dass Wolfsburg verloren hat, pünktlich zum Kauf eines Problemspielers mit Fantastillionen aus der VW-Portokasse. Und total richtig und fair vom Schiedsrichter, dass er Zambranos Ellbogenschlag nicht gepfiffen hat: Elfer und raus, wo kämen wir dann hin mit unserer Eintracht!?
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Ich kann auch ernsthafter: Dass Won schon nach ein paar Sekunden ausgerechnet gegen den BVB Dong macht und den Borussen zwei Punkte klaut, lege ich nur als weiteren Beleg in meinen Schubladen »Die Ware Sport ist nicht der wahre Sport« und »Echter Leistungssport ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts« ab. Weitere Aufregung spare ich mir. Wir leben im 21. Jahrhundert. Das ist so, wie es ist. Zum Beispiel so, dass der FC Barcelona für Neymar offiziell 40 Millionen bezahlt hat, in Wahrheit aber floss mehr als doppelt so viel in dunkle Kanäle. Positiv daran: Es ist rausgekommen, der Präsident tritt zurück, dank der Klage eines einzigen Fans. Vor ihm ziehe ich die Wollmütze. Er hebelt ganz alleine kriminelle Absahner aus – von der Wirkungsmacht her bieten hohle Hools unter unseren Ultras nur Schläger-Folklore.
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Die ist auch gar kein Fußball-Problem. Bei Gewaltakten in und vor allem um das Stadion kenne ich keinen Fußball, keine Fans, keine Ultras, keine Hools, keine bösen Polizisten, sondern nur Bürger und ihre Ordnungsmacht, die sie vor Schaden zu schützen hat. Gilt auch für jede andere Gewalt, zumindest für die zivilste Gesellschaft, die Deutschland je hatte. Von Kiew bis Kairo ist’s leider etwas komplizierter.
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Unsere öffentliche Inbrunst, und darüber sollten wir froh sein, gilt Aufregern wie dem Dschungel, Lanz und Boris Becker. Der holt sich wieder eine schlammige Portion Twitter-Hohn ab, weil sein Schützling so früh ausscheidet wie lange nicht mehr. Das hat Becker – diesmal – nicht verdient. Sein Einfluss auf Djokovic’ Leistung ist gering, wäre sie auch gewesen, hätte dieser das Finale gewonnen. Ob und was Becker als Coach taugt, zeigt erst die Zukunft. Bei einem gestandenen Profi, zumal mit seinem alten Coach noch an der Seite, wird es so oder so nur marginal sein. Liegt nicht an Becker, gilt auch für Edberg und Lendl. Das Marginale kann jedoch auf diesem Niveau das Entscheidende werden.
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Dschungel und Lanz: Die eine Sendung ignoriere ich nicht mal, die Art des anderen ertrage ich nicht, schimpfe aber nicht, sondern schaue erst gar nicht hin. Jedem sein Pläsierchen. Für die intellektuelle Elite in der Presse-Szene war die Sendung erst verachtenswert und Anlass, sich lustvoll über den Plebs im Dschungel und vor dem Fernseher zu erheben. Später entdeckten sie aber einen subversiven gesellschaftskulturellen Hintersinn, um ebenfalls zuschauen zu dürfen.
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Der arme Lanz dagegen steht am Pranger und in einem Scheißesturm, der aus allen Richtungen bläst. Das ist, ja, gemein, meine Sympathie hat er daher jetzt wie alle brutal Gemobbten.
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Der große Klitschko genießt unsere  Sympathie, so wie Putin unserer Verachtung gewiss sein kann. So jedenfalls der Tenor in unseren Medien. Scheuklappen? Dass wir aus unserer westeurozentrischen Sicht sogar klammheimlich zu hoffen scheinen, dass Putin in Sotschi durch einen Terrorakt eins ausgewischt kriegt und Klitschko in Kiew durch krachenden Knockout gewinnt … das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel … nein, gar nichts mehr zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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