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Ein Arbeiter aus der Vorstadt (“Wer bin ich?” vom 23. Januar)

Über meine sportlichen Erfolge verrate ich nichts, sonst wird es zu leicht für Sie. Außerdem lasse ich lieber andere über mich reden. Zum Beispiel Udo Jürgens: »Ich erinnere mich noch an unsere gemeinsamen Langlauftouren am Schwarzsee. Ich war mit meiner ersten Runde kaum fertig, da hörte ich ihn auch schon wieder hinter mir. Unglaublich, was der Bursche an Kondition hatte.« Dafür kann der Udo besser singen als ich. Und der Toni Sailer konnte besser Ski laufen, daher nahm ich ihm auch nicht übel, was er einmal über mich geschrieben hat: »Irgendwann kam mir eine ganz merkwürdige Gestalt auf Brettern am Hang entgegen. Ich dachte, was ist das denn für ein Schlitten. Mit breiten Beinen, ungelenk, gebückt. Inzwischen läuft er aber wie ein alter Pistenfuchs.« Beim Golfen hätte ich den Toni, Gott hab ihn selig, beinahe schwer verletzt, als ich nach einem verschlagenen Ball mein Eisen vor Wut in hohem Bogen wegwarf, über einen Hügel, hinter dem Toni schon auf den nächsten Abschlag wartete. Apropos Abschlag – den macht man in der Golf-Fachsprache von einem »Tee«. Ich machte ihn einmal von einem ganz speziellen »Tee« aus. Hole-in-one! Wer bin ich?

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Nein, das ist hier NICHT die Frage, das war sie ganz zu Beginn unserer Serie vor zweieinhalb Jahren, und sie war von allen bisherigen mit am leichtesten zu beantworten. Auf Teilnehmer-Wunsch streuen wir in diesem Jahr einige alte »Wer bin ich?«-Fragen ein, aber die Antwort wird nicht mit einem Punkt belohnt, sondern ist nur der erste Hinweis auf den neu zu Ratenden. Und der stellt sich jetzt vor.

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Als ich einmal im »Sport-Studio« des ZDF zu Gast war, hat mich der Moderator, ein arroganter Schnösel, regelrecht vorgeführt. Ich war mit dem Mund nicht so gut zu Fuß wie die Jungs heute, die Medienkurse absolviert haben und auf jede Frage eine beliebige Antwort wissen. Ich schwitzte und schwitzte und drückte ein paar Wörter aus mir heraus, was der Schnösel kalt lächelnd beobachtete und mir nicht zu Hilfe kam. Im Gegenteil, er genoss es sichtlich, dass ich am Ende des Interviews schweißüberströmt vor ihm saß, fix und fertig.

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In meiner Sportart habe ich alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Eine meiner größten Taten gelang mir in einem Finale, wodurch ich etwas erzwang, was es heute gar nicht mehr gibt. Nach einem Achillessehnenriss beendete ich meine Karriere.

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Das sportliche Talent habe ich wohl von meinem Vater, der Ringer war. Ringer … schon lacht jeder, der mich kennt. Ich habe einen anständigen Beruf gelernt, Buchdrucker, und nach meiner sportlichen Laufbahn führte ich jahrelang einen kleinen Laden. Manchmal kamen Neugierige und begrüßten mich, per Sie, mit meinem Spitznamen, unter dem ich fast bekannter war als unter meinem richtigen Namen.

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Den Laden habe ich vor fünf Jahren geräumt. In Zeiten des Internets hatte er keine Zukunft mehr. Über Wasser gehalten hatte mich jahrelang ein Großkunde, der mir bis zum Schluss die Treue hielt. Ich war dankbar, aber irgendwie war das ja auch selbstverständlich.

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Von den Medien habe ich mich eigentlich immer ferngehalten, sich mündlich und optisch zu präsentieren, das war nie mein Ding. Obwohl – ich habe ja einmal in einem Film mitgespielt, der sogar meinen Namen trug. Den Titel hat sicher auch mancher auf dem Sportfeld ausgerufen …

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Obwohl ich ein einfacher Mensch war und bin, ohne jeden Glamour, bin ich zu einer Art Kult geworden. Vielleicht gerade deswegen, und weil ich das absolute, aber unverzichtbare Gegenstück … nein, das verrate ich nicht, sonst wird’s für Sie zu leicht.

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Ich würde hier gerne zum Abschluss ein Gedicht vortragen, das ein berühmter Schriftsteller geschrieben hat, aber so etwas ist ja heute ganz einfach zu googeln, daher überlasse ich es dem Redakteur, ein paar Zeilen zu zitieren, leicht verändert, damit es keine Suchmaschine finden kann:

 

Ich bin ein Arbeiter aus der Vorstadt

Bin geboren für das Einfache

Nicht zuständig für Kunst und Glamour

Eckig wie eine ….

 

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Wie eine was? Wer diesen etwas »eckigen« Vergleich findet, verdient sich einen zweiten Punkt in der ersten Runde 2014: Welcher Sportler wird gesucht, und wie »eckig« ist er? – Einsendeschluss: Montag, 27. Januar. (gw) * (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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