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Sport-Stammtisch (vom 25. 1.)

Die Bundesliga hat wieder begonnen. Beginnen wir also mit Wintersport. Die Putin-Spiele stehen weltweit in der Kritik, wobei hinter allem anderen – von Homophobie bis Antidemokratie – das absurdistanische Prinzip von Winterspielen in einem Badeort nur eine Nebenrolle spielt. Doch Sotschi ist bald überall. In den Alpen.
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Davon will unsere Olympia-Lobby nichts wissen, die in München und um München herum die Bevölkerung überreden wollte (überzeugen ging sowieso nicht), für Winterspiele in ihrer Heimat zu stimmen. Mit am heftigsten warben Sport-Größen wie Franz Beckenbauer und Maria Höfl-Riesch, wobei die eine praktischerweise die Ehefrau, der andere guter Freund ihrer beider Manager Marcus Höfl ist. Der wiederum arbeitete sich an der PR-Front für die München-Spiele ab. Vergeblich, so dass die Gattin zürnte und dunkel drohte: »Der eine oder andere wird es später vielleicht noch bereuen.«
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Dass Beckenbauer in seiner wurstigen Souveränität die von Gazprom kaiserlich entlohnte Rolle als Sportbotschafter für Großereignisse in Russland spielt und also auch für Putins Sotschi den Werbeonkel gibt – sei’s drum. Wir bleiben in den Alpen, in Garmisch-Partenkirchen. Dass dort die Bevölkerung mehrheitlich gegen Olympia stimmte, kann niemanden verwundern. Während einheimische Arbeitskräfte nicht mehr die Miete für marode Wohnungen zahlen können und jede Gelegenheit nutzen wollen, die Stadt zu verlassen, investiert diese viele Millionen in die Infrastruktur für den Wintersport (dazu gab es kürzlich eine bemerkenswerte Sendung auf 3Sat, dem Sender, der den Öffentlich-Rechtlichen Ehre macht).
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In Garmisch fielen jetzt Weltcup-Rennen aus, trotz neuer millionenteurer Beschneiungsanlagen. Selbst für diese war es zu warm. Langfristig wird die Schneekanonen-Investition womöglich buchstäblich in den Sand gesetzt, denn die klimatologischen und demographischen Entwicklungen werden dazu führen, dass es immer weniger Schnee und immer mehr ältere Touristen geben wird, die auch gar nicht mehr Ski fahren können, aber noch wandern wollen. Dennoch bauen die Verantwortlichen auf Schnee, koste es, was es wolle, und das nicht nur finanziell: Schon heute wendet sich mancher Wanderer im Sommer mit Grausen ab, wenn er die Narben der abgehobelten Pisten in der verschandelten Natur sieht.
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Dass Sport und Natur nicht immer harmonieren, wissen wir Hessen seit der Aufregung um das Radfahren im Wald. Die umstrittene gesetzliche Regelung, dass nur Wege befahren werden dürfen, die breiter sind als zwei Meter, wurde bei uns schnell wieder abgeschafft. Nur Baden-Württembergs Grüne widerstehen noch der Mountainbike-Lobby. Ich halte mich da raus, radle durch den Wald, hatte auch während der Zwei-Meter-Regel kein Maßband dabei, bleibe aber auf den üblichen Wegen und breche nie durch dichten Tann wie manche Mountainbiker. »Achtung, die Wildsau!«, der Warnruf im Wald gilt mittlerweile mehr dem Menschen als dem Tier.
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Mit ein bisschen gutem Willen kämen alle miteinander aus (um diesen Übergang habe ich lange gerungen!). Willen, Willensstärke … Willensfreiheit – wieviel davon hat der Mensch? Vor zwei Wochen habe ich das neurologische Modethema erwähnt, bei dem die Fachwissenschaft zu einer Antwort tendiert (»Willensfreiheit gibt es nicht«), von der ich einfach glauben will, dass sie grundfalsch ist. Im »Spiegel« lese ich nun, Neurowissenschaftler hätten das Zentrum für Willenskraft und Durchhaltevermögen im Gehirn entdeckt. Es liege in der Großhirnrinde, sei winzig klein und mache, wenn man es elektrisch stimuliert, »aus manchen Menschen Wunder an Willensstärke«, während es unstimulierte andere dazu bringe, »in schwierigen Situationen die Segel zu streichen«. Freibrief für alle Willensschwachen? Anstrengung, um Ziele zu erreichen, im Sport oder wo auch immer:  »Ich würde ja gerne wollen, aber mein Hirn kann nicht wollen«? Da halte ich mich lieber an David Gelernter, den großen geläuterten Informatiker: »Wir haben keine Hirne wie Computer. Hätten wir das, wären wir empfindungslose Zombies.«
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Wäre das Gehirn ein seelenloser Computer, ergäben sich interessante Aspekte. Zum Beispiel die Prozesse gegen Franck Ribery, Uli Hoeneß und Oscar Pistorius. In Zukunft stimuliert man nur den Genossen Computerhirn, ein paar Millimeter neben dem Willensstärke-Mikrochip liegt vielleicht der Punkt der bedingungslosen Wahrheitsliebe, er wird elektrisch gereizt, so dass Befragte gar nicht anders können, als die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Wie kurz wären die Prozesse, wenn dann Ribery sagt, ob er wusste, wie alt sein Geburtstagsgeschenk war, Hoeneß, ob er schon vor er Selbstanzeige von den Ermittlungen erfahren hat, und Pistorius, ob er wirklich auf einen Einbrecher schießen wollte?!
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Wie auch immer, Ribery bekäme mildernde Umstände. Die Dame, um die es geht, war schon als 17-Jährige im zielstrebigen Köpfchen älter und reifer, als Ribery jemals sein wird. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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