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Montagsthemen (vom 20. Januar)

Während das Schweigen der behandelnden Ärzte nach Michael Schumachers Unfall von Tag zu Tag lauter und bedrohlicher wird, erinnert Joachim Deckarms 60. Geburtstag wieder an ein ähnliches Geschehen. Wer zu jung ist, um es zu wissen: Deckarm war ein strahlender Held des deutschen Sports, bester Handballer überhaupt, beliebt, eloquent, Einser-Abiturient und Mathe-Student. In einem Freundschaftsspiel in Tatabanya prallte er mit einem ungarischen Gegenspieler zusammen und knallte mit dem Kopf auf den Boden, ein furchtbarer Sturz.
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So weit, so schlimm, so bekannt. Was nicht jeder weiß: Deckarm wurde schon zuvor nach einem Zusammenprall benommen vom Platz getragen, kehrte aber Minuten später wieder zurück. Fatal? Wer weiß. Auch ob die katastrophalen Folgen des Sturzes heute weniger tragisch wären, weil die Böden kein nackter Beton (mit dünner PVC-Schicht) mehr sind wie in Tatabanya, kann niemand mit Gewissheit sagen.
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Etwas aber weiß man. Es gab ein zweites Opfer, den Ungarn, mit dem Deckarm zusammenprallte. Lajos Panovics wurde sogar als »Mörder« beschimpft. In einem der ersten »Anstoß«-Texte schrieb ich (damals hieß die Kolumne noch »Unsere Meinung«/2. April 1979): »›Bild‹ wusste es wieder einmal besser: Joachim Deckarm sei von seinem Gegenspieler ›brutal zu Boden gestoßen‹ worden, meldete das Blatt, obwohl Millionen von Fernsehzuschauern gesehen haben, dass Joachim Deckarms lebensbedrohenden Verletzungen durch einen tragischen, unbeabsichtigten Unfall verursacht wurden.« – Auch Panovics leidet noch heute. Er spielte nie mehr Handball, litt unter schweren Depressionen und weiß: »Ich nehme das Deckarm-Trauma mit ins Grab.«
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Angenehmeres Thema: Schumis Formel-1-Nachfolger Sebastian Vettel soll Papa geworden sein. Er, seine Freundin, die Familie, das Management sagen nichts dazu. Grundsätzlich. Wohltuendes Gegenmodell zu anderen Ganz-, Halb und Viertelpromis, die schon längst jubelnd getwittert und Fotos auf Facebook gepostet hätten, auch mit Aufnahmen von der Geburt, demnächst sicher auch mit filmischen Belegen des Zeugungsaktes.
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Bayern verliert! Gegen Salzburg. Salzburg! Sie sind also doch zu schlagen, sogar von Red-Bull-Ösis … wird die Bundesliga-Saison noch spannend? Ja, aber nicht wegen der Bayern, sondern wegen Eintracht, BVB und Co. Im Nachhall zur letztwöchigen »Anstoß«-Kolumne (»Tage wie diese«) eigentlich eine überflüssige Feststellung: Wer in den Aufbau-Trainingstagen mit Zauberfußball Testspiele gewinnt, macht etwas falsch. Auch wenn niemand freiwillig verliert: Niederlagen jetzt sind Schall und Rauch.
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Niemand verliert freiwillig? Na ja, die Wett-Mafia arbeitet fleißig an der Widerlegung meiner naiven sportlichen Überzeugung. Seit die Bundesliga nicht nur indirekt von uns allen (durch öffentlich-rechtliche Fantastillionen), sondern auch direkt durch Zocker-Firmen finanziert wird, bröckelt meine Gewissheit, die bereits nach Hoyzer – schon vergessen? Der bestochene Schieri – schwer beschädigt worden war.
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Im Januar 2014 wurde Oliver F., Begründer des Sportwetten-Unternehmens HappyBet, in Frankfurt-Sachsenhausen auf offener Straße erschossen. Offenbar von Profis durch Kopfschüsse hingerichtet. Die Spur der Mörder verliert sich im Wett-Mafia-Milieu.
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Meldung auf der Homepage im Oktober 2013: »HappyBet wird ab sofort neuer Premium-Partner von Bayer 04 Leverkusen.« Das eine hat mit dem anderen natürlich überhaupt nichts zu tun. Niemals würden sich seriöse Bundesligisten von unseriösen Wettbüros aushalten lassen. Die indirekten Gedanken aber sind frei.
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»Auf offener Straße«? Wir lesen und hören doch täglich, dass die grässlichsten Dinge auf dieser offenen Straße geschehen. Warum macht man die nicht einfach mal zu? – Sorry, alter Kalauer von mir.
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Zugabe: Sehr offen sind die Straßen leider auch bei der Rallye Dakar, früher Rallye Paris – Dakar, heute durch Südamerika, aber egal auf welcher Route immer durchs wilde Absurdistan führend. Zur Zeit brettern sie durch die Wüste Atacama, eine der trockensten der Welt, auf der aber schon einmal eine Etappe wegen Überschwemmungen ausfiel. Hübsch auch, als ein VW in der Wüste im Wasserloch stecken blieb; demnächst scheidet ein deutsches Boot beim America’s Cup mit Dürreschaden aus.
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Ebenfalls an einen alten Real-Kalauer erinnert mich der französische Präsident, der auf dem Moped durch Paris zur Geliebten knattert. Fast so verwegen  wie einst Friedrich »Merkel-Opfer« Merz, der als Jugendlicher im Sauerland mit dem Mofa über nicht für den Verkehr freigegebene Feldwege hoppelte. Im Gegensatz zu Hollande bretterte CDU-Merz sogar ohne Helm über Grüne-Plan-Wege, der wilde Hund!
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Sauerland. Dazu fällt mir jetzt noch der Odenwald ein. Und unser Vogelsberg. Weil: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat große Probleme mit den Einheimischen, seit eine FAS-Redakteurin über die »Hölle« ihrer Kindheit im Odenwald schrieb. Ob Jung oder Alt, Rechts oder Links, eine viel größere Odenwälder Koalition als Merkels GroKo geht auf die Barrikaden und, schlimmst denkbarer terroristischer Akt für einen Zeitungsverlag, kündigt das FAS-Abo.
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Liebe Kollegen, euch fehlt das Einfühlungsvermögen in die Seele eurer Leser. Als sich in turbulenten Eintracht-Zeiten die SGE-Führung wieder einmal dilettantisch verhielt, juxte ich: »Fast denkt man an ein Bäuerchen aus dem Odenwald, das glaubt, in der Kaiserstraße gegen einen albanischen Hütchenspieler zu gewinnen.« Proteste? Nur ein Zurückjuxen vom Politiker Merz (nicht der sauerländische CDU-Friedrich, sondern unser hessischer SPD-Gerhard): »Das mit dem ›Odenwälder Bäuerchen‹ hat mich als Odenwälder Bauernbuben schwer gekränkt. Merken Sie sich: Odenwälder Bäuerchen fahren in ›die Stadt‹, d. h. bei uns: nach Darmstadt! Und: Odenwälder Bäuerchen gewinnen!«
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Klar doch. Und ich fühlte mich bestätigt – echte Proteste gab es nicht. Denn in meiner ersten Version kam das Bäuerchen aus unserem Vogelsberg, dann verlegte ich es aber in den Odenwald, fernab unseres Verbreitungsgebietes, um keinem Leser auf die Gummistiefel zu treten. So macht man das, FAS! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle