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Sport-Stammtisch (vom 18. Januar)

Das Schlagzeilen-Karussell rotiert immer schneller. Auch Thomas Hitzlspergers Outing ist schon wieder an uns vorbei gerauscht … stopp! Falscher bildhafter Vergleich: Auf dem Karussell des richtigen, des ehrenwerten Rummels käme Hitzlsperger immer wieder an uns vorbei, das Medien-Karussell aber rotiert nicht, es beschleunigt linear von Top ins Off.
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Hitzlsperger lagen Einladungen für jede Talkshow vor, er hat sie alle abgesagt (ein weiterer Sympathiepunkt). Apropos: Hübschester Beleg für die Beliebigkeit derartiger Sendungen bleibt ein arbeitsloser Kenianer, Vorname Guy, der sich bei der BBC in London als Buchhalter bewarb: Steht an der Rezeption, wartet, aufgerufen zu werden. Kommt ein Mann, fragt nach Guy. Guy meldet sich. Er soll mitkommen, schnell, schnell, es eilt. Wird in ein Zimmer geschoben, auf einen Sessel gesetzt, eine schicke Blonde sitzt vor ihm, stellt ihn als Herausgeber einer Technology-Website vor. Er soll ein Gerichtsurteil zum Downloaden von Musik kommentieren. Tut er auch. Beantwortet alle Fragen. Ausweichend, freundlich, ahnungslos, aber gutwillig und engagiert. Ist schließlich sein Bewerbungsgespräch als Buchhalter. Dann kommt der richtige Guy rein, ein Fachmann für Internet-Rechtsfragen. Verspätet. Und so hatte unser Guy seinen Auftritt als Experte im BBC-Fernsehen und wurde damit zwar nicht Buchhalter, aber berühmt. Kurzfristig, aber immerhin länger, als Andy Warhol 1968 voraussagte: »In Zukunft wird jeder 15 Minuten berühmt sein.«
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Was habe ich geschrieben? Hitzlsperger »hat alle Talkshows abgesagt«? Da veralbere ich immer die nachlässigen Meldungsschreiber, die das wichtige Wörtchen »Teilnahme« vergessen und daher den einen verletzten Sportler die Fußball-WM, den anderen gleich ganz Olympia ausfallen lassen (»Vonn sagt Sotschi ab«), und nun sagt bei mir Hitzlsperger alle Talkshows ab – was können wir dann überhaupt noch fernsehen in diesem Jahr, ohne WM, Olympia und die Jauchmaischbergers?
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Soeben fällt mir ebenfalls ein und auf, dass auch Medien-Karusselle rotieren können, denn Jahr für Jahr rauscht ein »Unwort des Jahres« an uns vorüber. Diesmal also »Sozialtourismus«. Wie alle anderen Unwörter der Vergangenheit habe ich auch den »Sozialtourismus« zuvor selten gelesen und nie geschrieben. Wer will und die IT-Fähigkeiten dazu hat (trifft bei mir beides nicht zu), kann ja mal googeln, wie oft das Wort vor und nach der Wahl im Internet auftaucht. Ich tippe auf ein Verhältnis von eins zu zehntausend.
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Mein Unwort des Jahres bleibt sowieso »Unwort des Jahres«, egal, wie es heißt. Diesmal prägt es aber sogar die Weltfußballerwahl, denn alle drei Nominierten sind Sozialtouristen, die ihr Land aus wirtschaftlichen Gründen verlassen und als Immigranten ihre soziale Lage entscheidend verbessern. Wobei uns ein Ronaldo in Madrid ungefähr so viel kostet wie zehntausend Immigranten vom anderen Ende der sozialen Bandbreite.
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Ja, uns. Kleiner sportpopulistischer Exkurs: Wer weiß, wie Real Madrid sich finanziert, weiß auch, wofür er Steuern zahlt. Und wer sich über Sozialtouristen ärgert, sollte sich fragen, ob er nicht selbst einer ist – wenn er für 300 Euro All-inclusive-Urlaub dort macht, von wo die meisten Immigranten zu uns kommen.
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Noch mal zur Weltfußballerwahl: Ribery verpi … verdünnisierte sich still motzend vorzeitig durch die Hintertür. Er hätte lieber die Abstimmung studieren und seine Schlüsse ziehen sollen: Gewählt haben Journalisten, Mannschaftskapitäne und Nationaltrainer. Bei Spielern und Trainer lag Ronaldo vor Messi, nur die Journalisten hatten Ribery vorn. Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen.
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Und doch noch einmal zum Unwort des Jahres. Auch im Sport ist das meinige immer das gleiche: Tatsachenentscheidung. Eine Contradictio, ein Widerspruch in sich, denn wie zuletzt in Hoffenheim sehen bisweilen Millionen eine Tatsache, die nur einer nicht sieht, nicht sehen darf und daher eine Irrtumsentscheidung trifft.
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In diesem Zusammenhang ist meine – sehr späte – Sympathie für Jupp Heynckes noch gewachsen, denn auch er (siehe »Ohne weitere Worte« vom Dienstag) plädiert für meine »Video-Hilfe« des Schiedsrichters (per Monitor des vierten Offiziellen).
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Ob Wahl zum Weltfußballer oder Unwort des Jahres, überhaupt die ganze Rankeritis, ich kritisiere sie oft und gerne. Zuletzt verspottete ich in den »Montagsthemen« wieder einmal Alfredo W. Pöge und seine IFFHS, »die aberwitzigste Fußball-Rankings bastelt«. Dazu mailt Steffen Tüscher aus Bad Nauheim: »De mortuis nil nise bene. Alfredo Pöge ist lt.Wikipedia im März 2013 verstorben.«
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Uff. Wer den Unfug der Rankeritis verspottet, sollte sich hüten, selbst Ranking-Unfug zu verzapfen. Auch mit der höhnischen Vermutung, die IFFHS sei eine »Organisation, hinter der sich in etwa so viele Menschen verbergen dürften wie hinter dem Kürzel ›gw‹«, spotte ich also meiner eigenen Beschreibung. Leider fällt diese Kolumne nicht in den Einflussbereich des DFB, der mir daher auch nicht die passende Ausrede liefern kann: Irrtum? Nein, Tatsachenentscheidung! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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