Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Tage wie diese (“Anstoß” vom 16. Januar)

Hat Ronaldo die Wahl verdient? Verlor Ribery nur, weil ihn außerhalb des FC Bayern niemand so richtig lieb hat, vor allem nicht in seinem Heimatland? Ist Messi nicht doch der Allerbeste? Müßige Fragen, wie bei allen derartigen Abstimmungen, die sich nicht nach objektiven Kriterien richten, sondern reine Geschmacksache sind. Denn wären sie es nicht, müsste der beste Spieler der besten Mannschaft gewählt werden. Also Ribery? Oder doch eher Robben? Vielleicht Müller? Neuer? Schweinsteiger, mein persönlicher Favorit? Man lässt sie alle vor dem inneren Fußball-Auge Revue passieren und kommt dann vielleicht am ehesten auf … Lahm.

*

Müßige Fragen, wie gesagt. Nur Spielerei mit Namen. Die Wahl ist schnell vergessen. Morgen fragt niemand mehr danach. Heute ist etwas ganz anderes wichtig. Gerade in diesen fußballfreien Tagen wird entschieden, wer sich in der Bundesliga hinter den Bayern einreiht und die Champions League erreicht/verpasst, es wird die Basis für den Kampf gegen den Abstieg und sogar auch schon für WM-Erfolg und Misserfolg gelegt. Und da der nächste Weltfußballer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Topspieler des kommenden Weltmeisters sein wird, vorentscheidet sich heute auch schon die Weltfußballerwahl von morgen.

*

Weil: Der größte Unterschied zwischen dem Fußball von einst und jetzt ist nicht das individuelle Können am Ball, nicht die Spielintelligenz, sondern die Geschwindigkeit von Akteuren und Ball über 90 Minuten. Bei 50 Spielen pro Saison, für die Besten und Erfolgreichsten noch einige mehr, und einer WM zum krönenden und wichtigsten Abschluss, kommt dem Zwischenaufbau in der Winterpause (wenn man sie denn glücklicherweise hat) entscheidende Bedeutung zu. Die wichtigsten Spiele der Saison finden zum Schluss statt, das allerwichtigste ganz zuletzt, und nur, wer noch physisch und psychisch zu Hochgeschwindigkeitsfußball fähig ist, kann dann bestehen.

*

Daher sind Tage wie diese so wichtig. Dass ausgerechnet die Frankfurter Eintracht, die sich nach Dreifachbelastung angeschlagen in die Winterpause gerettet hat, sich in dieser die kürzeste Akku-Aufladphase gönnt, hat Tradition: Als hessische Traumtänzer vor zwei Jahrzehnten nach total verschlampter Saisonvorbereitung auch die Winterpause nicht zum Aufbau nutzten, sondern sich als »Hallen-Könige« feiern ließen, kündigte ich mitten in der Euphorie an: »Wenn die grundlegenden Erkenntnisse der Trainingslehre auch nur annähernd für den Fußball gültig sind, muss die Eintracht absteigen.« Leider behielt ich Recht.

*

Noch wichtiger als das Training in der Winterpause ist, wie es gestaltet wird. Da neigen einige Haudegen unter den Trainern zur »Gras-Fressen«-Methode und triezen ihre Spieler ein paar Tage lang buchstäblich bis zum Erbrechen. Doch in diesen Tagen müsste im Aufbautraining zwar zweimal am Tag vorsichtig an die Grenze der Leistungsfähigkeit gegangen werden, aber nie darüber hinaus, das wäre kontraproduktiv.

*

Das ebenso falsche Gegenmodell zum Grasfresser-Trainer bilden die Entertainer, die für Spaß und Abwechslung sorgen wollen. So gab es in dunklen bzw. quietschbunt grell glitzernden Frankfurter Jahren Trainingslager, in denen Tennisturniere veranstaltet und sogar Auto-Schleuderkurse und sonstiger Jux betrieben wurden, »um die Jungs bei Laune zu halten«. Die müssten eh von morgens bis abends strahlend gelaunt sein – wenn sie auf ihre Kontoauszüge schauen.

*

Klar, Grasfresser wie Entertainer gibt es kaum noch, die Zeiten haben sich geändert, auch und vor allem bei der Frankfurter Eintracht (hoffentlich!). Die junge Trainer-Generation (Augsburg, Hoffenheim, Stuttgart etc.), von ihren Vorreitern Klopp und Tuchel inspiriert, hat längst den Anschluss an moderne Trainingsmethodik gefunden. Also an andere Sportarten. Der ehemalige Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters, Hoffenheims Direktor für Sport und Nachwuchsförderung, benennt (im FAS-Interview) die Problematik des modernen Fußballs: »Die Umfänge und die Intensität der Laufleistungen, die entsprechende Anzahl der Sprints, die starke Ausprägung des sehr schnellen, aggressiven Spiels mit der Vorwärtsverteidigung haben ein hohes Maß an Belastung geschaffen.« Diese muss durch fein austariertes Training abgemildert werden. Denn mit körperlich und mental ausgepowerten Spielern gewinnt man keinen Kampf gegen den Abstieg und keine Weltmeisterschaft.

*

Allerdings weiß Peters auch, dass es noch einige Trainer-Relikte gibt: »Die schlechteren Trainer machen immer die gleichen Fehler, sie hauen in der Vorbereitung rein wie Bolle. Da arbeiten sie zu intensiv und zu viel. Dann entsteht das Phänomen, dass die Hälfte des Teams zu Saisonbeginn top da ist, dann aber sehr schnell die Form verliert.«

*

Da der Neustart nach der Winterpause ebenfalls eine Art Saisonbeginn darstellt, wird dieses Phänomen in drei, vier Monaten wieder auftauchen – weil Fußballer entweder zu viel Gras fressen mussten oder zu viel Wellness genießen durften. Lassen wir uns überraschen, wen’s trifft. Aber wenn’s trifft, trifft es den Richtigen.  (gw)

* www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de

Baumhausbeichte - Novelle