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Donnerstag, 16. Januar, 8.35 Uhr

Vor einigen Monaten habe ich das “Sport-Leben” aus dem Blog- und Archiv-Angebot entfernt bzw. stillgelegt, weil es in einem anderen Zusammenhang gebraucht wurde und eine Zeitlang nicht sichtbar sein sollte. In der Zwischenzeit haben sich immer wieder einmal Leser gemeldet, die es vermissen, weil sie es nachlesen wollten oder durch Links anderer darauf aufmerksam geworden waren, aber ins Leere linkten. Jetzt wollte ich den Text wieder aktivieren, fand ihn aber nicht mehr. Wir arbeiten daran.

Das “Sport-Leben” beinhaltet mein Leben als Kugelstoßer (nur das) und dadurch zwangsläufig auch das meines Freundes Ralf Reichenbach (im vor der Jahrtausendwende geschriebenen Text “Jan” genannt). Viele, die den Text lasen, mussten danach erst einmal tief durchatmen. Ich hatte ihn damals in mehreren Schüben geschrieben, manchmal fast wie in Trance, ohne journalistische oder literarische Regeln zu beachten und nicht einmal, wie heute beim Glossenschreiben, Stichworte zu notieren und aus ihnen ein Assoziationskettchen zu knüpfen. Erst ganz am Schluss redigierte ich ein wenig.  Nach all den Jahren, in denen ich den Text nie mehr gelesen habe, kann ich mich auch nicht mehr an alles erinnern, ich weiß nur: Es ist die nackte Wahrheit.

Vor ein paar Tagen meldete sich Christian S., der den Text vermisste. Daraus entstand ein Mail-Dialog, aus dem ich einiges von Christian S. zitieren möchte.

 

Ich bin Christian aus Berlin und war mit Ralf befreundet. Wir sind uns beide auch schon dreimal über den Weg gelaufen: in einem Kommerz von Kutte B. in der Konstanzer Straße in Berlin, bei der Eröffnung des RET und auf der Beerdigung. Gestern bin ich zufällig in der Bergstraße in Berlin-Steglitz gelandet und war seit langer Zeit mal wieder am Grab von Ralf. Ein Wahnsinn, wie die Zeit vergeht… Noch heute stelle ich mir in mancher Situation Ralfs  Reaktion vor. Wir konnten gut zusammen lachen, aber uns auch gegenseitig in den Wahnsinn treiben. Ich zog ihn gerne mit seinem Umfeld auf, die “Glatten”, wie ich sie nannte, die solarium-gebräunt, blond-gesträhnt und  aufgepumpt jeden Tag im CAFÉ NEW YORCK in der Lietzenburger Straße in der Sonne saßen. B-Promis und Halbwelt garniert mit Barbies und Selikon-Tussen. Ralf war immer pünktlich und gut organisiert, ich in allem  ein wenig lässiger. Er konnte aus seiner etwas verkrampften Haut nicht raus und ich nahm manche Dinge etwas zu locker. Ich glaube, jeder von uns hatte Momente, in denen er gerne ein  bisschen wie der andere gewesen wäre. Jedenfalls waren wir mehr, als nur verlässliche Geschäftspartner. Sein Tod hat mich damals ganz schön aus der Bahn geworfen und ich habe Jahre gebraucht darüber hinweg zu kommen. Irgendwann bin ich im Internet zufällig auf den Anstoss und  “Sport-Leben” gestoßen. Obwohl du dort ja in erster Linie deine Sportkarriere beschreibst, hat mir der Text damals Ralf wieder sehr nahe gebracht, dafür war und bin ich dir dankbar. Ich hätte ihn gestern gerne mal wieder gelesen, habe ihn  aber im Internet nicht gefunden.

 

Nach meiner Antwort (ich konnte mich nur sehr vage erinnern) mailte Christian S.:
Ich glaube nicht, dass du mich jemals wirklich wahrgenommen hast, aber ich kenne dich natürlich von Ralfs             Erzählungen und weiß, dass du neben R. der wichtigste Mensch in seinem Leben warst. Bei Kutte B. warst du am Glühen, bei der Eröffnung vom RET saßt du am Tresen und hast nur kurz über die Schulter geschaut, als wir uns vorgestellt wurden. In Ralfs Sportlerkreisen war ich mit meinen 182 cm und meinem  undisziplinierten Lebenswandel eine eher unbedeutende Größe…

 Ein Gedanke lässt mich nicht los. Einen Tag vor seinem Tod war ich mit Ralf wie so oft mittags zum Essen beim Chinesen am Bundesplatz. Das Gespräch nahm einen etwas merkwürdigen Verlauf. Unsere Verabschiedung verlief auch anders als sonst. Auf halbem Weg zu seinem Wagen drehte er sich, sehr ungewöhnlich, nochmal  zu mir um und hob zum Gruß seinen Arm. Ich weiß natürlich, dass uns unser Gehirn gerne mal einen Streich spielt und dass Erinnerungen verwischen können. Aber ich habe im Nachhinein den Eindruck, als sei dies ein geplantes Abschiedsessen gewesen. Irgendwie lässt mich dieser Gedanke nicht los, obwohl es eigentlich bedeutungslos ist und auch nichts ändert. Er fehlt mir immer noch.

