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Männlein und Weiblein – Die Cellulite, der Ringfinger und das Pullover-Phänomen („Nach-Lese“ vom 25. Januar 2014)

»Es ist armselig, ein Mann zu sein. Mannsein ist etwas Todtrauriges. Es ist ein karges Dasein, ein unfreies, ein einsames, ein in Anzüge gepresstes, mit zynischen Sprüchen und dreckigen Witzen garniertes.« Bitteres Fazit von Autorin Karin Steinberger auf einer der großen Seite-Drei-Reportagen der Süddeutschen Zeitung. Es ist aber nicht ihr eigenes Fazit, sondern sie zieht es für Christian Seidel, der über ein Jahr lang als Frau lebte. Einfach so. Auf High-Heels, im engen Lederröckchen und mit schweren umhängbaren Silikonbrüsten, aber recht eindeutig als Mann erkennbar.
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Seidel ist kein Transvestit, er war nur neugierig. Sagt er. Über sein Jahr als Frau hat er ein Buch geschrieben und ARTE einen Dokumentarfilm gedreht. Wäre ich böswillig, könnte ich dem knapp 1,90 m großen Ex-Manager von Claudia Schiffer, Mitentdecker von Heidi Klum und Produzent diverser Fernsehformate unterstellen, Buch und Film seien der eigentliche Sinn der Kostümierung gewesen.
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Dass ihm Männer mit Kulis in den Busen stachen, auf den Hintern hauten, ihm zwischen die Beine fassten oder mit Würgegeräuschen so taten, als müssten sie kotzen, hat aber nichts mit dem Verhältnis von Männern und Frauen zu tun, sondern mit dem unter Männern, wenn sich einer von ihnen als Frau ausgibt. Interessant und lehrreich könnte es erst werden, wenn der Mann nicht als Frauendarsteller erkannt, sondern als Frau angesehen worden wäre.
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Ich hätte in dem Experiment auch wenig mehr als einen PR-Gag gesehen, wenn mich nicht ein Detail nachdenklich gemacht hätte: Der als Frau verkleidete Mann steigerte sich immer mehr in seine Rolle hinein, fühlte immer »fraulicher«, und schließlich stellte ein Hormonspezialist fest, dass der »Testosteronspiegel bei ihm fast auf Frauenniveau abgesunken war«. Gesetzt den Fall, dass dies nicht ebenfalls ein PR-Gag zur besseren Vermarktung ist, lässt das die alte Frage neu fragen: Was unterscheidet den Mann von der Frau?
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Mein Thema seit vielen Kolumnenjahren als Schreibarbeiter im Weinberg meiner Herrinnen. Es ist aber auch unser aller Thema. »Eine neue Hirnwindung beim Mann entdeckt? Pinkelt er deswegen im Stehen? Ein Neuronenhäufchen im Sprachzentrum der Frau? Erklärt das, warum sie so viel quasselt? Kaum je ist Wissenschaft beliebter, als wenn es um den kleinen Unterschied zwischen Mann und Weib geht.« (Spiegel)
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Genau! Aber Vorsicht, da lauern tiefe Fallgruben. Vor einigen Jahren tappte der Präsident der Harvard-Universität in eine solche. Er schickte in einer Rede zwar voraus, er wolle nur provozieren, aber das half ihm nicht, als er behauptete, den Grund für die unterproportionale Zahl von Frauen auf den begehrtesten Lehrstühlen zu kennen: Frauen seien einfach nicht schlau genug. Schon war er seinen Job los.
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War ja auch recht provokant. Aber falsch? »Weil die Variabilität bei Frauen geringer sei, erreichten Frauen die Spitze der Intelligenz seltener«, erklärt die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Argumentation des Geschassten. »Er schätze das Verhältnis auf etwa 5:1. Auf fünf superintelligente Männer komme eine superintelligente Frau.« Diese geringere Variabilität, so die FAZ, sei mittlerweile im Tierversuch »ansatzweise bestätigt« worden. Das liege, so habe ich es als Laie verstanden, am X-Chromosom, das dafür sorgt, dass beim Mann die Extreme in allen Bereichen und bei allen Spezies weiter ausschlagen als bei Frauen.
