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Paul-Ulrich Lenz: Willensfreiheit (Wer die Bergpredigt zum Gesetz macht, der verdirbt sie)

Immer langsam. Es lohnt sich, genauer zu sein. Es ist richtig: Glaube
und Gnade sind Geschenk. Es gibt keinen Rechtsanspruch auf einen
gnädigen Gott und kein einklagbares Glück. Auch keine einklagbaren
Plätze im Himmel. Darin sind sich die christlichen Konfessionen ziemlich
einig. Denn wäre es anders, wäre Gott nicht mehr frei, sondern an
irgendwelche Prinzipien gebunden.

Das aber führt keineswegs zwangsläufig zur doppelte Prädestination. Es
ist Calvin, nicht Luther, der diesen „furchtbaren Ratschluss“ – so nennt
er selbst das – systematisch bedenkt. Bei Luther gibt es allenfalls
Zufallsäußerungen dazu, weil er, wie Karl Barth (der große evangelische
Theologe des 20. Jhdt.) sagt, ein unordentlicher Systematiker ist.

Aber diese Lehre vom doppelten Ratschluss steht – beispielweise – in
keinen der Bekenntnisse meiner Kirche. Sie ist kein Glaubenssatz, der
mich bindet. Ich unterschlage also nichts, sondern nutze vielmehr die
Freiheit, die mir meine Kirche lässt. Einer meiner theologischen Lehrer
hat den schönen Satz gesagt, dass er hoffe, dass am Ende die Hölle leer
stehe. Dem kann ich mich gut anschließen,  erst recht, wenn ich sehe,
wie sich Menschen die Zeit des Lebens wechselseitig zur Vorhölle
machen.

Aber einen Satz möchte ich doch noch loswerden zu Luther’s schrecklichem Satz: „Die Bergpredigt gehört nicht in Rathaus“.
Wir regen uns uns zu Recht  darüber auf, dass die Scharia als religiös
begründetes Rechts-System in islamischen Staaten Anwendung findet. Aber
da gibt es noch keine Unterscheidung zwischen staatlichem und religiösem
Recht. Wir wehren uns, wieder zu Recht, dagegen, dass wir in solche
Ununterschiedenheit zurück fallen. Es ist ein Glück, dass die Kirchen in
unserem Land keine politisch-justiziable Macht mehr ausüben können. So
verstehe ich auch Luthers Satz. Wer die Bergpredigt zum Gesetz macht,
der verdirbt sie. Sie ist ein Ruf zum Glauben und zur freien Bindung des
eigenen Gewissens. Aber sie darf nie und nimmer anderen zum Gesetz
gemacht werden. Sie können das gern ausprobieren: eine gesetzliche
Verpflichtung zum Vergeben? Eine gesetzliche Verpflichtung zur
Feindesliebe? Eine gesetzliche Verpflichtung zum Almosen? Als
Selbstverpflichtung: Ja, gerne und ich versuche, das zu leben. Als
bindendes Gesetz wird es geradezu mörderisch. Ich will keinen
Gesinnungsstaat und keinen Priesterstaat.

(Paul-Ulrich Lenz/Schotten)

Baumhausbeichte - Novelle