 

Aufgewühlt von den Erinnerungen schrieb Christian S. ein drittes Mal:

Ralf war für mich wie ein großer Bruder, allein das Wissen um seine Existenz hat mir Kraft und Sicherheit gegeben. Was die moralischen Ansprüche an uns selbst und unserem Umfeld gegenüber betrafen, waren wir deckungsgleich. Wir brauchten keine schriftlichen Verträge. Was wir absprachen galt, unabhängig, welche Konsequenzen sich daraus ergaben. Und wir waren immer im gleichen Maße überrascht und irritiert, wenn andere Menschen diesem Zwang offensichtlich nicht unterlagen.
Mein Leben hat sich nach seinem Tod dramatisch verändert, ich war jahrelang wie gelähmt. Aber ich kann nicht nur diesem Ereignis meine weitere Vita anlasten. Es liefen zeitgleich einige Dinge aus dem Ruder und so sind die Dinge heute, wie sie sind…
 Ich habe ihn unfreiwillig beerbt. Als ihm die Polizei zu sehr auf den Fersen war, hat er die “Medikamente” und das “Metall” bei mir deponiert. Die Ampullen hat er irgendwann wieder abgeholt, das Eisen liegt heute noch in meinem Schrank. Den Besitz habe ich jahrelang als sehr tröstlich empfunden, für den Fall, dass ich den Schmerz nicht mehr aushalten kann oder will. Das hat mir in den ersten Jahren wirklich Kraft gegeben.
 
Es sind übrigens nicht so sehr die Passagen über Ralf in dem Text, die ihn mir näher gebracht haben, denn vieles davon habe ich ja aus erster Hand erfahren. Es sind viel mehr die Passagen, die euren Sport betreffen, denn das war zwischen Ralf und mir nie ein Thema. Was hätten wir auch in diesem Zusammenhang besprechen sollen, was hätte er mir darüber erzählen können, was ich als Nichtschwerathlet und Nichtleistungssportler auch nur ansatzweise hätte nachvollziehen und begreifen können. Das war dein Part und ich denke, ihr konntet euch beide glücklich schätzen, euch in dieser intensiven Zeit so nah begleitet zu haben, was unter Konkurrenten sicher nicht die Norm ist.
 Anrührend finde ich die Beschreibungen deiner Selbstboykottierungen, das sehenden Auges auf Abgründe zulaufen, unfähig die Richtung zu ändern (das kenne ich in anderen Zusammenhängen von mir selber). Die Übungen direkt vor den Wettkämpfen, die du so plastisch und nachfühlbar beschreibst, dass man mitleidet, dazwischen gehen, dich anschreien möchte.
Ich leitete damals für einen Freund einen Autoplatz in Mitte, direkt neben dem Friedrichstadtpalast. Es waren Verkäufer angestellt, eine Sekretärin und ein Wagenpfleger. Ich hatte lediglich die Aufsicht und verwaltete die Gelder. Als Büro hatte ich einen eigenen Container. Das waren für Ralf natürlich die idealen Voraussetzungen. Ich hatte nichts Großes zu tun, konnte mich nicht entziehen, war für ihn bei Bedarf quasi ständig verfügbar und er konnte mich, wann immer er Zeit hatte, aufsuchen, musste keine Termine planen. Und so kam mehrmals die Woche das schwarze Coupé auf die Einfahrt gerollte, Ralf quälte sich aus dem Wagen, in der einen Hand das Back Gammon Spiel, in der anderen ein riesiges Tuppergefäß randvoll mit trockenem, gekochtem Reis, auf den er später einen kleinen Becher Magermilchjoghurt leeren würde, um dann in unglaublichen Löffelportionen und einer unglaublichen Geschwindigkeit dieses trockene Zeug in sich hinein zu stopfen. An einem dieser Tage, als der Rücklauf für ihn besonders hoch war, wir den Verdopplungswürfel mit Biebern und Rückbiebern vollständig ausgereizt hatten, es allein in diesem Spiel um mehrere Tausend Mark ging und ich das eigentlich bereits verlorene Spiel nur mit einer bestimmten, unwahrscheinlichen Wurfkombination gewinnen konnte und ich diese noch lachend reinunkte, gingen ihm die Nerven durch und er schlug mit beiden Händen auf den Tisch, dass das Brett 20 cm abhob und Würfel und Steine durch den Raum sprangen.
 
Ich könnte noch unzählige kleine Episoden berichten, an die ich mich gerne zurück erinnere.
 
Stimmte es eigentlich, dass er sich das PRALLO Pulver auch trocken runter wirkte? Diese Geschichte ging damals jedenfalls durch die Stadt und es würde mich nicht wundern, wäre sie wahr.
Ist sie nicht. Trocken runtergewürgt hat er, haben wir nur Weizenkeime oder -kleie. Eklig genug. Ich nehme an, die Auszüge aus den Mails von Christian S. (der der  Veröffentlichung im Blog ausdrücklich zugestimmt hat) interessieren und berühren alle Leser des “Sport-Lebens”. Wenn ich den Text wieder hergestellt habe, will ich die Auszüge dort anhängen.

 

Baumhausbeichte - Novelle