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Eine Meinung dazu bilde ich mir nicht, ich bilde sie mir nicht mal ein, erlaube mir aber, Männchen machend um Gender-Fallgruben herum hoppsend, den logischen Umkehrschluss: Auf eine superdoofe Frau kommen fünf superdoofe Männer.
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In all meinen Kolumnenjahren habe ich mich an den verschiedensten Verschiedenheiten von Mann und Frau abgearbeitet, immer hart am Rande der Fallgrube. Da gibt es zum Beispiel die Scheinerkrankung »Cellulite«, mit der weltweit ein Umsatz von fünf Milliarden Euro jährlich gemacht wird, obwohl sie nicht durch Medikamente und Salben zu beheben ist. Der Hamburger Dermatologe Prof. Matthias Augustin (Uniklink Hamburg) sagt, »es handelt sich um eine harmlose, bestenfalls optisch störende Schwäche des Hautbindegewebes, die fast immer bei Frauen auftritt, und zwar im Laufe des Lebens bei fast allen.« Einige der größten Filmstar-Ikonen der 60er Jahre zeigten im Bikini die genetisch bedingten »Cellulite«-Symptome, ohne darunter zu leiden, denn sie wussten nicht, dass es ein Leiden ist. Man, nein, leider nur frau leidet daran erst, seit in einem New Yorker Schönheitssalon 1973 das Wort »Cellulite« erfunden wurde.
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Männer haben keine Cellulite, Frauen hatten keinen Sport. Pierre de Coubertin behauptete vor hundert Jahren: »Olympische Spiele sind ein Ausbund männlicher Athletik, und der Beifall der Frauen ist deren Lohn.« Das waren noch Zeiten! Als in England der Sport aufkam (während der Industrialisierung) war vorherrschende Meinung der Sportler über Sportlerinnen, dass es gar keine geben sollte. Selbst die ersten englischen Sportwissenschaftlerinnen sahen das ähnlich: »Es gibt auf der Welt keine bessere Übung zur Körperertüchtigung, als einmal tüchtig den Tisch zu schrubben.«
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Da waren wir in Deutschland aber schon bald emanzipationsfreudiger: Bei einem Fahrradrennen 1904 in Berlin durften auch Frauen teilnehmen. Die Besten standen sogar in der Zeitung. Allerdings nur mit Vornamen, weil »es ihren Familien unmöglich angenehm sein kann, wenn ihre Namen in dem Bericht öffentlich genannt werden«, meinte die Redaktion.
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Heute werden Sportlerinnen nicht mit beziehungsweise ohne ihren Namen diskriminiert, sondern durch die Fingerforschung. Stand der Dinge: Gute Sportler haben längere Ringfinger als schlechtere. Bei einem »richtigen« Mann ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger, während bei »echten« Frauen beide Finger gleich lang sind. Je länger der Ringfinger, desto besser der Sportler. Aber auch aggressiver (hängt ja irgendwie zusammen). Kommt, so die Forschung, durch vorgeburtliche Prägungen, denn im Mutterleib stimuliere Testosteron das Wachstum des Ringfingers und Östrogen das des Zeigefingers.
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Eine alte Mär der Fingerforschung. Jüngst kam der alte Wein in einen neuen Schlauch, denn eine britische Studie verkündete, dass Börsianer um so mehr Profit machen, je länger ihr Ringfinger ist. Wussten wir doch schon lange: Das sind Langfinger!
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Allerdings: Den absolut Längsten (Ringfinger) haben … Homosexuelle. Sagt die Forschung. Und ich messe bei mir nach: Okay, Ringfinger länger als Zeigefinger. Aber wer ragt denn da in der Mitte zwischen diesen beiden weit hervor? Vor allem, wenn ich Zeige- und Ringfinger einziehe? Den muss ich den Fingerforschern unbedingt mal zeigen – dann wissen sie auch, was ich von ihnen halte.
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Von all den angeblichen und/oder tatsächlichen Unterschieden verblüfft mich nur einer immer wieder aufs Neue: das Pullover-Phänomen. Denn Frauen ziehen sich den Pullover mit den überkreuzten Händen von vorne unten hoch, statt wie wir Männer in den Nacken zu greifen und den Pullover von hinten über den Kopf zu krempeln. Das ist eindeutig angeboren, allem Gendern zum Trotz. Versuchen Sie’s mal – Männlein oder Weiblein? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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